Indien bis Japan: Der Iran-Krieg stürzt Asien in die Energiekrise
Indien: Lange Schlangen für LPG-Gas, das vor allem aus dem Nahen Osten kommt.
Es ist eine ungewöhnliche Aufforderung, mit der sich der indische Restaurantverband NRAI zuletzt an seine rund 500.000 Mitglieder gewandt hat: Restaurants in dem südasiatischen Land mögen bitte ihre Speisekarten anpassen. Gerichte, die lange köcheln oder frittiert werden, sollen nicht mehr serviert werden. Zudem empfiehlt der Branchenverband, Restaurant-Öffnungszeiten zu verkürzen - und beim Kochen Deckel zu verwenden, um Energie zu sparen.
Hintergrund ist der Krieg am Persischen Golf, der Indien in eine handfeste Energiekrise gestürzt hat. Besonders kritisch steht es um die Versorgung mit dem Flüssiggas LPG (Liquefied Petroleum Gas), das vor allem zum Kochen verwendet wird. Nach China ist das bevölkerungsreichste Land der Welt nämlich der zweitgrößte Importeur von Flüssiggas überhaupt. Mehr als die Hälfte seiner Lieferungen bezieht es aus den VAE, Kuwait, Katar und Saudi-Arabien – größtenteils über die Straße von Hormus.
Hamsterkäufe und Preisanstiege
Gerät der Schiffsverkehr durch dieses strategisch wichtige Nadelöhr ins Stocken, trifft das Indien daher besonders hart. Entsprechend rasch breitete sich auf dem Subkontinent nach Kriegsbeginn Ende Februar Panik aus: Menschen begannen, Flüssiggaszylinder zu horten – und dadurch Engpässe erst recht weiter zu befeuern. Auf dem Schwarzmarkt schossen die Preise in die Höhe.
Die indische Regierung ist seitdem bemüht, die Bevölkerung zu beruhigen. Um die Versorgung der Haushalte zu gewährleisten, wurden Lieferungen an Unternehmen (Restaurants, Hotels, etc.) eingeschränkt und Raffinerien angehalten, die LPG-Produktion zu erhöhen.
Vier-Tage-Woche
Indien ist mit dem Problem nicht allein. Viele Länder Süd- und Ostasiens sind bei Öl- und Gaslieferungen stärker von den Golfstaaten abhängig als der Rest der Welt. Weil seit Beginn des Iran-Kriegs Lieferungen ausbleiben und die Preise steigen, greifen Regierungen nun zu drastischen Maßnahmen.
In Pakistan etwa, das im Vorjahr fast alle seine LNG-Importe (Liquefied Natural Gas) aus Katar bezog, wurde eine Vier-Tage-Woche für die meisten Beamten eingeführt. Außerdem gelten Sprit-Rationierungen für Beamte und freiwillige Gehaltsverzichte für Politiker. Um Energie zu sparen, bleiben Schulen bis Ende des Monats geschlossen. Zudem wurden die Benzinpreise um 20 Prozent erhöht.
In Bangladesch gehören mittlerweile geplante Stromabschaltungen zum Alltag. Denn: Rund die Hälfte des dortigen Stroms stammt aus Gaskraftwerken und fast ein Drittel dieses Gases kommt aus Katar. Seit Kriegsbeginn sind die Lieferungen aus dem Königreich aber nahezu vollständig eingebrochen. Für die so wichtige Textilindustrie des armen Landes ist das katastrophal. Fabriken müssen auf teure dieselbetriebene Generatoren ausweichen oder Kapazitäten zurückfahren. Auch die Sicherheitslage im Land ist angespannt: Der Ansturm auf Tankstellen ist mittlerweile so groß, dass teilweise Polizei und Militär stationiert werden.
Auch im Südosten und Osten des Kontinents reagiert man auf die sich zuspitzende Energiekrise: Die thailändische Regierung ruft die Bevölkerung dazu auf, Klimaanlagen auf 26 bis 27 Grad einzustellen. Beschäftigte in Büros sollen möglichst kurzärmelige Hemden statt Anzüge tragen. In Myanmar gelten inzwischen abwechselnde Fahrbeschränkungen nach Kennzeichen.
In Südkorea wird erstmals seit fast 30 Jahren eine vorübergehende Obergrenze für Kraftstoffpreise eingeführt. Und Japan, das mehr als 90 Prozent seines Öls aus Nahost importiert, gibt ab Montag erstmals Öl aus seinen nationalen Reserven frei.
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