Politik | Ausland
27.08.2017

Was Österreicher und Deutsche trennt & verbindet

Man hasst sich, liebt sich, lacht über einander: Ösis und Piefkes, das ist schwierig. Jetzt wählen beide parallel: Auswanderer erzählen, wie sie die Unterschiede erleben.

"Die Deutschen gehen zur Schule, die Österreicher auch rein." Was Alfred Dorfer über die feinen Sprachunterschiede zwischen Österreichern und Deutschen gesagt hat, trifft es gut: Irgendwie ist in beiden Ländern vieles ähnlich, gleich ist deshalb aber noch lange nicht alles – und wer Selbiges behauptet, hat mit Schmähungen von beiden Seiten zu rechnen.

Verglichen wird aber dennoch gerne, im Privaten wie im Politischen: Wie oft wurden schon Vorschläge des Nachbarn bemüht, um eigene politische Ideen voranzutreiben? Wie oft hat man mit dem Finger auf etwas gezeigt, das im Nachbarland nicht so gut läuft? Angesichts der bevorstehenden Wahlen in beiden Ländern hat uns deshalb interessiert, wie Menschen diese Unterschiede wahrnehmen. Zum Auftakt der KURIER-Serie " Deutschland hat die Wahl" lassen wir darum sechs Personen zu Wort kommen, die Differenzen und Parallelen aus eigener Erfahrung kennen: Sie sind von Österreich nach Deutschland ausgewandert – oder eben umgekehrt.

Sophie Chung (33), Start-Up-Gründerin in Berlin

Fremd? Nein, Fremdheits-Gefühle hat Sophie Chung hier keine. Berlin sei so offen, so international, dass sie länger bleiben werde, sagt die 33-Jährige und blickt sich in ihrem Büro um: Hinter ihr sitzen 20 Mitarbeiter, sieben Nationen, zehn Sprachen. Sie werken für Chungs Start-up Qunomedical, das online medizinische Leistungen im Ausland vermittelt.

"Das wäre in Österreich nicht so einfach möglich gewesen", sagt sie. In Berlin komme man einfach leicht an Finanzierungen für Ideen, und es gebe ein gewisses Maß an Risikofreudigkeit, sagt Chung, die in Wien Medizin studierte, zuerst in die USA und dann 2016 nach Berlin ging. "In Österreich wird kaum investiert, solange es kein fertiges Produkt gibt. Es herrscht Sparbuchmentalität." Dazu kommen die vielen jungen Leute, die es nach Berlin zieht: "Wir wären nicht so schnell gewachsen , wenn wir nicht so international wären."

Chung, Tochter kambodschanischer Eltern, ist selbst dreisprachig aufgewachsen, das Oberösterreichische aus ihrer Heimatstadt Linz hat sie aber ziemlich abgelegt. "Ich bin ja auch mit einem Deutschen verheiratet, und ich assimiliere mich sehr schnell", sagt sie lachend. Unterschiede zwischen beiden Ländern hat sie in der kurzen Zeit in Berlin aber schon viele ausmachen können. "Ich finde, die Deutschen sind offener", sagt sie; auch politisch herrsche eine "andere Qualität". Alles sei vielschichtiger, auch weil man sich angesichts der Größe des Landes um andere Themen kümmern müsse.

Die Wahl in Österreich verfolge sie aus der Ferne, "proaktiv", wie sie sagt. Wo die größten Unterschiede im Wahlkampf liegen? "In Deutschland wüsste ich, wen ich wähle. In Österreich finde ich es dieses Mal sehr schwierig – aber spannend."

"Zum Deutschen oder Piefke wurde ich erst hier gemacht“

Jockel Weichert (43), Agentur-Chef in Wien

Ausgerechnet 1999 – als Österreich zum Buhmann der EU wurde, ÖVP und FPÖ eine Koalition schmiedeten –, zog es Jockel Weichert nach Wien. An die Proteste am Heldenplatz erinnert er sich gut, die im Vergleich zu deutschen Demos wie ein "Picknick" wirkten.

Wie viel sich Politiker in der Ära Schwarz-Blau erlauben konnten, schockierte ihn. Bis heute ortet der 43-Jährige eine Folgenlosigkeit in Österreich. "Man scheut es, Konsequenzen zu ziehen. In Deutschland müssen Politiker wegen geringerer Vergehen den Hut nehmen." Eine laxe Art beobachtet der Schwabe auch im Berufsleben. "Vieles läuft nach dem Motto: Schauen wir mal." Wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, sei dies positiv. "Sie werden langsamer, aber besser und standhafter getroffen", sagt der Chef einer PR-Agentur. Was viele seiner Landsleute dennoch missen: eine konstruktive Führungskultur und einen Chef, der ihnen sagt, wo sie stehen. "Österreicher formulieren viel mehr durch die Blume, das müssen Deutsche erst lernen."

