Politik | Ausland
15.10.2017

Iran: Die schiitische Vormacht

Durch die Kriege im Nahen und Mittleren Osten ist Teheran seinem machtpolitischen Ziel zum Greifen nahe.

Erst das Atomabkommen mit dem Iran, dann ein gemeinsamer Feind in der Region, der IS – beinahe war die Rivalität zwischen den USA und dem Iran aus dem Bewusstsein gerückt. Seit US-Präsident Donald Trump aber auf das Abkommen mit dem Iran einprügelt und das Land als Schurkenstaat tadelt, rückt der alte Konflikt wieder ins Zentrum. Denn die Kriege in Syrien, dem Irak und dem Jemen haben bisher vor allem einem genutzt: dem Iran.

Ob Milch, Fleisch oder Baustoffe – ohne Produkte aus dem Iran wären die Märkte im Irak derzeit leer. Neu gegründete TV-Sender berichten zugunsten des östlichen Nachbarn, mit dem sich Bagdad vor drei Jahrzehnten noch einen blutigen Krieg geliefert hatte. Beinahe eine Million Menschenleben forderte der Konflikt, bei dem der massive Einsatz von Senfgas Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg weckte.

Einer, der damals an vorderster Front kämpfte, ist Generalmajor Quassim Suleimani, genannt "der Schatten". Er ist Kommandant der "Al-Quds", der Auslands-Elitetruppe der iranischen Revolutionsgarden. Bereits im Ersten Golfkrieg kommandierte er eine Brigade – mit nicht einmal 30 Jahren.

Schreckensgespenst

Seitdem ist im Irak viel passiert – der Sturz Saddam Husseins, Besatzung durch die US-Truppen, Aufstieg der Terrormiliz "Islamischer Staat" – und vor allem eine schiitische Regierung. Alles Faktoren, die Teheran in die Hände spielten, um ein Projekt zu realisieren: den "Schiitischen Halbmond", ein pro-iranischer Korridor zwischen Teheran und Beirut. Das Schreckensgespenst anderer Machtblöcke in der Region: Etwa für Saudi-Arabien, den sunnitschen Konkurrenten des Iran, für den dies einen gewaltigen Verlust an Einfluss im Mittleren Osten bedeutet. Israel wieder fürchtet, dass eine direkte Verbindung zwischen dem Iran und der libanesischen Hisbollah-Miliz zur massiven Bedrohung werden könnte. Die Hisbollah wird vom Iran unterstützt, Suleimani soll an ihrer Gründung beteiligt gewesen sein.

Bereits 2012 hatte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton dazu aufgerufen, Assad zu stürzen, um den "Schiitischen Halbmond" zu verhindern, trotzdem steht der Iran knapp davor, genau das zu vollenden. Und ohne Suleimani wäre dies kaum gelungen. Bereits als die USA das Saddam-Regime stürzten, mobilisierte "der Schatten" Milizen, die die Bevölkerungsmehrheit der Schiiten gegen die westlichen Besatzer aufwiegelten. Auch vor direkten Konfrontationen mit der US-Armee schreckte er nicht zurück: Hunderte GIs starben durch Sprengsätze, die im Iran produziert wurden.

Grausame Milizen

Der Aufstieg des IS trieb noch mehr Iraker in die Hände der schiitischen Milizen, die ihren Feinden an Grausamkeit um nichts nachstanden. Enthauptungen und Folter stehen an der Tagesordnung. Abu Azrael, genannt der "Erzengel des Todes" ist einer der Kommandanten – und richtet seine Feinde mit Axt und Schwert. 2016 erließ Irans Parlament das Gesetz, dass schiitische Milizen zu den Sicherheitskräften des Irak gehören. Für Teheran ein Sieg auf ganzer Linie.

Ohne die Hilfe des Iran hätte Bagdad den IS jedoch niemals zurückdrängen können. Suleimani war es, der maßgeblich an der Befreiung Tikrits beteiligt war, der wichtigsten Stadt zwischen Bagdad und Mossul.

Doch nicht nur im Irak festigte "der Schatten" den Einfluss des Iran: "Die syrische Armee ist nutzlos! Gebt mir eine Basij-Brigade und ich nehme das ganze Land ein", soll er über den Syrien-Krieg gesagt haben. Tatsächlich gehen viele Siege der syrischen Armee auf Suleimanis Konto. Er plante die Belagerung der Rebellenstadt Al-Kusair ebenso wie wichtige Operationen bei der Rückeroberung von Aleppo.

Es sind nur noch wenige Quadratkilometer IS-Gebiet, die einen zusammenhängenden "Schiitischen Halbmond" verhindern. Weder die Dominanz im Irak, noch der Einfluss in Syrien wird Teheran noch zu nehmen sein.