"Fehlen einer Strategie": Internationale Pressestimmen zum Iran-Krieg
Zum Vorgehen der USA im Iran-Krieg schreiben Zeitungen am Samstag:
"The Irish Times" (Dublin):
"Die Ungewissheit über Trumps Absichten spiegelt sich in seiner zweideutigen Haltung zum Thema Bodentruppen wider - eine Aussicht, die seine MAGA-Anhänger besonders beunruhigt. Es wurde darüber gesprochen, Spezialeinheiten zu entsenden, um die verbleibenden Bestände an angereichertem Uran im Iran zu beschlagnahmen. Unterdessen warnen Militärexperten, dass die USA weder die sichere Durchfahrt durch die Straße von Hormuz ohne Weiteres garantieren noch die dezentrale Produktion von Drohnen des Iran unterbinden können.
Das vielleicht Beunruhigendste an Trumps alleiniger Konzentration auf den Luftkrieg ist die gefährliche Illusion, dass das iranische Volk - unbewaffnet und ungeschützt vor den skrupellosen Schlägern der Revolutionsgarde - bereit und in der Lage sein könnte, sich zu erheben und das Regime zu stürzen. Trump riskiert damit weitere Massaker an Zivilisten, ohne den Demonstranten eine realistische Aussicht auf Erfolg zu bieten. (...)
Vor diesem komplexen Hintergrund scheint es für den US-Präsidenten weitaus schwieriger zu sein, den Krieg zu beenden, als ihn zu beginnen. Da ihm eine klare Strategie fehlt und er vom Ausmaß des iranischen Widerstands überrascht wurde, wird Trump Mühe haben, einen Ausweg zu finden, ohne ein schreckliches Chaos zu hinterlassen."
"Corriere della Sera" (Mailand):
"Das Fehlen einer Strategie scheint sich von Anfang an mit dem Hintergedanken verbunden zu haben, im Iran tun zu können, was Anfang Jänner in Venezuela geschah: einen Regimewechsel durch einen Blitzangriff, mit dem der Feind enthauptet wird, um dann mit einem durch Angst gezähmten Nachfolger zu verhandeln. Dieses Rezept für einen Regimewechsel (oder besser gesagt dessen Unterwerfung: Trump hatte den neuen Machthaber gerne selbst 'ernannt') erweist sich als undurchführbar.
Putin ist ein Tyrann im Glück. Trumps Fehlentscheidung erweist sich als Glücksfall für ihn: Je länger der Krieg im Iran dauert, desto mehr steigt der Ölpreis, desto mehr füllen sich die russischen Kassen im Hinblick auf neue Runden gegen den armen Wolodymyr Selenskyj. Und da sich der amerikanische Präsident die Gelegenheit, ihm noch weiter unter die Arme zu greifen, sicherlich nicht entgehen lässt, lockert er die Sanktionen. (...) In Moskau, dem nominellen Verbündeten Teherans, lächelt jemand insgeheim."
"El Mundo" (Madrid):
"Die Entscheidung der USA, den Kauf russischen Öls vorübergehend zu genehmigen, um den Anstieg des Rohölpreises einzudämmen, verschafft Putin Spielraum, seine Offensive gegen die Ukraine zu verstärken. Und sie macht Europa gegenüber der expansionistischen Bedrohung durch den Kreml noch verwundbarer. (US-Präsident) Donald Trump begeht einen schwerwiegenden strategischen Fehler, der eine gefährliche Bresche im Westen aufreißt, indem er einen inkohärenten und spaltenden Kurs beim wirtschaftlichen Druck auf Moskau einschlägt. (...)
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz kritisierte Trumps Initiative und stellte sogar deren wirtschaftliche Logik infrage, mit dem Argument, dass der Ölmarkt nicht unter einem Problem der verfügbaren Mengen, sondern unter einem Preisproblem leide. (...)
Wirtschaftlicher Druck auf Russland kann nur funktionieren, wenn er nachhaltig, koordiniert und glaubwürdig ist. Indem die USA den Kauf russischen Öls zulassen, senden sie die Botschaft, Sanktionen seien verhandelbar, sobald der Energiemarkt unter Druck gerät.
Jeder zusätzliche Dollar, der in die Kassen des Kreml fließt, ist letztlich Treibstoff für die Verlängerung eines existenziellen Krieges, in dem die Verteidigung der liberalen Demokratie und der europäischen Werte auf dem Spiel steht."
"The Times" (London):
"Der Iran weiß, dass er die Straße von Hormuz weiter im Würgegriff halten muss, um seinen unverhältnismäßig großen Einfluss weiter ausüben zu können. Genau aus diesem Grund muss Präsident Donald Trump nun die von den USA versprochene Gewährleistung einer sicheren Fahrt durch diese Seestraße zur Priorität machen. Andernfalls würde er einem zwar angeschlagenen, aber böswilligen Iran einen sehr öffentlichen strategischen Sieg bescheren. (...)
