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Interview
09/14/2019

Johannes Hahns Leben in Brüssel: Anonym im "petit Paris"

Der EU-Kommissar über Anonymität in der belgischen Hauptstadt, Genuss und Plattbodensegeln.

von Andreas Schwarz

Kann man Brüssel überhaupt mögen? Die Stadt des Regens und der EU-Beamten – auch wenn man dort gut essen kann? Johannes Hahn (61) ist diese Woche zum Budget-Kommissar der neuen EU-Kommission bestellt worden. Zwei Perioden als EU-„Minister“ hat er schon hinter sich (Regionales, Erweiterung), ein drittes Mal bestellt zu werden, kommt nicht oft vor. Mit dem KURIER plaudert er über das Leben in der EU-Hauptstadt.

KURIER: Herr Hahn, Moules & frites oder Gaufre de Bruxelles?

Johannes Hahn: Da nehme ich Gaufre.

Die süße Waffel, mit Staubzucker oder Belag?

Mit Eis.

Das gute Leffe oder das Kriek-Bier mit Sauerkirsche? Okay, Suggestivfrage.

Ich bleibe beim Wein.

Der belgische Riesling hat aber noch Luft nach oben.

Es gibt erste Versuche beim Wein – Connaisseure sagen, man soll noch ein bisschen Zeit vergehen lassen.

Atomium oder Manneken pis?

Manneken Pis, weil’s zentaler liegt.

Wie viel muss man mehr laufen, um in Brüssel nicht zuzunehmen?

Man muss weniger essen, zum Laufen komme ich nicht.

Zehn Jahre Kommissar, ist man da in EU-Brüssel oder Belgien-Brüssel zu Hause?

Ich freue mich, dass ich in meiner dritten Periode endlich in Brüssel leben werde. Bisher hatte meine Wohnung den Charakter eines Hotelzimmers.

Weil Sie so viel unterwegs waren?

2018 hatte ich 220 Flüge, 200-mal habe ich gepackt.

Die Zeit, die Sie da waren: Was ist das Faszinierende an Brüssel – außer dem Regen?

Erstens ist das Wetter wesentlich besser als sein Ruf. Zweitens schätze ich die Anonymität. Und drittens gibt es hier eine viel stärkere kleingewerbliche Struktur. Ich hab’ in meiner Gasse einen Fleischhauer, ein Käsegeschäft, eine Apotheke, einen Werkzeugladen – der tägliche Bedarf in kleinen Geschäften mit einer sehr persönlichen Bedienung. Wir nennen das „petit Paris“, weil es so einen französischen Charakter hat. Das ist ein Genuss.

Anonym heißt, Sie werden auf der Straße nicht erkannt?

Hie und da, weil ich in einem Viertel wohne, wo viel internationale Mitarbeiter wohnen, aber das ist harmlos.

Was war die größte Umstellung gegenüber Wien?

Der größte Unterschied zu jeder innenpolitischen Konstellation ist, dass in der Kommission von jedem Mitgliedsland nur eine Person sitzt. Es gibt keine Rivalität zwischen den Akteuren. Daher ist die Bereitschaft zu kollegialer, freundschaftlicher Zusammenarbeit sehr groß. Wir sitzen mit unseren Teams im selben Gebäude, geordnet nach Zuständigkeiten.

Wie?

Der elfte Stock ist das Stockwerk der Außenkommissare, das Herzstück an einem langen Gang waren Federica Mogherini (Außenbeauftragte, Anm.) und ich. Unter Kommissionspräsident Barroso waren die Kommissare noch nach Protokoll gesetzt – ich war als Junior im 9. Stock.

Damals ging’s wirklich von unten nach oben?

Ja, man hat sich quasi die Stockwerke hinauf gearbeitet.

Jetzt müssen Sie wieder übersiedeln.

Ja, aber Brüssel ist darauf trainiert, zu übersiedeln.

Was wird die größte Umstellung als Budget-Kommissar?

Dass ich nach zehn Jahren Reisens mehr an einem Platz sein werde. Auch wenn ich als Budget-Kommissar mit den Finanzministern, den Europaministern, den Regierungschefs zu tun haben werde.

Bei der Erstellung des EU-Budgets: Reisen Sie zu den Ministern und Regierungschefs, kommen die zu Ihnen, trifft man sich bei den Räten oder telefoniert man?

Genau alles das. Aber gegenseitige Besuche werden sehr geschätzt, weil man sich mehr aufeinander konzentrieren kann. Einer der Gründe, warum ich ausgewählt worden bin, ist wohl auch, dass ich das institutionelle Gefüge kenne. Dass ich weiß, dass es nicht nur um 1,2 Billionen Euro, sondern auch um Inhalte dahinter geht.

Wie groß ist ein Mitarbeiterstab in Wien als Minister und einer als EU-Kommissar?

In Brüssel sind es sechs oder sieben Mitarbeiter im Kabinett. Nicht mehr als die Hälfte darf aus dem Heimatland es Kommissars kommen.

Zurück zu Brüssel: Wo bewegen Sie sich am liebsten?

Wir haben den Parc du Cinquantenaire zwischen Berlyamont-Gebäude und meiner Wohnung, eine grüne Lunge. Und der Grand Place natürlich.

Und außerhalb Brüssels?

Ich habe für mich die Nordseeküste entdeckt, auch dank meines Enkelsohnes, der mich im Sommer besucht hat. Der ist dreieinhalb, und der Nordseestrand ist eine riesige Sandkiste, ohne dass man sich die Füße verbrennt.

Sie sind leidenschaftlicher Segler, aber Ihr Boot ...

... liegt am Neusiedler See. Aber ich durfte hier schon auf Plattbodenschiffen mitsegeln.

Die können was?

Das sind flache Segelschiffe mit links und rechts absenkbaren Schwertern. Wenn sich das Meer zurückzieht, liegen die flach auf Grund, das heißt „trockenfallen“.

Ihre Partnerin Susanne Riess lebt in Wien, Sie in Brüssel – was tut man da am Abend, wenn sie nicht da ist?

Telefonieren. Mit ihr. Und sonst bin ich am Abend froh, wenn ich verschnaufen kann.

Trifft man sich mit anderen Kommissaren?

Es hat ein paar Initiativen von Kollegen gegeben, die ich aber alle verpasst hab’, weil ich nie da war.

Sie haben sich zum Ende Ihrer zweiten Amtszeit schon auf die Rückkehr nach Wien eingestellt – worauf haben Sie sich am meisten gefreut?

Also das ist ein bisschen eine Fama, dass so klar gewesen sei, dass ich aufhöre. Auf Wien freue ich mich immer, obwohl ich versuchen muss, mich bei Leberkäse und Schnitzel einzuschränken – sonst bekomme ich die Vorhalte, dass ich ungesund esse. Ich versuche ohnehin klarzumachen, dass ich die ganze Woche etwas anderes esse ...

Keine Frites ...

... nein, sondern meistens Fisch und Nudeln. Und auf mehr Segeln hätte ich mich gefreut. Aber das nehme ich sehr gerne in Kauf für diese Funktion.

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