Iran-Proteste: Wie die Mullahs die Straßen leer schossen

Iranian students protest in front of the British embassy in Tehran
Bis Mittwoch verstärkte sich der Eindruck, die Islamische Republik könne ins Wanken geraten. Doch die Kombination aus hartem Vorgehen des Regimes und Trumps Kehrtwende scheint die Proteste vorerst gestoppt zu haben.

Noch vor wenigen Tagen sah es im Iran danach aus, als würde das Mullah-Regime in ernsthafte Bedrängnis geraten: landesweite Demonstrationen, Schüsse, Handyvideos von Leichensäcken. US-Präsident Donald Trump kündigte „Hilfe“ an, die Zeichen standen auf einen wie auch immer gearteten Militärschlag gegen die Islamische Republik. Dann verebbte die Welle abrupt.

Das Regime kappt Internetverbindungen, eskaliert die Gewalt – und verkauft die Proteste als „ausländische Operation“. Und dass eine tatsächliche „ausländische Operation“ seitens der USA ausblieb, dürfte den Widerstandswillen der iranischen Oppositionellen vorläufig gebrochen haben.

Rasche Eskalation

Auslöser der jüngsten Unruhen waren zunächst wirtschaftliche Probleme. Ende Dezember schlossen Händler in Teheran aus Wut über Währungsverfall und Inflation ihre Geschäfte. Rasch wurden daraus politische Slogans wie „Tod Khamenei“ und „Tod dem Diktator“. Am 8. Jänner gewannen die Proteste rasant an Kraft: Nach einem Aufruf von Reza Pahlavi füllten sich die Straßen – kurz darauf kappte das Regime Internet und internationale Telefonate.

Maryam (Name geändert) schildert dem KURIER, was ihr Freunde und Verwandte erzählen: „Auf dem Rathausplatz in der Stadt Rascht hatten sich Menschen versammelt, als plötzlich unmarkierte Fahrzeuge auftauchten“, sagt sie. „Sie fuhren auf die Menge zu, während Schüsse fielen. In Panik rannten viele in den Basar. Dort legten Sicherheitskräfte Feuer, und die Flammen breiteten sich rasend schnell aus.“ Draußen sollen bewaffnete Fahrzeuge gewartet haben. „Die Menschen hatten keine Wahl: verbrennen oder sich dem Kugelhagel stellen. Viele rannten hinaus und wurden erschossen. Die Leichen blieben liegen – als Abschreckung.“

Der Apparat funktioniert

Auch wenn die Proteste rasend schnell an Kraft gewonnen hatten – der Sicherheitsapparat der Islamischen Republik funktioniert nach wie vor. 200.000 Kämpfer der Revolutionsgarden und Hunderttausende Milizionäre halten augenscheinlich nach wie vor zu den Mullahs. Aktivisten berichten, Sicherheitskräfte hätten aus Wohnhäusern, Moscheen und Polizeiposten mit scharfer Munition auf unbewaffnete Demonstranten geschossen und dabei Kopf und Oberkörper anvisiert.

Augenzeugen schildern nächtliche Salven, viele trauten sich nach Sonnenuntergang nicht mehr hinaus. Später zeigte das Staatsfernsehen Reihen von Toten in einer Teheraner Leichenhalle. Wie viele Tote es insgesamt gab, ist in der Informationssperre nicht seriös zu beziffern, doch es sollen Tausende sein. „Nach den Berichten, die mich erreichen, wurden in nur zwei Tagen mehr als 12.000 Demonstranten getötet – manche Quellen sprechen von dieser Zahl allein für Teheran“, sagt Maryam. „Die tatsächliche Zahl ist nicht verifizierbar, aber alle meine Quellen melden ein Massaker mit extrem hoher Opferzahl.“

Besonders erschütternd sind Berichte über den Umgang mit Leichnamen. Maryam schildert, Familien würden Körper teils nicht zurückbekommen – oder nur gegen Geld und Schweigen. Mehrere Stimmen nennen eine Summe von rund 4.000 Euro pro Leichnam.

Gefährliche Operationen

In anderen Fällen hieß es: keine Trauerfeier, kein öffentliches Begräbnis, keine Fragen. Maryam berichtet auch von Krankenhäusern, in die Sicherheitskräfte eindringen sollen – um Leichen zu entfernen, Verwundete festzunehmen oder Behandlungen zu unterbinden.

Ein Arzt, der fliehen konnte, habe erzählt, wie Kollegen und er in einer Nacht zehn, elf Operationen an verletzten Demonstranten durchführten – immer mit dem Risiko, selbst ins Visier zu geraten.

Jetzt, so Maryam, seien viele Sicherheitskräfte auf den Straßen: „Wenn die Leute auf die Straße gehen, wird geschossen. Egal, ob man protestiert oder nur ins Krankenhaus gehen will. Man darf nach 18 Uhr nicht hinausgehen.“

Es scheint, als seien die massiven Proteste für dieses Mal vorbei, als könne sich das geschwächte Mullah-Regime noch weiter halten. Allerdings sind die Ursachen – die massiv schlechte wirtschaftliche Lage – nicht weg. Und so dürfte es zu weiteren Protesten kommen.

Kommentare