Pete Hegseth, der US-Kriegsminister, hat selbstsicher versprochen, die Meerenge zu öffnen. Doch das ist eine schwierige Aufgabe, die Amerika möglicherweise tiefer in den Konflikt hineinziehen könnte, als ursprünglich vorgesehen. Und das über einen längeren Zeitraum hinweg. Die Islamischen Revolutionsgarden des Iran haben ihre Seetaktik angepasst und setzen inzwischen auf eine flexiblere Doktrin der 'intelligenten Kontrolle'. Dazu gehören unter anderem mit Sprengstoff beladene unbemannte Drohnenboote sowie versteckte Abschussrampen an der Küste, von denen Marschflugkörper abgefeuert werden. (...)
Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken, könnte es erforderlich sein, dass die USA Bodentruppen einsetzen, um strategisches iranisches Territorium, einschließlich der Insel Kharg, zu erobern und zu halten. Das mag für den US-Präsidenten, der sich der innenpolitischen Stimmung vor den Zwischenwahlen im November bewusst ist, als ein riskanter und unliebsamer Schritt erscheinen. Noch schlimmer wäre es jedoch, die Aufgabe nicht zu vollenden und ein angeschlagenes, aber ermutigtes Regime in Teheran zu hinterlassen, das sich seiner neu bestätigten Macht über die Weltwirtschaft erfreut."
"Tages-Anzeiger" (Zürich):
"Die Europäer wollten den Krieg nicht, den die USA und Israel seit zwei Wochen gegen den Iran führen. Mit dessen Folgen müssen sie dennoch leben. Auf die Regierungen in Washington, Jerusalem und Teheran haben Berlin, Paris oder Brüssel so wenig Einfluss wie vielleicht noch nie. Sie können die Einhaltung des Völkerrechts anmahnen, sie können ein baldiges Kriegsende wünschen. Durchsetzen können sie ihre Forderungen nicht. Und von einem möglichen Auseinanderbrechen des Iran am Ende eines Kriegs wären sie vermutlich direkter betroffen als die USA - wenn man nur an mögliche Fluchtbewegungen denkt.
Angesichts dieser Ohnmacht im Großen erstaunt es nicht, dass die Europäer wenig einig scheinen. Die Kakofonie der Meinungen, mit der der Krieg begann, ist nicht geringer geworden, sondern eher größer. Zwischen dem spanischen Premier Pedro Sánchez etwa und dem deutschen Kanzler Friedrich Merz ist viel Platz.
Der Sozialist Sánchez hält den Krieg für völkerrechtswidrig und falsch, verweigert den USA die Benutzung ihrer Stützpunkte im Land und stellt seine Partei als Kraft vor, die immer den Frieden suche. Innenpolitisch bedrängt, schürt er die traditionell starke Amerikakritik im Land, um Sympathien zu sammeln. Der Christdemokrat Merz sagt, er teile viele Ziele der Amerikaner und Israelis und halte den Iran für einen Staat, der sein Volk und die Nachbarn terrorisiere. Er unterstützt den Krieg in den letzten Tagen aber vorsichtiger, auch aus Rücksicht auf seinen sozialdemokratischen Koalitionspartner und ein skeptisches Publikum: Deutschland habe kein Interesse daran, dass der Krieg ewig dauere oder im Chaos ende, so Merz.
Die Spitze der EU ist genauso gespalten: Die christdemokratische Kommissionschefin Ursula von der Leyen äußert sich ähnlich wie Merz, der sozialistische Ratspräsident António Costa wie Sanchez."
"Neue Zürcher Zeitung":
"Fakt ist, der iranische Führer zeigt sich nicht - und allein dies ist ein Zeichen von Schwäche. Es mag an seiner Versehrtheit liegen oder an der berechtigten Angst, sofort getötet zu werden, im Effekt macht es keinen Unterschied. Chamenei junior ist bis anhin nicht in der Lage, sich in einem Video geschweige denn in einer Freitagspredigt der Öffentlichkeit zu offenbaren. Damit bleibt er der Öffentlichkeit den Beweis schuldig, überlebt zu haben.
Dass die Revolutionswächter dennoch auf einen so eingeschränkten Herrscher setzen, könnte darauf hindeuten, dass Modschtaba Chamenei letztlich nur ein Vehikel, eine Marionette ist. Für den Moment spielt es für sie nicht einmal eine Rolle, ob er tot oder lebendig ist, denn sie selbst scheinen den Staat führen zu wollen.
Der präzise Schlag gegen Modschtaba Chameneis Vater und diverse Kaderleute des iranischen Staates hat zudem deutlich gemacht, wie weit die israelischen und amerikanischen Geheimdienste ins Innere der Macht in Teheran vorgedrungen sind. Nicht nur Modschtaba Chamenei geht in Deckung, sondern ein ganzes Regime. (...)
Dass Modschtaba Chamenei sich nicht zeigt, werden die wenigsten Iraner als Zeichen einer geheimnisvollen Macht deuten. Sie werden darin eher ein Zeichen von Schwäche, Angst und Unterlegenheit gegenüber den Amerikanern und Israelis sehen."
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