Viele der Neuankömmlinge melden sich bei Weichert, der 2008 die "Piefke-Connection" gründete – zunächst als EM-Stammtisch. Heute zählt der Verein 5000 Mitglieder – und geht übers Fußball schauen hinaus. Von einer Anti-Deutschen-Grundstimmung spürt er wenig. "Als ich hier ankam, war das Anti-Piefke-Denken in jedem drinnen. Warum man Deutsche nicht mochte, die Frage stellte sich keiner."

Für Weichert unverständlich. "Zum Deutschen oder Piefke wurde ich hier gemacht. Ich fühlte mich immer als Europäer." Und als solcher würde er lieber am 15. Oktober in Wien wählen, seinem Lebensmittelpunkt.

„Die Deutschen sind nicht so furchterregend tüchtig“

Gabriele Matzner (72), ehemalige Generalkonsulin in Berlin

​Eigentlich hat die ehemalige Generalkonsulin ihre Zeit in Deutschland (1986-1991) längst abgehakt, die Erfahrungen als Diplomatin verarbeitet sie heute zum Beispiel lieber in Krimis, Erinnerungen an Berlin in Bildern. Dennoch blickt die Malerin und Autorin gerne zurück, etwa an eine Stadt, die viele heute nicht mehr kennen.

1986, als sie ihre Stelle in West-Berlin antrat, war vieles anders: "Provinziell, gemütlich – wo heute der Potsdamer Platz ist, war eine Gstett’n", erzählt Matzner. Man konnte viel tun, ohne viel Geld ausgeben zu müssen.Auch manche Klischee-Vorstellungen haben sich relativiert: "Die Deutschen sind nicht so furchterregend tüchtig, wie wir glauben. Ich habe sie als viel lockerer und relaxter kennengelernt." An ihrer direkten Art fand sie Gefallen, sagt die 72-Jährige. Weniger lustig fand sie, dass Österreicher wegen ihrer Sprache oft verniedlicht und nicht ernst genommen wurden.

Matzner, die sich privat in der Flüchtlingshilfe engagiert, sieht hier wesentliche Unterschiede zu Deutschland: "Flüchtlinge werden dort viel besser erfasst, es wird schneller festgestellt, welche Fähigkeiten sie haben, wo ein Bedarf ist – wenn ich das alles weiß, kann ich leichter agieren. Und wenn die Menschen dann integriert sind, eine Arbeit haben, sind sie ein Zugewinn." Das dürfte auch Angela Merkel erkannt haben. Zwar ist Gabriele Matzner persönlich kein Fan der Kanzlerin – "ihre Ansichten sind mir zu wertkonservativ" – aber sie respektiert ihre Standhaftigkeit. "An ihr perlt alles ab. Sie hat gute Berater und einen festen weltanschaulichen Kern, das haben nicht viele Politiker – oder sie zeigen ihn nicht, weil sie sich lieber nach dem Boulevard richten."


"Die Uhren ticken hier langsamer, das ist durchaus entschleunigend"

Elke Kunert (56), Pfarrerin in Wien

Von Niedersachsen nach Tirol – Berge statt Nordseeküste, Kipferl statt Croissant, Langsamkeit statt Eile. "Die Uhren ticken hier langsamer, das ist durchaus entschleunigend", meint Elke Kunert. Der Umzug nach Österreich brachte ihr viel Neues. Auch manch katholischer Kollege musste sich damals daran gewöhnen, dass nun eine evangelische Pfarrerin, die noch dazu etwas zu sagen hat und gehört wird, in Kitzbühel predigte.

"Das war nicht immer einfach", sagt die 56-Jährige rückblickend. Umso leichter haben es ihr die Tiroler gemacht: Hilfsbereit und freundlich empfingen sie die Deutsche – ohne ihr einen "Piefke-Stempel" zu verpassen. "Ich habe im Ort gearbeitet, meine Kinder sind dort zur Schule gegangen, da wirst du anders wahrgenommen."

Das war vor 20 Jahren. Heute lebt die Pfarrerin in Wien, leitet im 18. Bezirk die Lutherkirche. Das Granteln der Wiener war ihr nie fremd: "In Deutschland und Österreich granteln die Menschen gerne über ihre Lebenssituation und vergessen oft, wie gut es ihnen geht. Selbst jene, die nicht auf der Sonnenseite des Leben stehen, werden durch das Sozialsystem relativ gut aufgefangen." In ihren Predigten versucht sie, ein Sprachrohr zu sein – für jene, die nicht gehört werden: "Sich für die eigene Freiheit und die der anderen einsetzen, auch wenn es unbequem ist" – ganz nach Luther, den die Evangelischen am 30. 9. am Rathausplatz feiern.

