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Interview
12/21/2016

Nach Berlin-Terror: Ist das IS-Bekenntnis echt?

Der Dschihadismus-Experte Nico Prucha analysiert das Bekennerschreiben des IS zum Anschlag in Berlin.

von Moritz Gottsauner-Wolf

Noch ist nicht gesichert, wer das verheerende Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin ausgefĂŒhrt hat. Der sogenannte "Islamische Staat" hat sich allerdings schon zur Tat bekannt. Oder hat er das?

Im Internet ist am Tag nach dem Anschlag ein Bekennerschreiben aufgetaucht. Es stammt angeblich von Amaq, einem Online-Medium, das als Nachrichtenagentur des IS gilt. Darin heißt es lapidar: „Geheimdienstquelle zur Amaq Agentur: ‚Der AusfĂŒhrer des Überfahranschlags in Berlin gestern ist ein Soldat des Islamischen Staates. Er fĂŒhrte die Operation nach Aufrufen zum Angriff auf Angehörige der Koalitionsstaaten aus.‘“

Der Dschihadismusforscher Nico Prucha vom Institut fĂŒr Orientalistik an der UniversitĂ€t Wien bewegt sich seit Jahren in der Online-Szene der Terrormiliz. Im GesprĂ€ch mit kurier.at erklĂ€rt er, was hinter dem Bekennerschreiben und der ominösen Amaq-Agentur steckt.

Herr Prucha, Sie verfolgen die Online-AktivitÀten des IS und seiner Aktivisten schon seit LÀngerem, wie beurteilen sie das Bekennerschreiben zu Berlin?

Nico Prucha: Die erste Frage in solchen FĂ€llen ist, wo das Bekennerschreiben erschienen ist, also auf welchen KanĂ€len. FrĂŒher waren das klassische Online-Foren, dann Twitter und seit einem halben Jahr ist es ganz stark der Messagingdienst Telegram. Auf Telegram werden IS-Bekennerschreiben in Form von Jpeg-Bildern veröffentlicht, die einem ganz klaren Layout, betitelt mit „Amaq“, folgen. Alleine das Layout und die bestimmten Telegram-KanĂ€le, in denen ein Schreiben veröffentlicht wird, geben Auskunft ĂŒber die AuthentizitĂ€t. Da ist es schnell klar, dass es vom IS kommt.

Auch das Wording ist bei Attentaten außerhalb des Nahen Ostens immer sehr Ă€hnlich. Etwa, dass eine Quelle aus dem Sicherheitskreis gegenĂŒber Amaq-Medien gesagt hĂ€tte, dass der AttentĂ€ter ein Soldat des "Islamischen Staates" sei. Der Satz ist immer gleich, ob es um Paris geht, BrĂŒssel oder jetzt eben Berlin.

Außerdem wird in Bekennerschreiben meist angegeben, dass der AttentĂ€ter einem Aufruf gefolgt sei. Warum ausgerechnet diese Formulierungen?

Das bezieht sich auf den Aufruf von Abu Mohammad al-Adnani (mittlerweile getöter IS-Geheimdienstchef, Anm.) vor zwei Jahren, Ziele im Westen anzugreifen. Damit wird die Referenz eingebaut, dass der Soldat des Kalifats auf diesen Aufruf reagiert und das, wozu al-Adnani aufgerufen hat, auch umgesetzt wird. Damit wird eine gewisse KohĂ€renz vermittelt: Die Ideologen geben den Ton an und die Aktivisten und Soldaten fĂŒhren die Befehle aus.

Es gibt aber auch die Trittbrettfahrer-Theorie, dass der IS sich zu Taten bekennt oder sie beansprucht, zu denen gar keine direkte Verbindung besteht. Der Wortlaut des Bekennerschreibens heißt ja eigentlich nichts, das könnte der IS ĂŒber jedes Verbrechen mit islamistischen Hintergrund sagen.

