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Politik Ausland
10/27/2020

Last Call Brexit: Viele Briten ziehen in die EU

Sie wollen sich EU-Rechte sichern und gehen nach Spanien, Irland, Frankreich oder Deutschland. 1,3 Millionen Briten leben in der EU.

von Georg Szalai

„Brexit spielte eine große Rolle. Ich war um die Zukunft besorgt,“ erzählt Laura. Inmitten der Corona-Pandemie übersiedelte die 29-jährige Engländerin im September von London nach München. „Ich wollte schon als Teenager in Europa leben, weil ich oft mit der britischen Kultur und Politik nicht einverstanden war, aber ein stabiler Job hielt mich in Großbritannien.“

Dann übernahm die Pharma-Beratungsfirma, für die sie arbeitet, ein Unternehmen in München, und sie beantragte eine Versetzung. „Deutschland stand nicht ganz oben auf meiner Liste, aber mit dem deutschen Büro hat es bei mir plötzlich klick gemacht,“ sagt sie.

Laura ist nicht allein. Premier Boris Johnsons Team verhandelt jetzt zwar wieder mit der EU über ein Freihandelsabkommen. Aber eine wachsende Zahl an Briten hat seit dem Brexit-Votum 2016 das Land zugunsten des Kontinents verlassen – auch heuer, um vor Ablauf der Brexit-Übergangsperiode Ende des Jahres in die EU zu siedeln.

Laut Think Tank Institute for Government garantiert das Brexit-Abkommen britischen Staatsbürgern mit „rechtmäßigem Wohnsitz“ in EU-Staaten „im Großen und Ganzen die gleichen Rechte wie jetzt“, solange sie die Aufenthaltserlaubnis bis zur im jeweiligen Land geltenden Frist beantragen. Ob sie nach Brexit frei in andere EU-Länder ziehen können, „wird in den Verhandlungen über die künftigen Beziehungen“ zwischen London und EU behandelt.

„Ich muss mich nicht mit Visa herumschlagen, und meine Rechte sind gesichert,“ sagt Laura.

UN-Daten für 2019 zeigen, dass 1,3 Millionen Briten in EU-Ländern leben, die meisten davon in Spanien, Irland, Frankreich und Deutschland.

Eine Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) für Sozialforschung mit der Gruppe Oxford in Berlin fand heraus, dass die Zahl britischer EU-Auswanderer seit 2010 kontinuierlich gestiegen ist, aber durch die „Unsicherheit des Brexits“ besonders angeheizt wurde.

2018 waren es 80.000, laut Autoren ein 10-Jahres-Hoch. Für 2019 schätzen sie die Zahl sogar auf 84.000, weit über den 58.000, die 2015, dem Jahr vor dem Brexit-Votum, auswanderten. Da der Anstieg etwa doppelt so hoch ist wie der bei EU-interner Migration insgesamt, ist der Unterschied „sehr wahrscheinlich vom Brexit getrieben,“ erklärt Daniel Auer vom WZB dem KURIER. Interviews mit Einwanderern in Deutschland zeigen ebenfalls, „dass der Brexit eine wichtige Rolle spielte und oft auch der einzige Grund war“.

Auch Sue Wilson, die Gründerin von Bremain in Spain, einer Gruppe, die Rechte britischer Migranten in Spanien vertritt, sagte dem Guardian, dass Landsleute „ihre Pläne beschleunigen“, um für die Zeit im Ruhestand oder für die Karriere in das Land zu kommen.

Job verloren, Haus verkauft

Und Englisch-Lehrerin Helena aus Manchester erzählte in einem Online-Video für das Projekt Brexit Brits Abroad, warum sie und ihre Familie sich 2017 für ein Leben in Frankreich entschieden: „Ich habe meinen Job wegen Brexit durch einen Rückgang der Studenten an meiner Universität verloren. Wir haben sofort beschlossen, das Haus zu verkaufen.“

Irland und Deutschland sind die anderen großen EU-Destinationen für Brexitverdrossene. Irland punktet mit „geographischer und kultureller Nähe“, Deutschland mit „seiner starken Wirtschaft“, sagt Auer.

Laura findet Deutsche manchmal zwar „etwas kühl,“ aber sie mag, wie „logisch“ und effizient das Land mit der Pandemie und anderen Problemen umgeht.

Nachrichten aus der Heimat stoßen ihr hingegen meist negativ auf. „Brexit ist jetzt nur noch lächerlich,“ meint Laura, die auch das Corona-Management und die Sozialpolitik der konservativen Regierung kritisiert. „Die Heimat ist momentan kein großartiger Ort.“

Laut dem Statistischen Bundesamt erhielten letztes Jahr 14.600 Briten einen deutschen Pass, ein neuer Rekord und weit über den 622 im Jahr 2015 vor dem Brexit-Referendum.

GB im Abwärtstrend

Laura will München mindestens ein Jahr geben, um zu sehen, ob sie langfristig dort leben will.

„Im Idealfall ist das der richtige Ort für mich, und ich lerne jemanden kennen.“ Laura gibt aber zu, dass sie Freunde und Familie vermisst. „Wenn es mir doch nicht gefällt, kann ich auch einfach wieder nach Hause. Aber wenn Großbritannien seinen Abwärtstrend fortsetzt, wäre es vorteilhaft, in Deutschland zu bleiben.“

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