Demonstration russischer Journalisten: "Macht ist eine Droge"

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Politik | Ausland
06/28/2019

Medien in Russland: „Über soziale Probleme schreibt man nicht“

Russische Journalisten berichten nach dem Fall Golunow über die Grenzen der Pressefreiheit in ihrer Heimat.

Nicht alle Fälle werden so prominent öffentlich gemacht wie jener von Iwan Golunow. Der bekannte russische Enthüllungsjournalist war Anfang Juni wegen angeblichen Drogenhandels festgenommen worden – und nach tagelangen Protesten und einer Welle der Solidarisierung wieder freigelassen worden, die Vorwürfe zurückgezogen. Der 36-Jährige, der für das unabhängige russischsprachige Portal Medusa arbeitet, ist bekannt für seine Recherchen über Korruption. Zuletzt hatte er enthüllt, wie Polizei und Geheimdienstler sich im Beerdigungsgeschäft bereicherten.

Gängige Praxis

Ein altbekannter Versuch, einen kritischen Autor mundtot zu machen, sind sich mehrere russische Journalisten einig, die auf Einladung des Presseclub Concordia am Donnerstag in Wien waren. Auch Amnesty International hatte die gegen Golunow erhobenen Anschuldigungen als „zweifelhaft“ bezeichnet, sie folgten einem „leider altbekannten Muster“.

Ksenia Leonova skizziert die Medienlandschaft so: „Die meisten Zeitungen haben eine Art Zensur. Über soziale Probleme zum Beispiel schreibt man einfach nicht“, sagt die Journalistin. Wer es doch tut, riskiere zumindest seinen Job.

Zudem sei es üblich, dass Telefone oder Büros von bekannten Aufdeckern überwacht werden, oder dass (finanzielle) Unterstützer eingeschüchtert werden. Unabhängige Medien können sich nur schwer über Wasser halten, sagt Sergei Parkhomenko, der eine Auszeichung für unabhängige Journalisten aus Russland ins Leben gerufen hat. Privates Kapital werde kaum investiert. „In kritische Medien zu investieren ist dumm“, sagt der Journalist bei seinem Besuch in Wien. Denn man mache sich als Unterstützer des kritischen Journalismus diverse andere Geschäfte kaputt. Hinzu komme der Druck auf Internet-Anbieter. „Viele News, die ich hier in Österreich lesen kann, sind in Russland gar nicht abrufbar.“

Leonova erzählt zudem von Drohungen bis hin zu Mordaufrufen. Oder von der Polizei konstruierte Verbrechen, wie – vermutlich – jenes von Iwan Golunow.

Russland liegt in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf Platz 149.