Zaporizhzhia Nuclear Power Plant near Enerhodar

© REUTERS / ALEXANDER ERMOCHENKO

Politik Ausland
08/06/2022

Kiew wirft Russland Angriffe nahe AKW-Reaktor vor

"Gefahr des Austretens von Wasserstoff und radioaktiver Strahlung". Gegenseitige Beschuldigungen und Warnungen.

Die Ukraine hat russischen Truppen Angriffe in der NĂ€he eines Reaktors des Atomkraftwerks Saporischschja im SĂŒdosten des Landes vorgeworfen. Auf dem GelĂ€nde des AKW seien nahe eines Nuklearreaktors drei Angriffe erfolgt, erklĂ€rte Energoatom, der staatliche Betreiber der ukrainischen Kernkraftwerke, am Freitag. Es bestehe die Gefahr des Austretens von Wasserstoff und radioaktiver Strahlung.

"Die Brandgefahr ist hoch", erklĂ€rte Energoatom weiter. ZunĂ€chst habe es keine Verletzten gegeben. Russland wies die VorwĂŒrfe zurĂŒck und machte die ukrainische Regierung verantwortlich: "Bewaffnete ukrainische Gruppen fĂŒhrten drei ArtillerieschlĂ€ge auf dem GelĂ€nde des Kernkraftwerks Saporischschja (...) und in der Stadt Enerhodar aus", erklĂ€rte die russische Armee und forderte "internationale Organisationen auf, die kriminellen Handlungen des Regimes von Selenskyj zu verurteilen, welches nukleare Terrorakte begeht".

Weitere Sanktionen gefordert

PrĂ€sident Wolodymyr Selenskij forderte Sanktionen gegen Russlands Nuklearindustrie wegen des Beschusses von Saporischschja. "Wer nukleare Bedrohungen fĂŒr andere Völker schafft, ist definitiv nicht in der Lage, Nukleartechnologie sicher einzusetzen", sagte Selenskyj in seiner Videoansprache in der Nacht auf Samstag. Konkret forderte er etwa Strafmaßnahmen gegen den russischen Staatskonzern Rosatom.

Die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) versucht seit Wochen, Inspektoren zu der Anlage zu entsenden. Die Ukraine hat dies bisher abgelehnt, da ihrer Ansicht nach dadurch die Besetzung des Ortes durch Russland in den Augen der internationalen Gemeinschaft legitimiert werden wĂŒrde. Das Atomkraftwerk in Saporischschja ist das grĂ¶ĂŸte in Europa. Russische Truppen brachten es im MĂ€rz kurz nach dem Einmarsch der Truppen unter ihre Kontrolle.

US-Außenminister Antony Blinken hatte Moskau zuvor vorgeworfen, die Anlage als MilitĂ€rbasis zu nutzen und von dort aus Ukrainer anzugreifen, wohlwissend, "dass diese nicht zurĂŒckschießen können und wollen, weil sie versehentlich einen Atomreaktor oder dort gelagerten hoch radioaktives Abfall treffen könnten".

Aktionen gefÀhrden AKW

Vor den ukrainischen Anschuldigungen hieß es von britischen Geheimdiensten, Aktionen der russischen StreitkrĂ€fte gefĂ€hrdeten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Sicherheit des AKW Saporischschja. Moskaus Absichten im Hinblick auf das grĂ¶ĂŸte Atomkraftwerk in Europa seien fĂŒnf Monate nach Beginn des Krieges noch immer unklar, hieß es am Freitag in einem Update des britischen Verteidigungsministeriums. Die Russen setzten wohl Artillerieeinheiten in den an das Kraftwerk angrenzenden Gebieten ein, um ukrainische Regionen westlich des Dnipro-Flusses anzugreifen. Womöglich nutzten sie dabei den Hochsicherheitsstatus des KraftwerkgelĂ€ndes aus, um sich und ihre AusrĂŒstung vor nĂ€chtlichen ukrainischen Gegenangriffen zu schĂŒtzen, hieß es.

Nach Angaben der örtlichen pro-russischen Verwaltung wurde das Atomkraftwerk durch ukrainischen Artilleriebeschuss beschĂ€digt. Auf dem KraftwerksgelĂ€nde sei Feuer ausgebrochen, erklĂ€rte die von Russland eingesetzte Verwaltung der Stadt Enerhodar, auf deren Gebiet das Kraftwerk steht. Stromleitungen, die fĂŒr den sicheren Betrieb von Reaktoren notwendig seien, seien unterbrochen worden, erklĂ€rte die Stadtverwaltung der russischen Agentur Interfax zufolge. Von ukrainischer Seite hieß es hingegen, die Russen hĂ€tten das GelĂ€nde selbst beschossen.

Mit sechs Blöcken und einer Leistung von 6.000 Megawatt ist das Werk in Enerhodar in der Oblast Saporischschja das grĂ¶ĂŸte Atomkraftwerk Europas. Nach der Besetzung durch russische Truppen wurde das Kernkraftwerk von ukrainischem Personal weiterbetrieben, aber von russischen Nuklearspezialisten ĂŒberwacht.

Der Chef der IAEA hat die Lage am Kernkraftwerk als Ă€ußerst unbestĂ€ndig und fragil bezeichnet. "Alle Prinzipien nuklearer Sicherheit wurden auf die eine oder andere Art verletzt", sagte Rafael Grossi in dieser Woche in New York. Eine IAEA-Inspektion zur PrĂŒfung der technischen Sicherheit sei dringend erforderlich.

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