Ali Khamenei ist tot: Das Ende einer 37-jährigen Ära im Iran
Khameneis harter, extrem konservativer Kurs traf in den vergangenen Jahren aber auf wachsenden Widerstand in der Bevölkerung. Bei den Massenprotesten im Iran war ein Slogan immer wieder zu hören: "Tod dem Diktator" oder "Tod Khamenei".
Genau das dürfte nun eingetreten sein: Israel und die USA sagen, der Revolutionsführer Irans sei im Bombenhagel umgekommen. Der Iran selbst verneint das zwar - wenn die Meldung aber stimmt, geht seine 37 Jahre dauernde Ära an der Spitze des Landes zu Ende.
Aufstieg Khameneis 1989
Der schwarze Turban als Zeichen der Abstammung vom Propheten Mohammed, der weiße Bart und eine Brille mit feinem Rahmen waren seine Markenzeichen. Sein Foto prangte in allen iranischen Regierungsstellen neben dem Bild des verstorbenen Revolutionsführers Ruhollah Khomeini. Bis zu seinem Tod war Ali Khamenei, Irans Religionsführer, der mächtigste Mann der Islamischen Republik. Als oberster geistlicher Führer und als weltliches Staatsoberhaupt galt er als unantastbar.
Unter seiner Führung entwickelte sich der Iran mit dem starken Sicherheitsapparat nach innen wie nach außen zu einer einflussreichen Regionalmacht, die in den vergangenen Jahren jedoch massiv geschwächt wurde. Bereits Jahre vor der iranischen Revolution 1979 schloss sich der damals junge Student der islamischen Bewegung um den noch unbekannten Chomeini an, die schließlich zum Sturz der Schah-Dynastie führte. Für seine Überzeugungen saß der in der schiitischen Pilgerstadt Maschhad im Nordosten des Irans geborene Khamenei 1963 im Gefängnis.
Seine Kindheit romantisierte der Ayatollah später oft als „arm, aber fromm“. Mit der Geburt der Islamischen Republik fand auch der zunächst eher gemäßigte Khamenei 1980 seinen Weg in die Politik. Nur knapp entkam er im Jahr darauf einem Attentat der oppositionellen Volksmudschahedin, sein Arm blieb seitdem gelähmt.
Auf Seite der Konservativen
Zu Beginn des verheerenden Golfkriegs mit dem Nachbarland Irak und mit einem tödlichen Anschlag auf den Präsidenten Mohammed Ali Radschai tat sich dann für den damals 42-jährigen Khamenei eine Chance auf. Der islamische Rechtsgelehrte wurde 1981 zum Staatspräsidenten gewählt und übte dieses Amt bis zu Khomeinis Tod im Juni 1989 aus. Ein sogenannter Expertenrat kürte ihn dann zu dessen Nachfolger.
Unter Khameneis Führung entwickelten sich insbesondere die Revolutionsgarden zur führenden Streitmacht des Landes und wurden militärisch weitaus einflussreicher als die reguläre Armee. Als treue Unterstützer des Religionsführers übernahmen die Revolutionsgarden, die von den USA im Atomstreit unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump als Terrorgruppe eingestuft wurden, gleichzeitig auch andere Aufgaben. In den letzten zwei Jahrzehnten stiegen sie etwa zu einem wichtigen Mitspieler in der Wirtschaft auf und besetzten Sektoren wie den Tourismus und die Technologiebranche.
Auch der Geheimdienst rückte allmählich in den Einflussbereich der Revolutionsgarden. Die Auslandseinheit der Revolutionsgarden baute seit den 90er Jahren auch ihren Einfluss in der Region aus. Mit der sogenannten „Widerstandsachse“ setzte Teheran auf verbündete Milizen im Irak, Jemen, Syrien, dem Libanon und palästinensischen Gebieten. Es war gewissermaßen die militärische Abschreckung gegen den Erzfeind Israel. Seit Ausbruch des Gaza-Kriegs im Herbst 2023 wurde die Islamische Republik zunehmend geschwächt. Israels Militär versetzte dem Iran und seinen nichtstaatlichen Verbündeten wie der Hisbollah im Libanon und der islamistischen Hamas im Gazastreifen empfindliche Schläge. Auch der Sturz des mit Teheran verbündeten syrischen Machthabers Baschar al-Assad schwächte die Stellung des Irans. Der Zwölftagekrieg im Sommer 2025 offenbarte große Schwächen der iranischen Streitkräfte. Bei Protesten forderten Massen offen Khameneis Sturz.
