Angriff auf den Iran: Wem geht zuerst die Munition aus?

Trotz der schweren Attacken ist der Iran in der Lage, Gegenangriffe zu starten. Sollte der Krieg lange dauern, könnten sie tödlicher werden.
Iranischer Mehrfachraketenwerfer

von Timo Buchhaus

Auch am vierten Tag nach Beginn des Krieges ist der Iran trotz hoher Verluste und anhaltender Angriffe durch die USA und Israel weiterhin in der Lage, umfassende Gegenangriffe auf etliche Staaten in der Region durchzuführen.

Das ist möglich, weil das Mullah-Regime sich über Jahre ein großes Arsenal an weitreichenden Waffen aufgebaut hat. In der iranischen Militärdoktrin nehmen diese eine zentrale Rolle ein, Teheran setzt bei seiner geopolitischen Strategie seit Langem auf Abschreckung durch Vergeltungsaktionen. 

Bombenkrater in Israel

Iranischer Gegenangriff auf Israel

Die iranische Luftwaffe dagegen ist veraltet und schwach. Angesichts der amerikanisch-israelischen Übermacht ist es für den Iran nicht möglich, die Lufthoheit zu erringen. Dass es so kommen würde, hat man im Iran vorausgesehen - strategische Waffen wie ballistische Raketen, Marschflugkörper oder Drohnen stehen daher schon lange im Zentrum der iranischen Aufrüstung.

Westliche Beobachter gehen davon aus, dass der Iran bis vor wenigen Jahren über einen Waffenmix von 2.000 bis 3.000 ballistischen Raketen und Marschflugkörper verfügte. Ein Teil dieses Arsenals wurde aber schon 2024 und 2025 bei Schlägen gegen Israel eingesetzt, ein anderer Teil wohl auch bei den aktuellen US-israelischen Luftangriffen im Iran zerstört. Auch etliche Startvorrichtungen, die zum Abfeuern der Raketen notwendig sind, wurden getroffen. Israel gab an, etwa 200 Stück und damit etwa die Hälfte der Raketen-Startvorrichtungen zerstört zu haben.

Ein Mann steht vor einem Trümmerhaufen, der von zerstörten Gebäuden stammt.

Nach US-israelischem Angriff: Zerstörung im Zentrum von Teheran

Die iranische Industrie ist in der Lage, monatlich zwischen 50 und 100 Raketen und Marschflugkörper herzustellen. Geheimdienste warnten zuletzt, dass der Iran die Produktionsrate stark gesteigert haben könnte.

Herzstück des Arsenals

Der größte Teil des iranischen Arsenals besteht aus ballistischen Raketen. Diese sind mit einem Sprengkopf bestückt und verfügen über ein Triebwerk, das, einmal gezündet, den Flugkörper in die richtige Höhe und Geschwindigkeit versetzt. Ist die Zielgeschwindigkeit erreicht, übernimmt die Schwerkraft den Rest: Die Rakete gleitet ins Ziel. Der überwiegende Teil des Raketenarsenals besteht aus Kurzstreckenraketen mit Reichweiten unter 1.000 Kilometern. Mit seinen modernsten Raketen kann der Iran aber auch Ziele in bis zu 2.000 Kilometern Entfernung angreifen – also theoretisch in Osteuropa.

KURIER-Infografik

Marschflugkörper dagegen haben, ähnlich wie ein Flugzeug, ein Tragwerk, das ihnen ermöglicht, die Flugbahn aktiv zu korrigieren. Da sie in niedriger Höhe fliegen, sind sie schwer abzufangen und werden aus der Ferne präzise ins Ziel gelenkt. Der Iran verfügt wahrscheinlich über mehrere Hundert Stück dieser Waffe. 

Irans Drohnenindustrie

Eine Kernfähigkeit der iranischen Waffenindustrie ist die Produktion von Langstreckendrohnen. Irans Shahed-Drohne hat eine Reichweite von 2.500 Kilometern und kann einen Sprengkopf mit bis zu 60 Kilogramm transportieren. Die aus Holz, Papier, Kunstharz bestehende Drohne ist etwa 3,5 Meter lang und billig zu produzieren. Sie ist die vielleicht erfolgreichste Innovation des iranischen Rüstungsmarktes und setzt weltweit Maßstäbe: Im Krieg gegen die Ukraine wurde die Shahed eine von Russlands wichtigsten Waffen.

Illustration: Pilar Ortega

Auch die USA produzieren mittlerweile ihre eigene Version der Shahed. Die Kamikaze-Drohnen werden in Massen produziert und eingesetzt, was darauf abzielt, die Luftabwehr Israels, des US-Militärs und ihrer Verbündeten zu überwältigen. Seit der US-israelischen Attacke auf den Iran wurden mehr als 1.000 iranische Drohnen und Raketen abgefangen. 

Abfangquote bei 90 Prozent

Die Abfangquote der meisten angegriffenen Staaten liegt aktuell bei mehr als 90 Prozent. Doch die Luftabwehrraketen-Vorräte der USA und ihrer Verbündeten in der Region sind begrenzt und durch vergangene Aktionen zum Teil schon aufgebraucht. Neue zu bauen dauert. Ob zukünftige Schläge des Iran verheerender sein werden, hängt also auch von den US-Vorräten ab - und davon, wie schnell Abschussrampen und militärische Logistik im Iran selbst zerstört werden können.

Der Iran kämpft also mit einem großen, aber nicht unendlichem Arsenal, die USA mit einer ebensolchen Luftabwehr. Die große Frage für den weiteren Verlauf dieses Krieges lautet also: Wem geht zuerst die Luft aus?

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