© dpa/Sebastian Kahnert

Spionage
06/11/2015

Atomgespräche mit Computervirus ausspioniert?

Mit Schadsoftware sollen die Atomgespräche ausspioniert worden sein. Innenministerium ermittelt nun in Wien.

Die Atomgespräche zwischen dem Iran und den fünf UN-Vetomächten plus Deutschland (5+1) sollen mit Hilfe eines Computervirus ausspioniert worden sein. Das berichtet die russische IT-Sicherheitsfirma Kaspersky nach Angaben des "Wall Street Journal" von Mittwoch. Man habe einen sehr komplexen Virus im eigenen System entdeckt und dessen Aktivität nachverfolgt.

Dabei seien Infektionen mit dem Virus im Zusammenhang mit den 5+1-Verhandlungen und deren Tagungshotels gefunden worden, meldete auch "orf.at". An den Verhandlungen beteiligten sich neben dem Iran die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Sie fanden in Genf, Lausanne, Montreux, München und Wien statt.

Kaspersky nannte den Urheber des Virus nicht konkret, wies aber darauf hin, dass es sich wohl um einen Staat und nicht um kriminelle Hacker handeln dürfte. Die Aktivität des Virus lasse auf „ausgeprägte geopolitische Interessen“ schließen. Außerdem sei die Entwicklung dieses komplexen Virus sehr teuer.

Kaspersky taufte die Schadsoftware "Duqu 2.0". Bei der neuen Software sei es fast unmöglich festzustellen, wenn sie einen Computer befalle. Sie verstecke sich im Arbeitsspeicher, schreibe keine Daten auf die Festplatte und übermittle nur wenige Daten, so Eugene Kaspersky, dessen Firma selbst Ziel des ausgeklügelten Virenangriffs geworden war.

Kaspersky hat nach eigenen Angaben tausende Hotels auf der Suche nach ähnlichen Sicherheitslücken gecheckt. Nur in drei sei man fündig geworden. Die Firma wollte die Namen der betreffenden Hotels nicht nennen. Doch seit ihrem Beginn hätten die Atomverhandlungen (mit der jetzigen iranischen Führung) vor allem in sechs Hotels in der Schweiz und in Österreich stattgefunden.

Der Chef-Sicherheitsexperte von Kaspersky Lab, Kurt Baumgartner, erklärte gegenüber der "Jerusalem Post", der Hackerangriff sei nicht auf die Hotels beschränkt gewesen, er habe sich auf bis zu 100 Ziele gerichtet. Kaspersky habe die Infektion bei verschiedenen Opfern identifiziert. Zusätzlich zu einer Reihe unbekannter Opfer "sind wir ziemlich sicher, dass zumindest drei der Veranstaltungsorte, wo die Atomgespräche mit dem Iran stattgefunden habe, angegriffen wurden", betonte Baumgartner.

Israel weist Vorwürfe zurück

Das „Wall Street Journal“ berichtete ferner, dass Israel hinter dem Virus vermutet werde. Im Februar hatten die USA Israel vorgeworfen, mit gezielten Indiskretionen das US-Vorgehen bei den Verhandlungen erschwert zu haben. Israel hatte die diplomatische Öffnung gegenüber dem Iran scharf kritisiert und bezweifelt, dass ein Atomvertrag mit dem Land die Entwicklung von Atomwaffen.

Israels Vizeverteidigungsminister Eli Ben-Dahan wies am Mittwoch Vermutungen zurück, sein Land könnte Tagungshotels für die Iran-Gespräche ausspioniert haben. Dass sich Israel in deren WLAN-Verbindungen oder andere Systeme eingehackt haben könnte, seien "völliger Unsinn", sagte Ben-Dahan gegenüber "Radio Israel", wie die Zeitung "Haaretz" berichtete. Israel wende keine derartigen Methoden an, um an Informationen zu gelangen. Man haben andere Möglichkeiten um herauszubekommen, was bei den Iran-Gesprächen vor sich gehe. Ben-Dahan räumte jedoch ein, sollte der israelische Geheimdienst eine versteckte Operation durchführen, würde er darüber möglicherweise nicht informiert werden.

In Wien fanden zuletzt Gespräche im Palais Coburg statt.

Nun ermittelt das Innenministerium wegen Berichten über eine Abhörung der Atomgespräche mit dem Iran. "Diese Information ist dem Verfassungsschutz bekannt. Aktuell laufen die Ermittlungen", meinte ein Sprecher des Innenministeriums am Donnerstag auf Anfrage der APA. Auch der Verhandlungsort, das Nobel-Palais Coburg, wird überprüft.

Mikl-Leitner: "Es wird ermittelt"

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) will hinsichtlich der Gerüchte rund um eine Abhörung der Atomgespräche zwischen dem Westen und dem Iran die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten. "Die Behörden gehen den Vorwürfen nach und es wird ermittelt. Das gilt es jetzt abzuwarten", meinte die Ministerin am Donnerstagnachmittag gegenüber der APA und der "Wiener Zeitung". Mehr könne sie derzeit nicht sagen.

Auch in der Schweiz hat sich bereits die Bundesanwaltschaft eingeschaltet und in einem Hotel in Genf eine Hausdurchsuchung durchgeführt.

Nächste Runde wird "ziemlich hart"

Die nächste Runde bei den Atomverhandlungen wird nach den Worten eines hochrangigen US-Regierungsvertreters "ziemlich hart" werden. Nach den Gesprächen in Lausanne, bei denen eine Rahmenvereinbarung erzielt wurde, werde es nun um die Details gehen, sagte der Regierungsvertreter am Mittwoch in Washington.

Die Verhandlungen über ein Atom-Abkommen mit dem Iran gehen in Wien weiter. Dabei treffen sich die EU-Chefverhandlerin Helga Schmid und die iranischen Vize-Außenminister Abbas Araqchi und Majid Takht Ravanchi. Später in dieser Woche sollen die politischen Direktoren der fünf UN-Vetomächte sowie Deutschlands zu den Gesprächen hinzukommen. Parallel werden technische Experten aus dem Iran sowie der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Russlands, Chinas und Deutschlands ihre Arbeiten fortsetzen.

Zu den schwierigsten Fragen, die noch gelöst werden müssen, zählen der Zeitplan für die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran sowie die Kontrollmaßnahmen, die sicherstellen sollen, dass der Iran die Bestimmungen eines künftigen Atomabkommens nicht verletzt und nicht an der Entwicklung einer Atombombe arbeitet.

Laut dem US-Regierungsvertreter finden "detaillierte Diskussionen" über die Inspektion iranischer Militäranlagen statt. "Wir wissen, dass es kein Abkommen geben wird, bis sichergestellt ist, dass die (Internationale Atomenergiebehörde) IAEA in der Lage ist, das zu inspizieren, was notwendig ist", so der Offizielle. Das werde einen geregelten Zugang zu "verschiedenen Anlagen und Orten" miteinschließen müssen. Jeder am Verhandlungstisch konzentriere sich auf die Deadline am 30. Juni. Es nütze niemanden, schwierige Entscheidungen hinauszuschieben, fügte der Regierungsvertreter hinzu.

Die iranische Führung, allen voran Revolutionsführer Ali Khamenei, hat eine Inspektion von Militäranlagen und die vom Westen geforderte Befragung iranischer Atomwissenschafter durch die IAEA kategorisch ausgeschlossen. Entsprechende Forderungen wurden von Teheran als "exzessiv" zurückgewiesen.

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