Politik | Ausland
23.05.2017

IS-Propaganda: Machen sich die Medien mitschuldig?

Der Dschihadismus-Experte Nico Prucha über die Propagandakanäle des IS und wie sich auch klassische Medien von den Terroristen einspannen lassen.

Der Schock nach dem Anschlag von Manchester sitzt tief. Wieder einmal hat sich der sogenannte "Islamische Staat" per Schreiben zu einem blutigen Anschlag in Europa bekannt. In der Regel ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass der Attentäter tatsächlich mit der Terrormiliz in irgendeiner Form von Verbindung stand. Wieder kursierte das Bekennerschreiben in den Sozialen Medien, inmitten von Beileids- und Solidaritätsbekundungen, aber auch von Jubelpostings. Denn der IS und seine Unterstützer sind im Netz immer präsent. In Chats und Timelines verbreiten sie die Propaganda auf der Suche nach den Attentätern von morgen, nicht ungehindert, aber bisher zumindest unaufhaltsam.

Der Dschihadismusforscher Nico Prucha vom Institut für Orientalistik an der Universität Wien beobachtet seit Jahren die Onlinewelt der Terrormiliz. Den Sozialen Medien würde oft zu Unrecht die Schuld an der Propaganda-Flut des IS zugeschoben, sagt er. Auch klassische Medien und Extremismus-Experten auf Twitter würden ihren Teil dazu beitragen, dass sich die Botschaft verbreitet.

Der Chat-Dienst Telegram gilt schon seit Längerem als zentrales Tool in der Propaganda-Strategie des IS. Ist das nach wie vor so?

Ja, ganz stark. Die fliegen ganz klar unter dem Radar und Telegram ist mehr denn je die Plattform, wo sich Extremisten organisieren und Medieninhalte gezielt an ihre Unterstützerauf ihren Plattformen streuen.

Warum ausgerechnet Telegram?

Wir müssen das sunnitisch-extremistische Ökosystem verstehen, um diese Frage zu beantworten. Twitter hat Ende 2016 recht effektiv damit angefangen, mit Filtern IS-Inhalte zu finden, zu löschen und Accounts, die dem IS zugeschrieben wurden, zu sperren. Da gab es einen Schock in diesem Online-Schwarm von IS-Mitgliedern und Sympathisanten. Der ganze Schwarm hat das sinkende Schiff Twitter verlassen und ist zu Telegram geströmt, wo vereinzelt schon Hardcore-Mitglieder vertreten waren.

Nach wenigen Wochen haben sie dann etwas leidig festgestellt, dass die Rekrutierung nicht mehr so gut funktioniert, weil die IS-Sympathisanten auf Telegram doch etwas abgeschieden unter sich agierten. Sie wollten wieder missionarisch aktiv werden und haben eine klare Medienstrategie formuliert, wie die Inhalte wieder an jene Leute gebracht werden können, die nicht in die geheimen Telegram-Gruppen hineinkommen.

Wie funktioniert das jetzt?

Der IS ist eine sehr pragmatisch denkende Gruppe. Da gab es eine medienstrategische Diskussion, die mehrere Dokumente umfasste, wo klar festgelegt wurde: Wir sind medientechnisch sehr erfolgreich, deswegen werden wir auf Twitter verfolgt und deswegen müssen wir auch unsere Operationen auf Twitter, Facebook oder Instagram verstärken, in dem Wissen, dass unsere Accounts relativ schnell gesperrt werden.

Wenn, wie jetzt in Manchester, ein Anschlag stattfindet, dann gibt es auf Telegram ein Biotop, wo es weder Gegenpropaganda noch große Störfaktoren gibt. Dort können Inhalte in Ruhe verteilt und Operationen organisiert werden. Die Inhalte werden dann von den Unterstützern mittels copy/paste bei Twitter, Facebook et cetera angepriesen und wenn der Account gesperrt wird, dann ist das betreffende Ereignis meistens ohnehin schon vorbei und es gibt ein neues.

Die Taktik ist also, für einzelne Ereignisse immer neue Accounts zu erstellen, die so schnell gar nicht mehr geschlossen werden können.

Genau, weil sie nicht so schnell gefunden werden, wie sie entstehen. Die Inhalte werden auch von Twitter-Accounts geteilt, die nicht unmittelbar von der Sperre betroffen sind. Das meinte ich mit Pragmatismus: Man verwendet nicht mehr nur Textbausteine, auf die die Spam-Filter der Betreiber reagieren, sondern man verwendet Text als Jpeg-Bilder. Die müssen erst einmal identifiziert werden. Man muss das Bild als Text erkennen, übersetzen und auf Keywords filtern. Es gibt auch eine ganze Menge von Hardcore-Unterstützern, die rund um die Uhr Twitter-Accounts erstellen und die Inhalte verbreiten.

