Einmal Kurz umarmt: Afrikas junge Bevölkerung wird sich bis 2050 fast verdoppeln

© /BMeia/Dragan TATIC

Kurz/Leitl
10/26/2016

"Afrika liegt vor der Haustür"

Sebastian Kurz und Christoph Leitl warnen in Südafrika vor Massenmigration nach Europa und werben für einen neuen Marshallplan.

Es sind große Worte, die Christoph Leitl dieser Tage immer wieder in den Mund nimmt: "Wir brauchen einen Marshallplan für Afrika". Der Marshallplan der USA stand in Form großzügiger Finanzhilfe am Anfang des Wiederaufbaus Europas nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs.

Ein großes und großzügiges Finanzierungsprogramm soll nach dem Willen der EU Afrika helfen, mehr auf eigenen Beinen stehen zu können. 44 Milliarden Euro hat Brüssel ab 2017 dafür reserviert. Via Kofinanzierung der Mitgliedsstaaten soll der Betrag auf bis zu 88 Milliarden verdoppelt werden. Die Staatschefs Europas fürchten zu Recht, dass die Flüchtlingsströme zunehmen werden. Außenminister Sebastian Kurz, der Christoph Leitl auf einer knapp viertägigen Blitztour nach Südafrika und Kenia begleitet, wird nicht müde zu sagen, dass der Migrationsdruck allein wegen des Bevölkerungswachstums massiv steigen wird: "Heute leben 1,2 Milliarden Menschen in Afrika. 2050 werden es 2,2 Milliarden, Ende des Jahrhunderts vier Milliarden sein."

Der Präsident der Wirtschaftskammer hat schon lange ein Faible für Afrika. Sechs Außenwirtschaftscenter unterhält die Kammer bereits auf dem Kontinent, die siebente wird morgen Donnerstag in Nairobi eröffnet.

Wettlauf gegen China

Der Wettlauf um die stärkste Position bei der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas ist längst eröffnet. Indien, die USA und allen voran China sind schon lange mit Investitionsprojekten und Joint Ventures da: Flughafen-, Eisenbahn-, Straßen-, Stadien- und Spitalsprojekte. China hat jüngst angekündigt, zusätzlich noch einmal 65 Milliarden Dollar in den wirtschaftlichen Aufbau des Kontinents zu stecken.

Das Reich der Mitte verkauft sich politisch schon länger erfolgreich als einziger Partner ohne kolonialen Ballast oder postkoloniale Interessen. Bei näherem Hinsehen eine freundschaftliche Geste mit doppeltem Boden: Zwei Drittel des neuen Milliardensegens sind der Finanzierung von chinesischen Export- und Investitionsgütern gewidmet, das Geld bleibt also letztendlich in China.

Die EU ist seit einem halben Jahrzehnt mit einer Niederlassung der "Europäischen Investitionsbank" (EIB) in Afrika vor Ort. 78 Milliarden hat die EIB derzeit an Krediten in Umlauf, nur eine bescheidene Milliarde im Großraum Afrika – der Großteil in Energie- und Wasserversorgungsprojekten. Praktiker vor Ort beschreiben zudem nüchtern die Hürden, die hochfliegende Pläne wie einen EU-Marshallplan vor Ort bremsen: Da ist zum einen die Korruption, die auch in afrikanischen Vorzeigestaaten wie Südafrika blüht und gedeiht. Großunternehmen wie VW, das auch vor Ort Autos erzeugt,haben hier wenig zu befürchten.

Korruption

Wer ein kleineres oder mittleres Unternehmen als Investor zum Erfolg führen will, tut gut daran, einen lokalen Partner zum Zug kommen zu lassen. Wenn dieser aus der weitverzweigten Familie eines Spitzenpolitikers stammt und mit zehn oder zwanzig Prozent beteiligt wird, schmälere das zwar den Gewinn, trägt aber zum sicheren Gedeihen des Projekts bei. "Aber in Afrika ist nichts schwarz-weiß", sagt ein erfahrener Diplomat. Es gedeihten auch Projekte ohne verdeckte Schmiergeldzahlungen.

Erschwerend hinzu kommt aber eine seit Kurzem sehr restriktive Visa-Politik. Touristen sind seit Langem ohne Visa willkommen. Arbeitsvisa sind aber immer schwerer zu bekommen. Nicht nur wegen der derzeit bei rund 30 Prozent veranschlagten Arbeitslosigkeit. Südafrika hat zunehmend auch mit Binnenflüchtlingen zu kämpfen. Es gilt die Faustregel: Wer südlich des Aquätors lebt und zu Hause keine Perspektiven mehr hat, versucht sein Glück im vergleichsweise paradiesischen Südafrika. Wer nördlich des Äquators lebt und unbedingt weg will, versucht die Überfahrt nach Europa.

Das politisch lange stabile Südafrika steht selbst vor einem Umbruch. Nach zwei Jahrzehnten uneingeschränkter Herrschaft des "African National Congress" (ANC) des Nelson Mandela gewinnt die Opposition, angeführt von der "Demokratischen Allianz" (DA) immer mehr an Boden. Bei den jüngsten Regionalwahlen ist der ANC landesweit von 65 auf 55 Prozent der Stimmen gefallen. In Johannesburg, Pretoria und Port Elizabeth hat er die Mehrheit verloren, die DA stellt dort jetzt die Bürgermeister.

Machtkampf im ANC

Im ANC ist längst ein Machtkampf um die Nachfolge von Jacob Zuma im Gange, der 2019 seine letzte Periode als Staatschef beendet. 2017 werden auf dem ANC-Kongress die Weichen gestellt.

Christoph Leitl bleibt offensiv optimistisch: "Afrika liegt quasi vor unserer Haustür. Der Fokus unserer Bemühungen muss auf Bildung und Infrastruktur liegen. Österreich kann mit seinem erfolgreichen System der dualen Bildung viel beitragen."

In der Niederlassung von Böhler-Uddeholm in Pretoria werden seit Jahren Schweißer in einer Art Lehrwerkstätte ausgebildet. Dem bisher einzigen Vorzeigeprojekt soll mehr folgen. In Leitls Delegation mit dabei war so auch der Chef des WIFI und die Leiterin der Don-Bosco-Bewegung. Ein entsprechendes Memorandum wurde Montagabend unterzeichnet. Start der neuen Vorzeigeprojekte der dualen Ausbildung soll im September 2017 sein.

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