Jean Ziegler: "Konzerne entscheiden, wer isst und wer stirbt"

Palästinensische Kinder warten in Rafah im südlichen Gazastreifen auf Essen, das von einer Wohltätigkeitsküche gekocht wurde, 5. Februar 2024.
Kriege, Klimawandel und ein System, in dem Konzerne über die Leistbarkeit von Nahrung entscheiden: Jean Ziegler prangert auch noch mit 90 Jahren die westliche Schuld am Welthunger an.

"Ich war total ineffizient." So sieht Jean Ziegler, der am 19. April 90 Jahre alt wird, seine Zeit als Sonderberichterstatter und Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats. In dieser Zeit sei der globale Hunger, sein ewiger Gegner, nicht gesunken, sondern gestiegen.

Einer der bekanntesten, internationalen Globalisierungskritiker übt Selbstkritik. Viele Aussagen des Schweizer Soziologen sind bekannt, doch bringen sie die Dramatik der Weltlage heute wie damals auf den Punkt. Im Interview mit dem KURIER prangert er die Schuld des Westens am Welthunger an, legt Lösungsmaßnahmen vor und übt scharfe Kritik am Staat Israel, der den Hunger bewusst als Kriegswaffe gegen die palästinensiche Bevölkerung einsetze.

KURIER: Herr Ziegler, ist es möglich, den Hunger auf der Welt zu beenden?

Jean Ziegler: Der Hunger ist keine Fatalität. Er ist menschengemacht. Er könnte von Menschen morgen aus der Welt geschaffen werden. Dem World Food Report der UN zufolge stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder den unmittelbaren Folgen. Derselbe Bericht sagt, die Weltlandwirtschaft, wie sie heute ist, könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren, fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung, wenn Nahrungsmittelverteilung und Zugang nicht von der finanziellen Kaufkraft des Konsumenten abhängig, sondern ein universelles Menschenrecht wäre. Jedes Kind, das jetzt, während unseres Gesprächs an Hunger stirbt, wird ermordet.

Welche konkreten Maßnahmen bräuchte es denn, um den Hunger zu minimieren?

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