Warum Trumps Anti-Migrationskurs die USA teuer zu stehen kommt
Migranten bei der Ernte in Florida
Ronnie Cavazos hätte jeden Grund, zufrieden zu sein: Die Auftragsbücher des Präsidenten des Bauunternehmerverbandes von Südtexas sind randvoll. Und doch berichtet er von „gerade sehr schwierigen Zeiten“: „Die Zahlen sind überall rückläufig, nicht nur im Baugewerbe, sondern auch im Einzelhandel, im Gastgewerbe, in der Landwirtschaft, im Geschäftsleben, im Gesundheitswesen – einfach überall.“ Der Grund: Mehr als 9.000 Migranten wurden im Vorjahr aus dem Rio Grande Valley abgeschoben.
Noch viel mehr Einwanderer ohne offizielle Aufenthaltsgenehmigung verließen die USA 2025 freiwillig. Menschen, deren Arbeitskraft jetzt schmerzhaft fehlt. Für Cavazos hieß das: Einige Projekte stillzulegen, mehrere Kredite konnten nicht mehr bedient werden.
Die harte Einwanderungspolitik der Trump-Regierung brachte den Vereinigten Staaten im Vorjahr eine Kehrtwende: In allen Bundesstaaten sank laut US-Statistikbüro die Nettozuwanderung – das bedeutet, dass mehr Menschen den Bundesstaat verließen als neu zuwanderten. Bis zum Juli wird die Nettozuwanderung heuer (im Jahresvergleich) auf niedrige 300.000 Menschen sinken. Auf dem Höhepunkt der vergangenen zehn Jahre – 2024 – betrug sie 2,4 Millionen Menschen.
Die USA bauen die Grenzmauer zu Mexiko weiter aus
„Bessere Lebensqualität“
Stephen Miller, Architekt der restriktiven Einwanderungspolitik des Weißen Hauses, sieht in den sinkenden Migrationszahlen nur Gründe zum Jubeln: „Das ist ein Geschenk an die Lebensqualität jedes einzelnen Amerikaners.“ Wenn die „Illegalen weg sind“, sagte er jüngst in einem Interview mit dem TV-Sender Fox News, würden die Warteschlangen bei den Ärzten kürzer und die Verkehrsstaus in den Städten weniger.
Worüber die republikanischen Hardliner an der Seite des US-Präsidenten allerdings hinwegsehen: Die Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere verfügten 2023 (bisher letzte Daten) in den USA über eine Kaufkraft von knapp 300 Milliarden Dollar. Undokumentierte Haushalte erzielten ein Gesamteinkommen von knapp 390 Milliarden Dollar und zahlten laut American Immigration Council knapp 90 Mrd. Dollar an Steuern. Geld, das nun überall weniger wird.
Drei Millionen Migranten haben im Vorjahr die USA verlassen, rund 675.000 davon wurden gewaltsam abgeschoben. Zudem haben die USA die Einwanderungsregeln verschärft, aus 19 Staaten dürfen Menschen überhaupt nicht mehr in die USA einreisen.
Gefürchtete ICE-Razzien
Seit die gefürchteten Beamten der Einwanderungsbehörde ICE selbst die abgelegensten Farmen in den USA durchkämmen, hat sich der Mangel an Arbeitskräften noch einmal deutlich verschärft. „Manchmal trauen sich unsere Leute, auch wenn sie gültige Papiere haben, gar nicht mehr, in die Arbeit zu kommen“, schildert ein Landwirt in Wisconsin der New York Times.
Würden alle Migranten aus der amerikanischen Milchwirtschaft verschwinden, haben Ökonomen berechnet, würde sich der Milchpreis verdoppeln: Schätzungen zufolge produzieren Molkereien, die Einwanderer beschäftigen, 79 Prozent der nationalen Milchmenge.
Abschiebungen
Der Anti-Migrationskurs im ersten Jahr der zweiten Amtszeit von Donald Trump führte dazu, dass 2025 drei Millionen Migranten die USA verlassen haben. Davon wurden laut US-Heimatschutzministerium 675.000 Menschen zwangsweise abgeschoben.
Die Grenzmauer
zwischen den USA und dem südlichen Nachbarn wird heuer weiter ausgebaut. 11 Milliarden Dollar der dafür benötigten 46 Mrd. sind bereitgestellt. Die Grenze ist rund 3.145 km lang, ein Drittel davon ist mit festen Grenzbarrieren ausgestattet.
Weniger Wachstum
Generell geht die Rechnung, dass weniger illegale Migranten in den USA das Land reicher machen, nicht auf – im Gegenteil. Ökonomen warnen vor langfristigen wirtschaftlichen Folgen des schrumpfenden Arbeitskräftepotenzials, denn amerikanische Arbeitskräfte machen die Lücken auf dem Bau, in der Landwirtschaft, im Gastgewerbe und in der Pflege nicht wett.
Laut einer Studie der überparteilichen National Foundation for American Policy könnten der anhaltende freiwillige Exodus und die Massenabschiebungen das jährliche Wirtschaftswachstum bis 2035 um fast ein Drittel reduzieren. Allein heuer, so erwartet es die Brookings Institution, wird das BIP um bis zu 0,3 Prozent geringer ausfallen und die Kaufkraft in den USA um bis zu 40 Milliarden Euro sinken.
Um den ärgsten Mangel zumindest in der Landwirtschaft zu lindern, geben die USA heuer bis 400.000 saisonale Visa aus (H-2 A-Visa). Bei Weitem zu wenig, wie auch das US-Arbeitsministerium darlegt: „Der nahezu vollständige Stopp des Zustroms illegaler Einwanderer in Verbindung mit dem Mangel an verfügbaren legalen Arbeitskräften (…) führt zu erheblichen Störungen der Produktionskosten und bedroht die Stabilität der heimischen Lebensmittelproduktion und der Preise für US-Verbraucher.“
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