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Porträt
12/08/2021

Karl Lauterbach: Vom Mahner zum Minister

Er galt als schräger Vogel der SPD – in der Pandemie fand er seine neue Rolle, warnte und erklärte von der Talkshow-Couch aus. Nun muss er sich im Gesundheitsministerium beweisen.

von Sandra Lumetsberger

Sie lesen den Namen Karl Lauterbach gerade zum ersten Mal? Dann dürften Sie in den vergangenen eineinhalb Jahren eher wenig "Anne Will“", "Maybrit Illner", "Hart aber fair" oder "Markus Lanz" gesehen haben. Denn kaum ein Politiker war in deren Talkshows so häufig zu Gast wie der 58-Jährige.

War der SPD-Abgeordnete früher eine Art Maskottchen der satirischen heute-show, die dem Mann mit Markenzeichen Mascherl regelmäßig im Bundestag auflauerte, hat er auf der Couch der bekannten Talkmaster eine neue Rolle gefunden: Die des Corona-Erklärers. Er doziert und warnt seit Beginn der Pandemie vor deren Folgen oder teilt sein Wissen über die neuesten Studien. Meist mit ausladenden Gesten, die Sätze zieht der Rheinländer gerne in die Länge – aber egal, wie er es macht, Lauterbach wirkt auf viele überzeugend.

Fan-Gemeinde

So hat er sich eine große Fan-Gemeinde geschaffen, die ihm nicht nur vertraut, sondern ihn zuletzt lautstark für den Posten des Gesundheitsministers forderte. Wenige Minuten, nachdem ihn der designierte Kanzler Olaf Scholz im Willy-Brandt-Haus auf die Bühne holte, twitterte Kevin Kühnert, künftiger Generalsekretär: "Nikolaus ist, wenn Wünsche erfüllt werden. Ihr wolltet ihn – ihr kriegt ihn."

Einen Tag später ist er bemüht, den Eindruck zu entkräften, die Personalie sei dem Druck im Netz geschuldet. "Er kennt sich auch mit den anderen Teilen der Gesundheitspolitik lang und gut aus (...) Er wird vielen jetzt zeigen, dass sie mit ihrer Beschreibung seiner Person als Kassandra nicht richtig gelegen haben."

Als Kassandra-Rufer bezeichnen Lauterbach jene, die von ihm genervt sind und finden, er würde nur Unheil verkünden. Andere gehen weiter und drohen ihm mit Mord. Er wird von Corona-Leugnern und Impfgegnern massiv angefeindet und bekommt Personenschutz.

"Karlchen überall"

Mit seiner Rolle als populärer Experte fremdeln manche in den eigenen Reihen. Zwar hat Lauterbach Medizin studiert, trägt zwei Doktor- und einen Professorentitel, aber er war zuletzt weder fachpolitischer Sprecher noch Fraktionsvize, der für das Thema zuständig ist. Und dennoch ist er das Gesicht der SPD in der Pandemie geworden.

"Steigt die Inzidenz, steigt seine Präsenz", schrieb der Tagesspiegel über seine Auftritte in den Talkshows. Sie boten ihm eine Bühne – er nutzte sie. Bereits vor Corona war er häufig zu Gast, hatte zu vielen Themen etwas zu sagen – von der Bürgerversicherung bis zur Stimmungslage in der Großen Koalition. Damit sorgt er nicht bei allen Genossen für Begeisterung. "Karlchen überall" wird er in der SPD gerne genannt.

Ihr Misstrauen hat auch einen anderen Hintergrund: 2019 versuchte Lauterbach, sonst einzelgängerisch unterwegs, mit der Abgeordneten Nina Scheer den Parteivorsitz zu übernehmen. "Die SPD muss ohne Verzug die Große Koalition verlassen. Wir können nicht zwei Jahre weiter brav mitregieren", tönte er damals. Ohne Erfolg. Die Niederlage sei ihm sehr nahe gegangen, sagte er später.

Bewährungsproben

Wenige Monate später brach die Pandemie aus und Lauterbach fuchste sich in die Thematik rein. Wenn er nun das Gesundheitsressort übernommt, wird er aber noch mehr Durchhaltevermögen brauchen, als es für nächtliches Durchackern von Studien nötig ist: Als Minister steht er einem Beamtenapparat vor und Länderchefs gegenüber, die meist ihre eigenen Vorstellungen von Krisenmanagement haben. Abgesehen davon wird er die Corona-Politik der neuen "Ampel"-Regierung mittragen müssen – und die ist liberaler als zuvor. Scholz und seine Partner wollen keine bundesweite Notbremse mehr ziehen. Lauterbach war dagegen stets vehemmenter Verteidiger strengster Maßnahmen. Am Montag kündigte er an, dass Reisen zur Weihnachtszeit möglich sein soll: "Ein wichtiges Ziel muss sein, die Fallzahlen so stark herunterzubringen, dass wir, ohne die Menschen zu gefährden, Reisen empfehlen können", so Lauterbach. Dessen Namen Sie in Zukunft noch öfter lesen werden.

Geboren 1963 in Düren, Nordrhein-Westfalen, und aufgewachsen als Arbeiterkind, studierte er in Aachen und in den USA. Lauterbach ist Arzt und Epidemiologe, der seine Polit-Karriere in der CDU startete. 2001 trat er in die SPD ein, seit 16 Jahren sitzt er für die Partei im Bundestag. Die dortige Kantine ist darauf eingestellt, dass Lauterbach seit 1989 salzlos isst. Sein anderes Merkmal – die Fliege – hat er mittlerweile abgelegt.

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