Syriens Kurden in Angst: "Sie schimpfen uns Hunde und Ungläubige"
Begräbnis einer SDF-Kämpfers.
Nach den heftigen Kämpfen der letzten Wochen und den enormen Gebietsverlusten der kurdischen Selbstverwaltung berichteten die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und die Übergangsregierung von Ahmed al-Sharaa am Freitag von einem Abkommen, Kritiker nennen es Kapitulationsbedingungen. Die Rede ist von einer Integration der kurdischen militärischen und administrativen Organe in den syrischen Staat, einem Rückzug von der Front und der gemeinsame Kontrolle über die Grenzübergänge. Die Regierungstruppen wollen in die umzingelten Städte al-Hasaka und Qamishli im Nordosten einrücken.
Dort sind Misstrauen und Angst groß. In der nordostsyrischen Stadt Qamishli war die Lage zuletzt nicht so schlimm wie in der belagerten Stadt Kobanê weiter östlich. Lebensmittel, Hygieneartikel, Decken schaffen es über den syrisch-irakischen Grenzübergang Semalka in die kurdische Selbstverwaltungszone. In Kobanê waren zeitweise Wasser- und Stromversorgung ausgefallen, die medizinische Versorgung katastrophal. Taha Khalil will trotzdem nie mehr von hier weg, vor allem aus einem Grund: "Meine Tochter wurde 2014 hier vom IS getötet. Sie arbeitet im Gemeindeamt. Zwei Terroristen haben sich dort in die Luft gesprengt." Auch für sie will er hier bleiben.
Taha Khalil spricht Deutsch, hat Bücher, Gedichte und journalistische Texte geschrieben. Am Ende des Telefonats bedankt er sich mit "Merci" – der Kurde hat lange in der Schweiz für das Rote Kreuz gearbeitet, Geflüchtete aus dem Irak, Somalia, Bosnien betreut. Jetzt betreut er die Geflüchteten in seinem eigenen Land, die vor den Regierungstruppen geflohen sind. Seine NGO Hiro wird auch von der Österreichischen Volkshilfe finanziert.
Misstrauen und Hass
"Es ist kalt", sagt Khalil, und schickt Bilder, die die Straßen Qamishlis im Schnee zeigen. Die Feuchtigkeit macht es für die rund 170.000 Geflüchteten aus Afrin, Aleppo und ar-Raqqa nur noch schlimmer. Die Rede ist von 350.000 Vertriebenen in der gesamten Selbstverwaltungszone. Sie schlafen in am Straßenrand in Zelten, Pickups, Schulsälen, Moscheen.
"Die Menschen haben kein Vertrauen in al-Dschaulani", sagt Khalil – er nennt al-Scharaa, den Interimspräsidenten, bei seinem Kampfnamen, den dieser genutzt hatte, als er noch für den syrischen Ableger von Al-Quaida kämpfte.
Auch wenn zuletzt ein Waffenstillstand galt, wurde vielerorts vereinzelt weiter gekämpft. Die syrischen Kurden berieten über das weitere Vorgehen und ihre Bedingungen; SDF-Kommandant Mazloum Abdi reiste ins irakische Kurdistan, um sich mit Präsident Nechirvan Barzani zu beraten. Stimmen die Berichte über das neue Abkommen, konnten sich die Kurden mit ihrem Bestehen auf eigene Brigaden teilweise durchsetzen; es soll das Recht auf ein eigenes Bildungssystem beinhalten sowie eine Garantie auf eine Rückkehr der Vertriebenen in ihre Gebiete geben. Doch die Eingliederung der lokalen Institutionen in den syrischen Staat würde die erkämpfte kurdische Autonomie enorm schwächen.
Khalil ist auch aus einem anderen Grund pessimistisch, was die Zukunft der Kurden angeht. Er schildert den Hass, den die Kämpfe auf beiden Seiten ausgelöst haben: In Staatsmedien würden die Kurden als Ungläubige dargestellt und als "Schweine" beschimpft, die ihre Frauen zum Kämpfen schicken, erzählt Khalil. In den sozialen Medien werden Videos und Bilder von Verstümmelungen von Leichen geschickt, kurdischen Kämpferinnen werden die Zöpfe abgeschnitten.
