© REUTERS/Johanna Geron

Politik Ausland
05/07/2020

Klimawandel: Junge rufen nach (starkem) Staat

Studie: Gegen den Klimawandel sind auch autoritäre Regime denkbar. Auf Fliegen, Auto oder Fleisch wird ungern verzichtet.

von Andreas Schwarz

Mehr als die Hälfte der jungen Europäer glaubt, dass autoritäre Regime im Kampf gegen den Klimawandel besser und erfolgreicher wären als Demokratien. Handeln müssten zu allererst jedenfalls die nationalen Regierungen und die EU – lange vor dem Einzelnen. Und: Ein Drittel der Europäer, auch der jungen, will weder auf Flüge, Auto oder Fleisch verzichten. Das ist das überraschende Ergebnis der jüngsten Bertelsmann-Studie zum Thema „Klimawandel und soziale Wohlfahrt“.

Ja, da war noch was, ehe sich die Corona-Pandemie in unser Leben gedrängt und alle anderen brennenden Probleme zugedeckt hat. „Fridays for future“, Klimawandel, Sorge um die Zukunft – zu diesem Thema hat die Bertelsmann-Stiftung 12.000 Europäer zwischen 16 und 69 in allen EU-Staaten inklusive Großbritannien befragt, und zwar im März (5. – 25.). Also erst unter dem beginnenden Eindruck der Corona-Krise.

Das Bemerkenswerte an der Antwort auf die Frage, ob autoritäre Regime besser gerüstet seien, die Klimakrise zu bekämpfen, als Demokratien: Es sind vor allem die 16- bis 29-Jährigen, die das bejahen (53 Prozent), während es bei den 30- bis 49-Jährigen nur 42 Prozent sind, bei den 50- bis 69-Jährigen gar nur 35 .

Regierungen voran

Bei der Frage, wer denn hauptverantwortlich Maßnahmen gegen die Klimakrise setzen müsse, sagen 42 Prozent der Jungen, die nationalen Regierungen (48 Prozent im Schnitt), 40 Prozent nennen die EU (39) und 33 Prozent erst den Einzelnen (33). Bei den Älteren ist es mehr als die Hälfte (53 Prozent), die den Regierungen die Hauptverantwortung zuweisen.

Und wenn es zum Einzelnen kommt: Sind die Europäer bereit zum Verzicht? Sehr eingeschränkt. 34 Prozent der Befragten wollen weder auf nicht notwendige Flüge verzichten, noch ihren Fleischkonsum reduzieren oder das Auto stehen lassen. Wobei eher die Älteren ein Verbot aller nicht wichtigen Flüge als Maßnahme unterstützen würden  (40 Prozent, bei den Jungen nur 31!), während die Jungen mehr als die Älteren ein Verbot für Benzin- und Dieselautos   als Maßnahme goutierten  (30 zu 21 Prozent). Ein Verbot von Fleischkonsum  können sich nur  6 Prozent der Europäer vorstellen,  die Jungen mehr (8) als die Älteren (4).

Suche nach Orientierung

Belegt vor allem die Antwort auf die erste Frage den Ruf nach einem „starken Führer“ in der Krise? Wie ja auch schon diverse Umfragen in der Vergangenheit etwa in Österreich ergeben haben, dass sich jeder Vierte einen „starken Führer“ wünscht. Oder steht dahinter einfach die Haltung „der Staat soll machen“? „Unbedingt Zweiteres“, sagt Isabell Hoffmann von der Bertelsmann-Stiftung zum KURIER. „Die Umfrage zeigt ein großes Bedürfnis nach Orientierung und Handlungsfähigkeit des Staates.“

Auch Shalini Randeria, Soziologin und Rektorin des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen, sieht das so: „Das Vertrauen in die Demokratien ist in den vergangenen zehn Jahren weltweit gesunken, die Demokratien haben sich zum Teil ausgehöhlt, die rechtsstaatlichen Institutionen geschwächt – das erzeugt bei vielen Jungen ein Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit“, sagt sie zum KURIER. Daher der Ruf nach einer starken Hand, der wohl eher einer nach dem Staat als nach einer Führungspersönlichkeit sei. Dass der Ruf bei den Jungen lauter sei als bei den Älteren, belege nur, dass Erstere sich von der Klimakrise viel mehr betroffen fühlten.

Weitere Ergebnisse der Studie: Fast drei Viertel der Europäer (71 Prozent) sind für die Einführung eines Grundeinkommens für alle, und 84 Prozent für einen obligatorischen Mindestlohn.

Was die Zukunft betrifft, ist die Hälfte zuversichtlich, dass der Lebensstandard in zehn Jahren noch so hoch sein wird wie jetzt, die andere Hälfte glaubt das nicht – wobei die Jungen überraschend viel optimistischer sind, was die Job-Sicherheit angeht (66 Prozent). Die Zukunftsaussichten für die nächste Generationen werden schon weniger optimistisch eingeschätzt (43 Prozent).

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