Telegram ist laut eigenen Angaben bereits gegen die dschihadistischen Umtriebe vorgegangen. Hat das etwas bewirkt?

Es gibt zwei Beobachtungen: Vereinzelt werden Gruppen von Telegram geschlossen, aber sehr wenige, weil Telegram sehr abgeschlossen aufgebaut und teilweise verschlüsselt ist. Telegram weiß selber oft nicht, was in den Gruppen passiert. Das Zweite ist: Um am Telegram-Ökosystem teilzunehmen, muss man die Quellen und Inhalte aktiv konsumieren. Da werden ständig Einladungen zu neuen Gruppen ausgesprochen. Das regeneriert sich immer wieder. Und wir sehen schon auch Gruppen mit 8000 bis 9000 Mitgliedern.

Wie können die größeren Social-Media-Plattformen darauf reagieren?

Es ist seitens der Politik immer bequem auf die Social-Media-Plattformen zu schimpfen. Zumindest Twitter macht ja schon einiges, um extremistische Inhalte zu sperren. Es gibt aber ein Ungleichgewicht, weil es eben extremistische Gruppierungen gibt, die so ein Engagement haben, dass ihre Unterstützer immer und immer wieder ihre Inhalte auf den Plattformen streuen und neue Accounts erstellen.

Welche Rolle spielen die klassischen Medien?

Es ist schon so, dass Medien, wie in England zum Beispiel The Mirror oder Daily Mail, selber IS-Filme auf ihren Seiten einbetten, dass man zumindest Auszüge von IS-Filmen schauen kann. Auch bei Fox News etwa sind solche Videos noch immer abrufbar. Man muss sich fragen: Machen sich dann Medien mitschuldig, die extremistische Inhalte, wenn auch nur zum Teil, auf ihren Seiten reproduzieren? Wohl wissend, dass die Inhalte auf ihren Seiten natürlich nicht gesperrt werden können? Das ist ein Problem.

Und dann gibt es Firmen, die damit Geld verdienen, als Extremismus-Experten und Akademiker auf Twitter englischsprachige IS-Propaganda zu teilen, um zu zeigen, was es nicht alles Neues vom IS gibt. Der IS ist keine doofe Gruppe. Die wissen ganz genau, dass ein Link, den ein anerkannter Akademiker auf Twitter postet, in der Regel auch nicht gesperrt wird. Das unterläuft natürlich auf die Bestrebungen von Twitter, extremistische Inhalte fernzuhalten.

In welchen Ländern ist der IS propagandistisch gerade besonders aktiv?

Seit dem Putsch in der Türkei und den verstärken Anschlägen durch den IS in der Türkei bemerken wir ein gezieltes Streuen türkischer Übersetzungen von IS-Inhalten, wie Videos. Es ist der Versuch, im syrisch-türkischen Grenzgebiet und in sunnitisch-orthodoxen Communitys innerhalb der Türkei Einfluss zu gewinnen.

In unseren Social-Media-Analysen untersuchen wir auch, von welchen Ländern aus die Bitly-Links angeklickt werden, die in den Chatgruppen auf Telegram kursieren. Seit Ende letzten Jahres ist die Türkei das Land mit den meisten Klicks. Klassischerweise kommen die vor allem aus Saudi-Arabien, Syrien, Ägypten und dem Irak. Auch Großbritannien ist immer wieder unter den Top 5.

Wie kann man dem Problem überhaupt noch begegnen, wenn Sperren im Internet nicht funktionieren?

Was nach wie vor kaum passiert, ist, dass man die Inhalte ernst nimmt und versucht, seriös damit umzugehen, damit junge Menschen den kritischen Umgang mit extremistischen Inhalten lernen. Die ganzen regierungsfinanzierten Counter-Narratives haben keinen Bezug zu den Inhalten der Extremisten und sie spielen da auch gar keine Rolle.

Ihnen fehlt die Glaubwürdigkeit?

Ja. Man braucht glaubwürdige Stimmen aus lokalen Communities, die sich mutig und offen gegen Extremismus aussprechen. Wir haben solche Leute, aber für so eine Arbeit eine Finanzierung zu bekommen, ist sehr schwierig.