Auch die Kurden würden die arabischen Bevölkerungsgruppen, die sich in den Kämpfen auf die Seite al-Sharaas geschlagen haben und mit denen sie vorher – nicht immer ohne Konflikte und Unterdrückung – zusammengelebt hatten, nun als Feinde sehen, und nichts mehr mit ihnen zutun haben wollen. "Assad hat die Opposition unterdrückt und die Menschen in Folter-Gefängnisse gesteckt. Aber wir hatten bestimmte Freiheiten", sagt Khalil. "Jetzt wird man verfolgt, weil man Kurde ist. Das ist nicht das Syrien, in dem wir leben wollen", sagt Khalil.
Flüchtlinge sind in Moscheen in Qamishli untergekommen.
Pragmatischer Al-Sharaa
Einer, der neben al-Sharaa besonders zufrieden sein dürfte mit den bisherigen Entwicklungen, ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan: Die Truppen von al-Sharaa werden unterstützt von der Türkei, sie liefert Drohnen, Raketen und Kämpfern. Die Interimsregierung in Damaskus arbeitet eng mit Ankara zusammen, die die kurdische Autonomie seit jeher als Bedrohung der eigenen, nationalen Sicherheit sah und bekämpfte. Dass die USA ihre bisherigen Verbündeten, die Kurden, fallen ließen, wird auch die Beziehung zwischen Washington und Ankara positiv beeinflussen. Außerdem will die Türkei mehrere türkische Militärstützpunkte und Radarsysteme in Syrien errichten – zur Sorge Israels, das die Standorte später mit Luftangriffen attackierte.
Die internationale Kritik am Vorgehen al-Sharaas fällt verhalten aus; al-Sharaa hat sich mit seinem Versprechen, für Stabilität in Syrien zu sorgen – auch mithilfe militärischer Gewalt – mit beinah allen Akteuren in der Region gutgestellt: Aus den Golfstaaten fließen Investitionen für Kraftwerke, der Modernisierung von Häfen und Infrastruktur ins Land; Donald Trump berichtete die Woche von einem Telefonat, und dass er mit den Entwicklungen "sehr zufrieden" sei. Auch Israel äußerte sich kaum zu den Kämpfen, wiewohl man die Kurden lange, zwar nicht so sehr wie die Drusen im Süden Syriens, aber dennoch als nicht-arabischen Partner in der Region gesehen hat. Doch die USA drängen auf eine Annäherung zwischen Israel und Syrien trotz der jeweiligen Gebietsansprüche auf die Golanhöhen. Auch deswegen dürfte Israel geschwiegen haben.
In Moskau traf al-Sharaa am Donnerstag Kremlchef Wladimir Putin.
In Moskau traf al-Sharaa am Donnerstag Kremlchef Wladimir Putin, der nach wie vor der Assad-Familie Asyl gewährt, gleichzeitig aber die zwei übrigen Militärbasen in Hmeimim und Tartus behalten will. Auch wenn der ehemalige Dschihadist die Auslieferung Bashar al-Assads fordert, ist er gegenüber Russland pragmatisch, sagt Samuel Ramani, Associate Fellow beim Londoner Think Tank RUSI. Al-Sharaa will sich vom Wohlwollen der USA nicht abhängig machen und sich gegen potenzielle politische Kurswechsel – unter einem sprunghaften Trump oder einer Demokraten-Regierung – absichern.
Die Versuche der Diaspora, durch Proteste international Aufmerksamkeit für die Anliegen der Kurden zu bekommen, sind groß; auch in Wien finden täglich Demonstrationen und Veranstaltungen statt. In Deutschland, wo die größte kurdische Diaspora Europas lebt mit schätzungsweise bis zu 1,5 Millionen Menschen, ist eine "Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit" Richtung Kobanê gestartet, mit Lebensmitteln im Gepäck und dem Ziel, durch die Türkei an die syrische Grenze zu gelangen. Der Auto-Konvoi wurde an der griechisch-türkischen Grenze gestoppt.
"Wir sehen euch", sagt Khalil über die Demonstrationen der Diaspora. Gegen die Angst helfen sie aber nur bedingt.
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