Ich fĂŒrchte, die Trittbrettfahrer sind hier eine Randgruppe. Der IS bekennt sich meiner Erfahrung nach in den meisten FĂ€llen, nicht immer, dann zu AnschlĂ€gen, wenn er es auch belegen, also zum Beispiel Videos des AttentĂ€ters veröffentlichen kann. Das war in WĂŒrzburg so und auch in der Normandie, als der Priester ermordet wurde. Zu Nizza hat sich der IS zwar bekannt, es folgte aber kein Video des AttentĂ€ters. Ich fĂŒrchte trotzdem, dass es hier irgendeine Form von Verbindung gegeben hat.

Der IS ist sehr vorsichtig, keine AnschlĂ€ge fĂŒr sich zu reklamieren, die spĂ€ter jemand anderem nachgewiesen werden können. Zu AnschlĂ€gen in der TĂŒrkei, die der PKK zugeschrieben werden, bekennt er sich beispielsweise nicht. Er ist da sehr bedĂ€chtig, seine Handlung als kohĂ€rente Form von Außenpolitik darzustellen. Der IS weiß auch, dass er von seinen Online-AnhĂ€ngern eine auf die Nase kriegen könnte, wenn das herauskĂ€me. Da sind sie leider sehr strategisch.

Amaq hat keine stÀndige Webseite, sind die Bekennerschreiben nicht leicht fÀlschbar?

Da sind wir beim Hauptpunkt zu dschihadistischen Medien: Die ĂŒberwiegende Mehrheit der Medien ist auf Arabisch. Die Inhalte dieser Medien stĂŒtzen sich – egal ob in Text- oder Videoform – immer auf theologische Komponenten, die ein Gesamtbild ergeben. Wenn Sie FĂ€lschungen einflechten, dann fĂ€llt das relativ schnell auf, weil hier ein Bruch in der KohĂ€renz der Narrative entsteht. Man kann sich das wie einen Schwarm vorstellen, da wird dann auf Telegram gewarnt: BrĂŒder und Schwestern passt auf, das hier ist eine FĂ€lschung, keinesfalls herunterladen. FĂ€lschungen hereinzutragen hat sich als ziemlich unmöglich erwiesen.

FĂŒr Sie ist das Bekennerschreiben also authentisch und ernstzunehmen?

Ja. Wegen des Inhalts und auch aufgrund dessen, wo es aufgetaucht ist. Das ist die pure IS-Onlinewelt. Telegram ist im Moment eben die Hauptplattform der Dschihadis.

Woher wissen wir eigentlich, dass hinter Amaq der IS steht?

Die Amaq hat sich als Gruppe lokaler Film-Aktivisten im Irak und Syrien etabliert. Sie haben als eingebettete Mudschaheddin mit den IS-KĂ€mpfern immer wieder zwei-, dreiminĂŒtige Clips hergestellt. Ab 2013 hat sich Amaq als Mediengruppe immer weiter aufgebaut. Ihre Inhalte wurden lange Zeit gar nicht als offizielle IS-Inhalte gefĂŒhrt, aber eben mitpropagiert.

Mit der Zeit hat sich Amaq als offizielles Mediensprachrohr des IS etabliert. Sie publizieren pro Tag etwa ein Dutzend Bekennerschreiben im bekannten Format und ein halbes Dutzend bis zu einem Dutzend eigene Filme, die zeigen, was im Kalifat gerade so passiert. Amaq ist sozusagen der ORF des IS, die staatliche Medienquelle. Und als solche ist Amaq natĂŒrlich auch die Ressource bei Attentaten im Ausland.

Zur Person: Nico Prucha ist Lehrbeauftragter am Institut fĂŒr Orientalistik an der UniversitĂ€t Wien. Prucha, der fließend Arabisch spricht, analysiert seit mehr als zwölf Jahren dschihadistische Propaganda. Er ist einer der GrĂŒnder des Vienna Observatory for Applied Research on Terrorism and Extremism (Vortex), das unter anderem österreichische Jugendarbeiter im Umgang mit Radikalisierung berĂ€t.

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