Politik | Ausland
09.06.2017

Jeremy Corbyn: Der Rebell in Schlabberhosen

Naiv, tapsig, verlacht: Was den altlinken Labour–Chef zum Idol der Jugend macht.

"Meine Mutter würde sagen: Ziehen Sie sich erst mal einen richtigen Anzug an!"

Vor eineinhalb Jahren erhielt Ex-Premier Cameron für diesen Sager noch hysterischen Applaus im britischen Unterhaus. Doch die Politik ist schnelllebig: Der gescheiterte Premier musste am Freitag vom politischen Ausgedinge aus zusehen, wie jener Mann, den er einst lächerlich gemacht hatte, in die Kameras grinste. "Oh Jeremy" sangen die "Corbynistas", Corbyns eingefleischte Fans, vor seinem Reihenhaus im Londoner Stadtteil Islington.

Hass und Verehrung

Der Labour-Parteichef ging da, schlurfend wie immer, an ihnen vorbei – den Quasi-Wahlsieg im Rücken, die eigene Zukunft noch ungewiss vor sich. Denn wer dieser Mann ist, den die Sun tags zuvor ganz unroyal in einem mit "Cor-Bin" beschrifteten Mistkübel zeigte, den der Boulevard einen "Wirtschaftsfeind" zeiht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Für viele in seiner Heimat Islington, die er seit 34 Jahren im Unterhaus repräsentiert, ist der 68-Jährige ein "Normalo", der auf Show keinen Wert legt. Er kauft seine Unterhemden noch immer am lokalen Markt, sein Gemüse züchtet er im Schrebergarten unweit seines Hauses.

Für andere ist der Altlinke eine Bedrohung. "Jeremy hat sich nie als Führer gesehen. Er fühlt sich als organisierter Rebell", sagt seine Ex-Frau Jane Chapman; und sieht man dem Zausel in Schlabberhosen zu, der sein Technik-Studium abbrach, um Gewerkschafter zu werden, erkennt man auch eher den Parteikritiker als den Parteichef. Einen "linken Schlafwandler" nannte ihn Ex-Premier Tony Blair despektierlich, als der unbekannte Hinterbänkler 2015 dem glücklosen Ed Miliband folgen wollte. Er sei ein Träumer, der nicht die Downing Street 10 im Blick habe, sondern die Partei nur auf links trimmen wolle. "Er ist Syriza in Griechenland, er ist Podemos in Spanien, er ist Sanders in den USA", kommentierte das US-Magazin New Yorker.

Dass Corbyn den Parteivorsitz dennoch mit 59,5 Prozent erreichte, war dann auch nicht den Blairs der Partei zu danken; sie war er zeitlebens scharf angegangen. 128 Mal hatte er sich im Unterhaus gegen die Parteilinie gestellt, vor allem gegen Blairs Wirtschafts-Kurs und dessen Ja zum Irakkrieg opponierte er. Gewählt wurde er – und das überwältigend – von Grassroot-Mitgliedern, die auch heute seine größten Fans sind: Er konnte auf jene Menschen zählen, die sich selbst nicht mehr mit der Parteielite anfreunden konnten.

Keine Slim-fit-Politik

Dass deren Zahl wuchs, dafür sorgte er selbst. Durch sein Wahlkämpfen stieg die Zahl der Labour-Mitglieder von 200.000 auf zuletzt 555.000. Den Spalt zwischen Basis und Establishment hat Corbyn trotzdem nicht kitten können. Noch vor dem jetzigen Wahlsieg war er in der Partei umstritten; und beim Urnengang am Donnerstag waren es erneut viele junge Wähler, die für ihn stimmten. Ältere waren und sind skeptisch, weil er – ähnlich wie Sanders – das lang verfemte S-Wort benutzt: Wie sein US-Konterpart nennt er sich selbst gern einen "Sozialisten", der für eine Umverteilung von unten nach oben kämpft; und ähnlich wie Sanders ist er dabei ein Rebell in Schlabberhosen. Für die derzeit so hippe Slim-Fit-Politik à la Emmanuel Macron stehen beide nicht.

Dass der Vater dreier Kinder dabei aber oft in populistischer Oberflächlichkeit hängen bleibt und auch in anderen Fragen sehr vage ist, kreiden ihm seine Kritiker aber durchaus an. In puncto Brexit etwa war er nach dem Referendum höchst zögerlich, und auch beim Thema Antisemitismus in seiner Partei greift er nicht gerade hart durch – das ist auch der Grund, warum die Sun ihn "Terroristenfreund" nennt.

Das Boulevardblatt konnte sich am Freitag dann auch seine Häme über Mays Weitermachen nicht verkneifen – ebenso wenig wie den Spott über den wohl übelsten High-Five-Versuch aller Zeiten: Statt in die Hand der Dame neben ihm einzuklatschen, erwischte Corbyn bei einer Party am Tag nach der Wahl nämlich deren Brust. Autsch.