Politik | Ausland
03.12.2017

Jemen: Rebellen feuern angeblich Rakete auf Atomreaktor

Houthis gaben Abschuss eines Marschflugkörpers bekannt. Bisher gibt es keine Bestätigung. In Jemens Hauptstadt Sanaa tobten nach der Kehrtwende Ali Abdullah Salehs heftige Kämpfe

Der Bürgerkrieg im Jemen droht zu eskalieren: Die schiitischen Houthi-Rebellen gaben bekannt, eine Rakete auf einen Atomreaktor in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) abgefeuert zu haben. Die Meldung wurde am Sonntag über den Fernsehsender der Houthis abgesetzt, ohne Beweise vorzulegen. Es soll sich um einen Marschflugkörper handeln. Eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es nicht. In VAE wurden bisher keine eintreffenden Raketen gemeldet.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wiesen die Angaben der Houthis zurück, wie die staatliche Nachrichtenagentur WAM meldete. Die VAE verfügten zudem über ein Raketenabwehrsystem, das derartigen Bedrohungen begegnen könne. Der Al-Barakah-Reaktor sei gegen alle Eventualitäten geschützt.

Früheren Angaben des Energieministeriums zufolge soll das von der Korea Electric Power Corporation (KEPCO) errichtete Atomkraftwerk erst 2018 ans Netz gehen.

Die vom Iran unterstützten Houthis kontrollieren den Großteil des Nordjemen. Vor wenigen Monaten hatten die Rebellen mitgeteilt, sie hätten erfolgreich einen Raketenabschuss in Richtung Abu Dhabi getestet. Abu Dhabi ist die Hauptstadt der VAE, die Teil einer von Saudi-Arabien geführten Militärallianz gegen die Houthis sind.

Erst am Donnerstag fing die saudi-arabische Luftwaffe nach eigenen Angaben erneut eine Rakete aus dem benachbarten Jemen ab. Der Konflikt im Jemen ist ein Stellvertreterkrieg zwischen den Erzrivalen Iran und Saudi-Arabien, die in der Region um die Vorherrschaft ringen. Saudi-Arabien führt eine Allianz sunnitischer Staaten an, mit denen sie die Regierung des Jemens gegen die Houthi-Rebellen unterstützt.

Verbündeten verloren

Der jetzige Raketenabschuss sei eine Reaktion auf die Aussagen des jemenitischen Ex-Präsidenten und ehemaligen Houthi-Verbündeten Ali Abdullah Saleh, der sich am Samstag offen für Gespräche mit der Militärallianz gezeigt hatte, ließen die vom Iran unterstützten schiitischen Rebellen verlautbaren. Die Aufständischen vermuten, dass die Emirate Saleh zu seinen viel beachteten Aussagen bewegt hatten.

Der mächtige Ex-Präsident Saleh vollzog eine Kehrtwendehttps://kurier.at/politik/ausland/jemen-das-comeback-des-diktators-ali-abdullah-saleh/300.586.461 und scherte aus dem Bündnis mit den Houthi-Rebellen aus und erklärte sich zu Gesprächen mit der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition bereit.

Die Houthis warfen Saleh daraufhin "Hochverrat" vor. In der Hauptstadt Sanaa lieferten sich die einstigen Verbündeten am Samstag heftige Kämpfe.

Verfeindet

Der 2012 gestürzte Saleh und Houthi-Chef Abdul Malik al-Houthi waren jahrzehntelang verfeindet gewesen, bis sie sich gegen den sunnitischen Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi verbündeten. Salehs Militäreinheiten und die schiitischen Houthi-Rebellen vertrieben Hadi 2014 aus der Hauptstadt Sanaa. Hadi floh nach Saudi-Arabien; seine Truppen lieferten sich fortan Kämpfe mit Saleh-treuen Einheiten und Rebellen. 2015 griff das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis zur Unterstützung Hadis in den Konflikt ein. Seitdem wurden mehr als 8750 Menschen getötet.

Mit seiner Kehrtwende will Saleh nach eigenen Angaben eine Aufhebung der Blockade erreichen, mit der die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition das Land belegt hat. "Ich rufe unsere Brüder in den Nachbarländern auf, ihre Aggression zu stoppen und die Blockade aufzuheben, und wir werden das Blatt wenden", sagte Saleh in einer Fernsehansprache.