Khamenei scheute die Öffentlichkeit - aus Sicherheitsgründen
Schwäche zeigte der Mann mit grauem Haar und ruhiger Stimme nie. Trotz seiner ständigen Präsenz im Fernsehen und bei militärischen Veranstaltungen war Irans mächtigster Mann doch eher öffentlichkeitsscheu. Auch über sein Privatleben wurde wenig bekannt. Keine wichtige Entscheidung im Land wurde ohne Khameneis Zustimmung getroffen. Als Staatsoberhaupt hatte der Kleriker autoritäre Züge. Kritik an seiner Person wurde nicht geduldet. „Tod dem Diktator“, riefen Demonstranten bei den jüngsten Protestwellen. Der Sicherheitsapparat reagierte unnachgiebig.
Der schiitische Geistliche trat als Schutzherr der Revolutionskräfte auf und erlangte bei den Verfechtern eines strikt nach Grundsätzen des schiitischen Islam geführten Staates Ansehen und Ehrfurcht. Immer wieder gab es jedoch auch Differenzen, etwa mit einst untergebenen Reformpolitikern wie dem Ex-Präsidenten Mohammad Chatami oder dem bereits gestorbenen Ali Akbar Rafsandschani. Auch aus dem religiösen Lager kamen gelegentlich kritische Stimmen, wie etwa von seinem jüngeren Bruder. Je lauter die Kritik jedoch war, desto unerbittlicher gingen der Staat und seine Institutionen dagegen vor.
Sicherheitsapparat massiv ausgebaut
Khameneis außenpolitische Doktrin war geprägt vom Kampf gegen die Erzfeinde. Sein Misstrauen gegenüber Mächten wie den USA und Israel, die seit der iranischen Revolution als Feindbilder stilisiert werden, führte zu einem Ausbau des Militär- und Sicherheitsapparats. Als Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden wählt er die Führungsspitze der Organisation handverlesen aus. Er überwachte auch den raschen Aufstieg der Garde zur mächtigsten politischen und wirtschaftlichen Institution des Iran. Besonders die Bekämpfung Israels stand auf seiner politischen Agenda. Trotz immer wachsender Kritik im Land hielt er bis zu seinem Tod an dieser Doktrin fest.
Über eine Atombombe verfügte das militärisch hochgerüstete Land bis zuletzt nicht. Khamenei begründete dies auch religiös. Chameneis Einfluss auf die Wirtschaft nahm mit den Jahren zu. Er entschied über Investitionen und führte die Schirmherrschaft über die milliardenschweren religiösen Stiftungen des Landes. Gleichzeitig hatte das Staatsoberhaupt mit großen Problemen zu kämpfen. Die im Atomkonflikt verhängten Sanktionen stürzten das eigentlich ölreiche Land in eine akute Krise.
Khamenei schloss diplomatische Bemühungen für ein Ende des Atomstreits nicht aus, plädierte jedoch vorzugsweise für eine „Widerstandsökonomie“ und Unabhängigkeit - nicht zuletzt auch wegen der Spannungen mit dem Westen. Dafür warb der Iran in den vergangenen Jahren vor allem bei China und Russland um neue Kooperationspartner. Auch an diesem Kurs blieb die Kritik im eigenen Land nicht aus.
Nachfolge und politische Zukunft Irans unklar
Immer wieder rätselten Beobachter über eine mögliche Nachfolge. Im Gespräch war etwa Chameneis Sohn Modschtaba, der jedoch wenig in der Öffentlichkeit aufgetreten war. Auch der frühere Präsident Ebrahim Raisi, der im Mai 2024 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam, wurde zwischenzeitlich als aussichtsreicher Nachfolger gesehen. Unumstritten unter Experten ist jedoch, dass ein neuer Religionsführer kaum die gleiche Autorität genießen wird. Unter Kritikern und Reformern gilt die Rolle des obersten Religionsführers ohnehin als nicht zeitgemäß.
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