Politik | Ausland 14.01.2013

Frankreichs Feinde in der Wüste

Die Islamisten in Mali sind gut ausgerüstet und wollen ein zweites Afghanistan etablieren.

Frankreich schießt im Wüstenkrieg in Mali aus allen Rohren. Im Norden des Landes, den die Islamisten seit 2012 kontrolliert hatten, machten Kampfjets Waffen- und Benzindepots dem Erdboden gleich, Terror-Camps ebenso. Die Extremisten zogen sich zurück : Alle drei größeren Städte – Kidal, Gao, Timbuktu – sind angeblich befreit. Im Süden aber starteten die Dschihadisten eine Gegenoffensive und nahmen eine kleine Stadt ein. „Wir mussten eingreifen, sonst gäbe es Mali nicht mehr, dafür einen terroristischen Staat“, so Frankreichs Außenminister Fabius.

Doch wer ist eigentlich der Feind, der sich angeschickt hatte, im Herzen der Sahelzone ein zweites Afghanistan zu etablieren? Im Wesentlichen sind drei islamistische Gruppen aktiv und praktizieren die Scharia in ihrer extremsten Form – mit Hand-Amputationen, Steinigungen oder Auspeitschungen.

Al Kaida im Islamischen Maghreb (AKIM): Sie hat sich in dem von keiner Staatsgewalt kontrollierten Wüstenstreifen im Grenzgebiet von Algerien, Mali und Libyen festgesetzt und von hier aus ihre Terrorakte lanciert. Mit Entführungen westlicher Ausländer und Lösegeldzahlungen nahm sie Millionen ein. Aufgefettet wurde die Kriegskassa durch Drogenschmuggel. Seit einigen Jahren erhielt AKIM regen Zulauf von malischen Tuareg, die für sich keine Perspektive mehr sahen.

Ansar Dine (Die Partisanen Gottes): Anführer der Truppe ist Iyad Ag Ghaly, der aus Kidal stammt, wo Ansar Dine bisher das Hauptquartier hatte. Der Tuareg hatte in den 90er-Jahren an Aufständen teilgenommen, um den angestrebten Tuareg-Staat Azawad in Nordmali Wirklichkeit werden zu lassen. Später arrangierte er sich mit der Zentralgewalt in Bamako und wurde nach Jeddah, Saudi-Arabien, in das malische Konsulat entsandt. Dort wandelte er sich zum „Gotteskrieger“ und knüpfte Kontakte zu Terroristen, weswegen er von Riad zur persona non grata erklärt wurde. Zurück in seiner Heimat, überwarf er sich auch mit seinem Stamm der Ifoghas und startete sein eigenes Projekt – Ansar Dine. Ziel war nicht mehr Azawad, sondern die Einführung der Scharia in ganz Mali.

Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika ( MUJAO): Ihre Hochburg war bisher Gao. Insgesamt sollen die Islamisten 3000 bis 6000 Mann unter Waffen haben. Einen Großteil dieser hatten sie nach dem Zusammenbruch der Gaddafi-Diktatur aus verwaisten libyschen Arsenalen erbeutet. Auch eher säkular eingestellte Tuareg-Stämme, die im Sold des „Revolutionsführers“ gestanden waren und mit Islamismus nichts am Hut haben, hatten sich dort bedient. In einem Zweckbündnis waren diese Tuareg im Vorjahr mit den „Gotteskriegern“ für ihren eigenen Staat in den Krieg gezogen. Als der Norden erobert war, wurde das Volk von den weit besser ausgerüsteten Islamisten mit Waffengewalt in die Wüste geschickt. Jetzt bieten diese Stämme den Franzosen Hilfe an. Sie könnten die „Arbeit am Boden“ erledigen.

Thomas Wandinger, Sicherheitsexperte und Geschäftsführer des Informations- und Nachrichtendienstes IAP in München, sprach mit dem KURIER über ...

... die Gefahr von Terroranschlägen in Frankreich: Durch sein militärisches Eingreifen in Mali positioniert sich Frankreich gegenüber den Islamisten und erhöht damit natürlich seine Anschlagsgefahr. Aber das Risiko würde ohne Intervention weiter steigen.

...Malis strategische Bedeutung: Der Stabilität Malis kommt Stellvertreter-Funktion für einen Großraum zu, der von der Westgrenze des Oman bis zur Küstenlinie Westafrikas reicht. Die Gesamtregion ist infolge erodierender Staaten fragil. Der Großraum ist ausgehend von Jemen, über Somalia, den Südsudan bis nach Guinea-Bissau zu einem neuen Aktionsfeld islamistischer und schwerkrimineller Gruppierungen geworden. Sie kooperieren in unterschiedlichem Grade mit der Al Kaida im Maghreb oder sind ins Netzwerk integriert. Dieser Prozess wird seit rund drei Jahren beobachtet. Hier überlagern sich terroristische, islamistische, sezessionistische und kriminelle Akteure, die einerseits Drogen-, Waffen und Menschenhandel betreiben, sowie andererseits einen Gottesstaat anvisieren. Alle Akteure eint das Interesse an Instabilität.

... die Rolle Frankreichs: Frankreich kommt als ehemaliger Kolonialmacht in der Region – aus der es strategische Rohstoffe wie Uran aus der Zentralafrikanischen Republik bezieht – eine besondere Bedeutung zu. Die USA haben sich seit dem Angriff auf ihre Botschaft in Bengasi (Libyen) zurückgezogen, um nicht weitere Angriffe auf sich zu ziehen. Frankreich verbleibt als einzig handlungsfähiger, aber ökonomisch geschwächter Akteur.

... die militärischen Erfolgsaussichten: Diese sind in Mali als hoch einzustufen, da die islamistischen Milizen weder über Flugabwehr noch über geeignete Rückzugsmöglichkeiten verfügen. Paris war mit Blick auf die Zentralafrikanische Republik gewissermaßen zum Handeln gezwungen, um einen Flächenbrand zu verhindern. Würden radikale Akteure etwa im Niger oder in Mauretanien realisieren, dass Putsch und Sezession ohne Folgen blieben, würden die Stabilitätsinteressen des Westens langfristig auf dem Spiel stehen.

( Kurier ) Erstellt am 14.01.2013