Gesprächsangebot

Die von Riad angeführte Koalition begrüßte Salehs Gesprächsangebot. Salehs Gruppierung habe sich entschieden, "die Führung zu übernehmen", hieß es in einer Meldung der staatlichen saudi-arabischen Nachrichtenagentur SPA. Saleh werde dazu beitragen, den Jemen von den Iran-treuen Milizen zu "befreien".

Salehs bisheriger Bündnispartner, die Houthi-Rebellen, reagierten erbost: Er werde Saleh und Saudi-Arabien nun "als eine Front" ansehen, erklärte Rebellenchef Abdul Malik al-Houthi. Er warf Saleh "Hochverrat" vor. Ein Houthi-Sprecher hatte Salehs Schritt zuvor bereits als "Putsch gegen unsere Allianz und Partnerschaft" verurteilt.

Das Bündnis zwischen den Anhängern Salehs und den Houthi-Rebellen hatte zuvor bereits Risse bekommen, was Ängste vor einer neuen mächtigen Front in dem Konflikt schürte. Am Samstag gab es in Sanaa den vierten Tag in Folge bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den bisherigen Verbündeten. Nach Angaben der Houthis wurden dabei mindestens 40 Kämpfer getötet. In Sicherheitskreisen in Sanaa war sogar von mehr als 60 Toten die Rede.

Geisterstadt

Laut Augenzeugen lieferten sich bewaffnete Gruppierungen Kämpfe um strategisch wichtige Orte wie den Flughafen und Ministerien. Die Straßen waren am Samstagabend menschenleer. Ein Bewohner beschrieb Sanaa als "Geisterstadt".

Im Jemen herrscht wegen des jahrelangen Konflikts und aufgrund einer Dürre eine schwere humanitäre Krise. Verschärft wird diese durch eine Blockade, die das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis Anfang November nach dem Abschuss einer Rakete auf den Flughafen der saudi-arabischen Hauptstadt Riad verhängt hatte. Die Rakete war von Saudi-Arabien abgefangen und zerstört worden.

Am Samstag riefen mehrere UN-Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, die Blockade zu beenden. Sie verlangten den Zugang zu allen am Roten Meer gelegenen jemenitischen Häfen sowie freien Zugang für humanitäre und kommerzielle Güter. 14 Schiffe mit Treibstoff und Lebensmitteln an Bord warteten demnach auf eine Einfuhrerlaubnis.

Mehr als acht Millionen Menschen könnten ohne direkte Hilfe verhungern, warnten die UN-Vertreter unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Kinderhilfswerk UNICEF. Die UN-Vertreter kündigten an, ein Team nach Riad zu schicken, das dort mit der Militärkoalition sowie mit der Regierung des Landes sprechen soll.

Iran ruft zu Dialog im Nahen Osten auf

Der iranische Präsident Hassan Rouhani hat sich für eine Lösung der Konflikte im Nahen Osten durch Dialog und ohne Einmischung aus dem Ausland ausgesprochen. "Wir denken, wenn es ein Problem in der Region gibt, kann es durch Dialog gelöst werden", sagte Rouhani am Sonntag in einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede.

"Wir brauchen keine Waffen, keine Einmischung ausländischer Mächte", sagte der Präsident. "Wir können die Probleme selber, in Einigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit, im Dialog regeln." Rouhani äußerte sich anlässlich der Einweihung des neuen Hafens von Chabahar im Südosten des Landes.

Die Äußerungen erfolgten vor dem Hintergrund der Rivalität des schiitischen Iran mit dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien. Beide Länder ringen seit langem um Einfluss in der Region. Riad und westliche Kritiker beschuldigen Teheran regelmäßig der Einmischung in die arabischen Nachbarländer. In sämtlichen Konflikten der Region kämpfen die Länder auf unterschiedlichen Seiten: zum Beispiel in Syrien, dem Irak und dem Jemen.

Nach den jüngsten Siegen über die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) könne die Region ihre Reputation eines "Kriegs und Konflikts zwischen Schiiten und Sunniten" und die "Präsenz und Interventionen ausländischer Mächte" überwinden, sagte Rouhani. Kein Land könne "für sich in Anspruch nehmen, die überlegene Macht im Land zu sein". Auch die "Supermächte" hätten das nicht erreichen können.