Yusuf  Ilias Slio: 20 Verwandte wurden von der IS verschleppt.

© /Ingrid Steiner-Gashi

Jesidischer Flüchtling
08/21/2014

"Lieber sich selber töten als in die Hände des IS fallen"

Yusuf Ilias Slo, ein jesidischer Flüchtling in Wien, vermisst fast 40 Familienmitglieder – die Hälfte von ihnen ist in der Gewalt der Dschihadisten.

von Ingrid Steiner-Gashi

Mehrere Brüder und Schwestern, Cousins und alle ihre Kinder – von mehr als 20 engsten Verwandten hat Yusuf Ilias Slo seit drei Wochen keine Nachricht. Der vor drei Jahren aus dem Irak nach Österreich geflohene Jeside muss das Schlimmste annehmen: Seine Familienmitglieder sind den Kämpfern des IS ("Islamischer Staat") in die Hände gefallen. In Panik waren die jesidischen Bewohner der Dörfer rund um die Stadt Mossul vor den heranrückenden Dschihadisten Richtung Sindschar-Gebirge geflohen. Doch viele wurden von den Kämpfern eingeholt.

"Seither weiß ich gar nichts", erzählt Yusuf Ilias Slo verzweifelt. "Zehn Mal am Tag telefoniere ich mit Leuten im Nordirak, die es irgendwie geschafft haben. Aber ich kann hier nichts tun, als um Hilfe zu bitten. Für die Flüchtlinge, die sich retten konnten, die aber jetzt gar nichts mehr haben. Kein Essen, kein Wasser, und die bei 45 Grad unter freiem Himmel sitzen." Zu weiteren 10.000 bis 15.000 jesidischen Flüchtlingen, die irgendwo zwischen den Frontlinien herumirren, gibt es hingegen gar keinen Kontakt.

Massenexekutionen

Einer der Geretteten ist ein Bruder Yusufs. Der entkam zwar den Fängen der radikalen Islamisten, berichtet aber Unfassbares: In einem eroberten Dorf ließen die IS-Terroristen alle Männer in einer Reihe aufstellen und forderten sie auf, zum sunnitischen Glauben zu konvertieren: Alle wurden erschossen, die Frauen und Kinder weggebracht– von ihnen hat man nichts mehr gehört.

Der Ruf ihrer Gräueltaten eilt den IS-Milizen voraus. "Sobald die Leute hören, dass IS im Anmarsch ist, laufen die Menschen weg", sagt Yusuf. Manchmal rücke der IS in leere Dörfer ein. "Ich habe von Frauen gehört, die nur noch mit einem Messer herumlaufen", schildert der jesidische Flüchtling in Wien, "damit sie sich umbringen können, falls sie doch dem IS in die Hände fallen. Sie wollen lieber von eigener Hand sterben als vergewaltigt oder als Sklavin verkauft werden."

Mehrere Hundert junge jesidische Frauen wurden bisher von den Islamisten verschleppt – ihr Schicksal ist ungewiss. Als gesichert gilt hingegen, dass die Dschihadisten, die die rund 500.000 Mitglieder zählende jesidische Minderheit im Nordirak als "Teufelsanbeter" ansehen, mindestens 3000 Menschen ermordet haben. Nicht eingerechnet jene Jesiden, die auf der Flucht verdurstet oder an ihren Verletzungen gestorben sind.

Angriffsziel

Yusuf selbst hatte sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht, nach dem bisher letzten großen Angriff gegen die Jesiden in Mossul: 2007 waren an die 700 Jesiden ermordet worden, Yusuf überlebte schwer verletzt. Die Jesiden, ethnische Kurden, waren schon immer Angriffsziel ihrer sunnitisch-arabischen Nachbarn. Dass er eines Tages zurückkehren wird, kann sich Yusuf deshalb nur schwer vorstellen. "Wie kann ich zurück? Es ist alles zerstört, so viele Leute sind dort gestorben."

Mit der Bitte um humanitäre Hilfe, aber auch mehr politischen Druck im Kampf gegen IS wandten sich Österreichs Jesiden und der Verband der kurdischen Vereine in Österreich (FEYKOM) gestern an SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder. Dieser sieht in der Ideologie des IS eine "Bedrohung von allem, was wir uns als menschliche Werte erarbeitet haben."

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