Zuvor steht für sie ein ebenso wichtiger Termin fest: die Bundestagswahl. "Sie ist für mich die einzige Möglichkeit, frei und demokratisch zu wählen." Das würde Elke Kunert auch gern in Österreich tun. "Ich würde mir wünschen, dass man sich nach einer bestimmten Zeit entscheiden kann, wo man wählt."

„Deutsche Politiker sind viel vorsichtiger beim Artikulieren“

Karl Jurka (64), strategischer Politikberater in Berlin

„Die Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich“, sagt Karl Jurka, „beginnen schon bei der Sprache“. Dass er damit auf ein urösterreichisches Bonmot anspielt, ist kein Zufall: Jurka, 64, einst für die ÖVP tätig und heute Politikberater, lebt zwar seit 1990 in Deutschland, den Wiener hört man aber noch gut. „Hier herrscht eine ganz andere politische Sprachkultur. Man hat große Scheu, sprachlich nach rechts zu gehen“, sagt er. Was in Österreich herrschende Lehre sei, mache hier selbst die CSU nicht; nur die AfD.

Zu tun habe das mit dem größeren internationalen Interesse an Deutschland. „Politiker sind viel vorsichtiger beim Artikulieren.“ Auch die „schnelle Verduzung“, die in Österreich normal sei, sei in Deutschland „nicht vorgesehen“; politische Abläufe seien anders: „Dass der wichtigste Staatssekretär von CDU-Minister Schäuble ein SPD-Mann ist, ist in Österreich unvorstellbar.“ In Deutschland bleiben Berater zwar nicht immer, aber doch in vielen Fällen bei einem Ministerwechsel im Amt, in Österreich werde der Stab gewechselt, „selbst wenn der Nachfolger aus derselben Partei kommt“, sagt Jurka.

Umgekehrt sei der Föderalismus in Deutschland schlimmer. Polizei und Finanz sind hier Ländersache, das macht die Steuerung schwierig; ähnlich die Sozialpartnerschaft: „In Deutschland arbeitet oft eine Gewerkschaft gegen die andere.“ Angenehmer sei auch das Kulturleben in Österreich, sagt Jurka, der gern für eine Opern-Premiere nach Wien fährt. Essen könne man da wie dort gut, nur beim Service gebe es Unterschiede: „In Berlin sind die Kellner, die sie in Wien nicht nehmen, wurde mir erklärt. Das stimmt.“

„Es gibt genug Studienplätze in Wien, auch für Österreicher“

Alexander Timm (27), BWL-Student in Wien

„Unis überlaufen“ oder „Deutschenschwemme“: Wer in den vergangenen Jahren aus Deutschland nach Wien zum Studieren kam, wurde pünktlich zu Semesterbeginn mit diesen oder ähnlichen Schlagzeilen konfrontiert. Auch Alexander Timm kennt sie. 2010 kam der gebürtige Hamburger nach Wien, um sich für Betriebswirtschaft zu inskribieren. Deutschen-Feindlichkeit unter Studenten spürte er persönlich dennoch nicht. „Ich glaube, dass die Quotenregelung geholfen hat. Es gibt genug Studienplätze in Wien, auch für Österreicher.“

Als berechtigt bezeichnet der 27-Jährige aber das Vorurteil, viele Deutsche seien Numerus-clausus-Flüchtlinge. Das System in Deutschland, das einen zum Studium berechtigt oder eben nicht, ist ungerecht, vielen werden dadurch Chancen genommen, erklärt Timm. „Schulnoten sagen wenig über die Qualifikationen eines Menschen aus, ob ich etwa ein guter Arzt oder Jurist wäre.“

Abgesehen davon, dass es in Wien einfacher ist, einen Studienplatz zu ergattern, hält er die Stadt für eine der lebenswertesten überhaupt. Selbst nach einem Jahr Praktikum in Berlin sehnte er sich wieder zurück nach Wien: „Es ist überschaubarer, vieles liegt in Geh-Distanz, das Wetter ist beständiger und auch das Nachtleben ist friedlicher als etwa im Hamburger Kiez.“

Was ihn nachdenklich stimmte, waren die Bundespräsidentschaftswahlen und der scharfe Ton: „Die FPÖ, vor allem Hofer und Strache, erinnerten mich an Jungs, die am Schulhof immer auf die Kleineren hinhauen, ohne dabei nachzudenken.“ Das knappe Wahlergebnis gab ihm letztlich ebenfalls zu denken: „Die Diskrepanz, die in Österreich zwischen Stadt und Land herrscht, hat mich sehr überrascht.“

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