Syrien nach Assad: Schleichende Islamisierung?
Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa (2. v. r.) beim Eid-al-Fitr-Gebet in Damaskus. Seine Regierung verspricht einen Wiederaufbau im Konsens – zugleich gibt es Sorgen über einen wachsenden islamistischen Einfluss im Land.
Zusammenfassung
- Eineinhalb Jahre nach dem Ende der Assad-Diktatur beschreibt das christliche Hilfswerk „Blaue Maristen“ Syrien als von Inflation, Armut, instabilen Verhältnissen und ausbleibendem Wiederaufbau geprägt.
- Politisch sieht der Arzt Nabil Antaki wenig Fortschritt, da das neue Parlament von islamistischen Kräften dominiert werde, Christen nur schwach vertreten seien und rechtsstaatliche Verfahren vielfach fehlten.
- Zugleich berichtet Antaki von einer schleichenden Islamisierung auf lokaler Ebene, nennt aber auch einzelne Verbesserungen wie mehr Strom, Digitalisierung der Verwaltung und weniger Korruption.
Viel Schatten und nur wenig Licht gibt es in Syrien rund eineinhalb Jahre nach dem Ende der Assad-Diktatur. Das berichtet der Arzt und Mitbegründer des syrischen Hilfswerks „Blaue Maristen“, Nabil Antaki, in einem Schreiben aus Aleppo an die „Initiative Christlicher Orient“ (ICO), das auch der Nachrichtenagentur Kathpress vorliegt. Antaki schreibt etwa von einer schleichenden Islamisierung des Landes und einer weiterhin katastrophalen Wirtschaftssituation.
Vor diesem Hintergrund wollten die letzten Christen ihre Heimat lieber heute als morgen verlassen. Positiv vermerkt Antaki zugleich etwa die Bemühungen der Regierung in Damaskus unter dem Islamisten Ahmed Al-Sharaa zur Bekämpfung der Korruption und eine bessere Stromversorgung als früher.
Instabile Verhältnisse
Die wirtschaftliche Lage sei nach wie vor katastrophal, so Antaki: „Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen weiter an; die Mieten haben sich innerhalb von eineinhalb Jahren verdreifacht. Obwohl die Gehälter bereits zweimal um 200 Prozent erhöht wurden, können die meisten Familien nicht über die Runden kommen.“ Die Inflation sei so hoch, dass die Regierung - „um zu vermeiden, dass man zur Bezahlung ein riesiges Bündel Banknoten mit sich führen muss“ - neue Banknoten ausgegeben habe, bei denen zwei Nullen von den alten Banknoten gestrichen wurden.
Im Blick auf die Wirtschaft merkt Antaki zudem kritisch an, dass ausländische Delegationen zwar weiterhin nach Syrien reisten, um sich ihren Anteil am „Kuchen“ des Wiederaufbaus zu sichern, sollte dieser tatsächlich beginnen. Bislang seien die dutzenden Investitionsversprechen und zahlreichen Absichtserklärungen aber nicht umgesetzt worden. Die nur teilweise aufgehobenen internationalen Sanktionen behinderten ebenso den Wiederaufbau des Landes und die Erholung der Wirtschaft.
Mächtiger Sharaa
Auch politisch sieht Antaki wenig Positives. Syrien habe nun zwar wieder offiziell ein Parlament; dessen Zusammensetzung bereitet dem Arzt aber große Sorgen. Es besteht aus 140 Abgeordneten, die von lokalen Versammlungen gewählt wurden, und 70, die vom Interimspräsidenten Ahmed Sharaa ernannt wurden. Das Parlament werde von islamistischen Strömungen dominiert.
Vertreter der ehemaligen salafistischen Rebellengruppen machten ein Drittel der Versammlung aus; weitere 40 seien Mitglieder der Muslimbruderschaft, der Rest wurde ausgewählt, um eine gewisse gerechte Vertretung der Regionen sowie der ethnischen und religiösen Minderheiten zu gewährleisten. Es gebe aber kein Mitglied der demokratischen und säkularen Opposition gegen das Assad-Regime im neuen Parlament. Christen seien mit nur sechs Abgeordneten vertreten, darunter drei Frauen. Vier dieser christlichen Parlamentarier wurden von Sharaa ernannt.
Die Aufgabe des Parlaments besteht vor allem auch darin, eine neue Verfassung für Syrien auszuarbeiten. Angesichts der Zusammensetzung des Gremiums zeigt sich Antaki diesbezüglich aber sehr besorgt.
Entlassung christlicher Richter
Die Islamisierung des Landes schreite jedenfalls still und leise voran, so der Arzt. Es gebe zwar keinen Regierungsbeschluss in dieser Richtung, um die Glaubwürdigkeit gegenüber westlichen Regierungen nicht zu verlieren, doch auf lokaler Ebene würden von den Gouverneuren der verschiedenen Regionen entsprechende Entscheidungen getroffen. Antaki nennt etwa die Entlassung unabhängiger oder christlicher Richter, Verschleierungspflichten und Alkoholverbote an manchen Orten oder auch der Bau von Moscheen auf Universitätsgeländen.
Täglich würden Personen, die mit dem ehemaligen Assad-Regime in Verbindung stehen, verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Prozesse würden rechtsstaatlichen Verfahren aber nicht gerecht. Zudem würden nur Anhänger des Assad-Regimes vor Gericht gestellt. Auch aufseiten der Rebellen habe es aber schwere Kriegsverbrechen gegeben.
Es gebe aber auch positive Entwicklungen, so Antaki weiter. Er verweist darauf, dass es inzwischen Strom für mindestens 16 Stunden am Tag gibt und oft auch 24 Stunden am Wochenende. Weiters nennt er die Digitalisierung der Verwaltung, wo man notwendige Termine elektronisch vereinbaren kann, ohne stundenlang in Warteschlangen zu stehen. Positiv vermerkt er auch den Kampf gegen die Korruption in der Verwaltung, wo man nicht mehr „Bakschisch“ zahlen muss, um auch nur die geringste Formalität zu erledigen. Angesichts der Gesamtsituation sei es kein Wunder, dass die Christen ihre Heimat verlassen wollten, in der sie sich nicht mehr „zu Hause“ fühlen würden.
- Dezember 2024: Rebellen nehmen Damaskus ein, Baschar al-Assad flieht nach Russland. Die jahrzehntelange Herrschaft der Assad-Familie endet.
- Jänner 2025: Ahmed al-Sharaa, früher Anführer der islamistischen HTS, wird zum Übergangspräsidenten ernannt. Parlament und Baath-Partei werden aufgelöst.
- März 2025: Eine Verfassungserklärung legt eine fünfjährige Übergangsphase fest und gibt dem Präsidenten weitreichende Befugnisse.
- Mai 2025: Die EU hebt einen Großteil ihrer Wirtschaftssanktionen gegen Syrien auf. Sanktionen gegen bestimmte Personen und Organisationen bleiben bestehen.
- 2025/26: Die neue Führung bemüht sich um internationale Anerkennung und Investitionen. Zugleich kommt es immer wieder zu Gewalt zwischen Bevölkerungsgruppen.
- 2026: Neue politische Institutionen entstehen. Wirtschaftskrise, Wiederaufbau und die politische Neuordnung bleiben zentrale Herausforderungen.
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