„Single-Steuer“: Japans Geburtenkrise spaltet die Gesellschaft
Die Aufregung in Japan ist groß, der Betrag, um den es geht, gering: Gerade einmal 250 Yen pro Monat – umgerechnet 1,60 Euro – müssen japanische Arbeitnehmer seit Mittwoch zusätzlich bezahlen, um aus Sicht der Regierung womöglich den Fortbestand ihrer Nation zu sichern. Doch den vielen, wütenden Kritikern in den sozialen Medien geht es ums Prinzip.
Sie haben der neuen Abgabe einen Namen verliehen, der sich medial niederschlug: „Single-Steuer“. Oppositionsparteien nahmen ihn dankbar auf. In Wahrheit handelt es sich um einen zusätzlichen Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung, den alle Arbeitnehmer leisten müssen. Das Geld soll Familien mit Kindern zugutekommen.
Eingeführt hatte diesen „Beitrag zur Unterstützung von Kindern und deren Erziehung“ der ehemalige Premierminister Fumio Kishida vor seinem Rücktritt 2024. Er plante damit Maßnahmen, um die Familiengründung attraktiver zu machen, etwa den Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung.
Das Problem: Japans demografische Krise hat längst einen Punkt erreicht, an dem die Mehrheit der Bevölkerung solche Modelle als unfair erachtet – schließlich erhalten Haushalte mit Kindern deutlich mehr vom Staat, als sie einzahlen. Bei kinderlosen Familien ist es umgekehrt.
Die meisten Japaner leben allein
Gemäß des traditionellen, konfuzianischen Familienmodells bestanden die meisten japanischen Haushalte jahrhundertelang aus drei Generationen: Ein Paar mit Kindern und ein Großelternpaar. Seit 2022 stellen Einpersonenhaushalte mit fast 40 Prozent den größten Anteil.
Frauen bekommen im Japan im Schnitt nur 1,2 Kinder. Die Geburtenrate zählt zu den niedrigsten weltweit.
Die Zahl der Geburten sinkt in Japan seit 1973 konstant. Im Vorjahr waren es nur 706.000, bei 124 Mio. Einwohnern. Die Geburtenrate zählt mit 1,2 Kindern pro Frau zu den niedrigsten weltweit.
Die Arbeitskultur ist gleichzeitig enorm intensiv und diskriminierend gegenüber Frauen. Wird eine Angestellte schwanger, wird von ihr häufig erwartet, dass sie kündigt. Japanerinnen müssen so noch immer zwischen Familie und Karriere entscheiden.
Jede weitere Belastung ist für arbeitende Japaner ist enorm unpopulär
Die Entwicklung belastet den Staatshaushalt. Das Pensionssystem ächzt – und wo früher Großeltern bei der Kindererziehung mithalfen, muss heute die öffentliche Kinderbetreuung bezahlt werden. All das führte zu höheren Steuern bei zeitgleich steigenden Lebenskosten.
Jede weitere Belastung der arbeitenden Generation ist vor allem unter jungen Japanern enorm unpopulär. Im Vorjahr verlor die Regierungspartei LDP erstmals seit Jahrzehnten ihre Mehrheit im Parlament.
Das naheliegende Mittel gegen die Krise: Migration. Doch auf der traditionell isolationistischen Insel wuchs die Stimmung gegen Ausländer in letzten Jahren, obwohl Migranten nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Die heutige Regierungschefin Sanae Takaichi übernahm im Herbst, auch ihr migrationsfeindlicher Kurs half, die LDP-Mehrheit bei vorgezogenen Wahlen im Februar zurückzuerobern. Doch der Streit um 250 Yen zeigt, dass auch sie bald Antworten auf die demografische Krise liefern muss.
Kommentare