Merz in China: "Außenkanzler" – und Pragmatiker?

Nach Macron und Starmer nun auch Merz: Der deutsche Kanzler reist nach Peking. Ein Balanceakt für den "Außenkanzler".
Merz und ein Mercedes 300, ein Auto aus der Flotte des ehemaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer.

Emmanuel Macron hat Frankreich in Peking im Dezember ein neues Panda-Pärchen gesichert, Keir Starmer kam von seiner China-Reise Ende Jänner mit einer Halbierung der Zölle auf schottischen Whiskey zurück. Abgeschreckt von Donald Trumps erratischen Zollandrohungen, so scheint es, richten die europäischen Staatschefs den Blick auch Richtung China. Das Reich der Mitte präsentiert sich als umschwärmter Partner.

Was wird Friedrich Merz von seinem Trip mitbringen? Vermutlich nichts ganz so Öffentlichkeitswirksames wie Pandas oder Zollerleichterungen, und wohl kaum große Heilsversprechen für die unter Druck stehende deutsche Auto-Industrie, die um den chinesischen Markt bangt. Selbst Vorgänger Olaf Scholz hatte lediglich einen leichteren Marktzugang für deutsche landwirtschaftliche Produkte wie Äpfel erreicht. 

Trotzdem ist die Reise des deutschen Kanzlers zu Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping bedeutend – besonders für Merz selbst, den "Außenkanzler", der sich gern in einer führenden Rolle eines selbstbewussten Europas sieht. Wie hart wird er sich gegenüber Peking geben?

Schwierige Beziehung

Die Vorhut bildete bereits im November 2025 eine Charme-Offensive von SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil, der durch das Pekinger Ausgehviertel geführt wurde und zum wiederholten Male den kommunistischen Chefideologen Wang Huning traf; für den Antrittsbesuch des weitaus kritischeren CDU-Außenministers Johann Wadephul brauchte es zwei Anläufe, weil beim ersten Mal kein hochrangiger Gesprächspartner Zeit hatte. Wadephul hatte zuvor Chinas Militärübungen vor der Insel Taiwan kritisiert.

Die Beziehung zwischen Berlin und Peking ist zerrüttet: China wurde nach Russlands Angriff auf die Ukraine zum größten Abnehmer russischer Kohle und Rohöls, und soll über Drittländer Drohnenbauteile und Dual-Use-Güter an Russlands Rüstungsindustrie schicken. Dazu kommt die wirtschaftliche Konkurrenz, die Subventionierung der eigenen Automobilindustrie und die Schwemmung europäischer Märkte mit billigen Produkten.

Peking ist die letzte deutsche Regierung trotz ihres SPD-Kanzlers in keiner guten Erinnerung geblieben – zu ideologisch, heißt es in den staatlichen Medien. Die Grüne Außenministerin Annalena Baerbock hatte Xi einen "Diktator" genannt und bei einem China-Besuch Menschenrechtsverletzungen in der Uiguren-Provinz Xinjiang offen angesprochen. Das hatte für diplomatische Verstimmungen gesorgt.

Der deutsche Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil und Chinas Vizepremier He Lifeng.

Der deutsche Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil und Chinas Vizepremier He Lifeng.

Bemüht um ja kein "Belém-Fauxpas"

Auch Merz schlägt eigentlich harte Töne  – und vor allem härtere als sein Vorgänger – gegenüber China an: Bei der Münchner Sicherheitskonferenz und dem Politischen Aschermittwoch kritisierte er Chinas Aggressivität und Machtkalkül. Und wiewohl er zu wenig überlegten Fauxpas neigt – etwa als er sich abwertend über den Austragungsort der Klimakonferenz in Belém äußerte –, weiß er um die Bedeutung des Besuchs. Deutsche Medien schreiben von Merz‘ bisher am besten vorbereiteter Reise: Im Voraus ließ sich der Kanzler von einem Sinologen, Mercedes-Benz und dem Präsidenten der Europäischen Handelskammer in Peking briefen.

"Merz wird in den Medien als geschäftsorientiert, pragmatischer und offener wahrgenommen", sagt Eva Seiwert vom Berliner Mercator-Institut für Chinastudien (MERICS). Gleichzeitig werden die schwache, deutsche Wirtschaft und die schwächelnde Industrie betont. "Dafür werden die EU-Sanktionen gegen Russland und US-Zölle verantwortlich gemacht. China wird als Vorbild, von dem man lernen könne, dargestellt", sagt Seiwert.

Mit dem Zustand der deutschen Wirtschaft und vor allem der Schwäche der einstigen Zugpferde haben die Staatsmedien nicht Unrecht: VolkswagenBMW und Mercedes-Benz haben Gewinnwarnungen herausgegeben, die Verkäufe sowohl in China als auch im Inland stehen unter Druck. Die deutschen Fahrzeugexporte nach China sind laut Eurostat seit 2022 um zwei Drittel gesunken. Im Vorjahr sind die Exporte nach China um 9,3 Prozent auf 81,8 Milliarden Euro eingebrochen – den niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Sollte vor allem die deutsche Industrie keine alternativen Märkte finden, warnt die Rhodium Group, ein in New York ansässiges Forschungsinstitut mit Schwerpunkt China, drohe sich die Welle von Insolvenzen und Stellenabbau in Deutschland zu beschleunigen.

Der heikle Tanz ums De-Risking

Zeitgleich hat China die USA als wichtigsten bilateralen Handelspartner Deutschlands überholt, die Importe sind um 8,8 Prozent gewachsen, auf 170,6 Milliarden Euro – mehr als doppelt so viel wie die Exportmenge. Das liegt vorrangig an Chinas Dominanz bei Seltenen Erden und Batteriezellen für Elektromobilität, Halbleiter und Dauermagnete. 

Auch deswegen sei von Merz‘ Besuch nicht zu erwarten, dass er härter als die anderen europäische Staatschefs gegenüber China auftritt. "Die EU ist der Meinung, man muss die europäischen Lieferketten und den europäischen Markt schützen und verteidigen, aber die Importe aus China will man nicht gefährden", sagt MERICS-Direktor Mikko Huotari. Der schwierige Plan des De-Riskings. Auf neue Zölle, das weiß die EU, würde Peking mit Gegenmaßnahmen reagieren.

Merz will beim Besuch den rechten Ton finden, zwischen Interessensverteidigung der heimischen Industrie und Kritik an Chinas Subventionspolitik. "Deutschland versucht, Sicherheitsfragen und wirtschaftliche Interessen voneinander zu trennen, um einen harten Kurs in der Sicherheitspolitik, und eine pragmatische Linie im Handel zu fahren", sagt Huotari. Doch dass das mit China möglich sei, bezweifelt der MERICS-Direktor. "Ich glaube nicht, dass das den Weg für eine erfolgreiche Beziehung beider Seiten ebnet."

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