Politik | Ausland
04.12.2017

Jemen: Heftige Luftangriffe auf Hauptstadt Sanaa

Die Kämpfe zwischen Saleh-Getreuen und Huthi weiten sich aus. Ex-Präsident Saleh könnte zum Kriegsgewinner werden.

"Es sind immer wieder schwere Gefechte in den Straßen zu hören, die Lage in der Stadt ist komplett chaotisch, in den stark umkämpften Vierteln brennen Häuser, es steigt Rauch auf, die Geschäfte sind geschlossen und verbarrikadiert, wir verlassen seit Tagen unser Haus nicht, es wird von dutzenden Toten berichtet", erzählt Afrah Al-Zouba über Whats-App aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Das Telefonat wird immer wieder unterbrochen, im Hintergrund hört man einen Dieselgenerator, der für wenige Stunden Strom produziert, Kinder weinen, Al-Zoubas Stimme klingt ängstlich und nervös.

Seit vier Tagen wüten heftige Kämpfe in der 2,5 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Sanaa zwischen den aufständischen Huthi-Rebellen und den bislang an ihrer Seite kämpfenden Anhängern des ehemaligen Langzeitpräsidenten Ali Abdullah Saleh, der im Jahr 2012 nach 30 Jahren im Zuge des Arabischen Frühlings gestürzt und aus dem Amt gejagt wurde. „ Saleh hat für uns alle völlig überraschend in einer TV-Ansprache angekündigt, dass er sich auf die Seite der Bevölkerung stellen wird. Seine Anhänger hat er dazu aufgerufen, den Jemen von den Iran-treuen Huthi-Milizen zu befreien“, sagt die 42-jährige studierte Ökonomin, die nach dem Sturz von Saleh eine führende Rolle bei der National Dialoge Conference, bei der führende politische Kräfte gemeinsam versuchten den Jemen in eine demokratische Zukunft zu führen, übernommen hat.

Den Bestrebungen war nur ein kurzfristiger Erfolg gegönnt, seit drei Jahren versinkt das Land in einem blutigen Bürgerkrieg zwischen der gewählten sunnitischen Regierung, die von einer Koalition aus arabischen Staaten unter der Führung Saudi-Arabiens unterstützt wird, und den aufständischen schiitischen Huthi-Rebellen aus dem Nordjemen, die weite Teile des Landes inklusive der Hauptstadt erobern konnten, und die vom Iran finanziert werden.

Der Konflikt forderte mittlerweile an die 10.000 Tote, Saudi-Arabien hat das Land fast komplett abgeschottet, nachdem vor kurzem eine Rakete auf die saudische Hauptstadt Riad aus dem Jemen abgefangen wurde, werden Häfen und Flughäfen blockiert. Mehr als die Hälfte der rund 27 Millionen Einwohner ist von Hunger bedroht, warnt die UNO, nahezu 90 Prozent des Lebensmittelbedarfs muss importiert werden. Durch die andauernden Kämpfe und das Dauerbombardement der saudischen Luftwaffe wurde auch die komplette Infrastruktur größtenteils zerstört, es gibt kaum noch funktionierende Krankenhäuser, in einigen Regionen wütet die Cholera.

Unerwartete Wende

Schon die vergangenen Wochen hat sich die neue Front abgezeichnet, die dem Bürgerkrieg eine unerwartete Wende gibt und in dessen Mittelpunkt der ehemalige Präsident Saleh steht. Seine Anhänger, die sich den Machtverlust nicht eingestehen wollten, kämpfen seit 2014 an der Seite der schiitischen Huthi-Rebellen gegen die demokratisch gewählte Regierung. Die unheilige Allianz bekam allerdings zuletzt immer größere Risse. Saleh beschuldigt die Huthi offen, die alleinige Herrschaft übernehmen zu wollen. Die Rebellen wiederum warfen Saleh vor, mit mutmaßlichen Kontakten nach Saudi-Arabien Verrat zu begehen und sprachen von einem Putsch. Dass das Bündnis irgendwann brüchig werden würde, schien nur eine Frage der Zeit, war es doch Saleh, der in seiner Regentschaft die Huthi jahrelang blutig unterdrückte und erst nach seinem Sturz zu seinen Verbündeten machte.

Saleh war immer schon ein guter Stratege, der es immer geschickt verstand, durch Allianzen seine Macht zu sichern“, sagt Afrah Al-Zouba. Nachdem sich das Verhältnis von Saudi-Arabien mit dem im Jahr 2012 gewählten jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, der seit fast zwei Jahren aus Sicherheitsgründen in Saudi-Arabien im Exil lebt, immer mehr verschlechterte, witterte Saleh offenbar Morgenluft, die Macht für sich oder einen seiner Söhne im Land wieder komplett übernehmen zu können, so Alzouba. In seiner TV-Ansprache forderte Saleh die saudische Allianz auf, die Blockade der Flughäfen und Häfen des Landes zu beenden und wieder Hilfslieferungen in das Land zu lassen. Dann könne auch wieder „nachbarschaftlich“ miteinander gesprochen werden. „Er reicht ihnen also die Hand, und bevor der Jemen endgültig zum Vorhof des Iran verkommt, werden sie Saleh wohl unterstützen“, sagt Al-Zouba.

Saudi-Arabien begrüßte in einem ersten Statement die „neue Rolle Salehs“ und lobte „seine Entscheidung, dass er das Land vor dem Einfluss des Irans befreien möchte“. Ob dessen Kalkül aufgehen wird, und ob der Krieg dadurch nicht noch blutiger werden wird, ist derzeit völlig offen. „Die Huthi sind zwar in Panik, weil sie nicht mit diesem Angriff gerechnet haben, aber sie sind militärisch eine Macht. Es wird vermutet, dass der Iran monatlich vier Millionen Dollar bezahlt, damit sie den Krieg finanzieren können. Über den Oman werden derzeit massiv Waffen und Öl für die Rebellen ins Land geschmuggelt“, sagt Al-Zouba.

Hunderte Verhaftungen

Fraglich ist auch, ob Salehs Truppen stark genug sind. Derzeit konzentrieren sich die Kämpfe auf das Zentrum von Sanaa. Berichten zufolge konnten die Anhänger Salehs wichtige neuralgische Punkte einnehmen, hunderte Huthi sollen verhaftet worden sein. Ein Angriff auf Stellungen im Norden der Stadt, dort, wo sich die Zentrale der Rebellen befindet, blieb noch aus. „Wir befürchten aber, dass in den nächsten Tagen die Kämpfe noch weiter zunehmen werden, die Huthi werden sich nicht kampflos vertreiben lassen“, sagt Al-Zouba. Der Korrespondent der arabischen „Gulf News“ formuliert es drastischer: „Bevor die Huthi freiwillig aufgeben, werden sie die Stadt komplett niederbrennen.“

Die Einwohner Sanaas stehen unterdessen geschlossen hinter Ali Abdullah Saleh. In den Social Media Foren feiern viele bereits den Abzug der verhassten Huthi-Besatzer. Afrah Al-Zouba kann das nachvollziehen: „Die Menschen sind müde, sie sind durch den langen Krieg ausgezehrt und demoralisiert, wir haben nichts zu essen, es gibt keine Zukunft für unsere Kinder, wir wollen nichts anderes als dass wieder Frieden einkehrt.“ Auch um den Preis, dass der ehemals verhasste Ex-Diktator das Land wieder regieren wird? „Ja, das ist derzeit wahrscheinlich unser geringstes Übel.“