„In drei Monaten kriecht ihr nach Prag“

Vaclav Klaus, Vladimir Meciar
Foto: AP/PETER BRENKUS Wie löst man einen Staat auf? Vladimir Meciar (li.) und Vaclav Klaus bei den Gesprächen im Herbst 1992 in der Brünner Villa Tugendhat.

20 Jahre nach dem Ende der Tschechoslowakei erinnert sich Ex-Premier Vladimir Meciar.

Als slowakischer Premier führte Vladimir Meciar die Verhandlungen, die schließlich zum Jahreswechsel 92/93 zur Trennung von Tschechien und der Slowakei führten. Im KURIER-Interview erinnert er sich an die Gespräche mit seinem tschechischen Widerpart Vaclav Klaus und an den harten Start in die Unabhängigkeit.

KURIER: Ab wann wurde deutlich, dass die Tschechoslowakei nicht mehr zu erhalten war?
Meciar:
Der Schlüsselmoment war schon zum Jahreswechsel 1991/1992. Da war klar, dass es keine Möglichkeit mehr gab, gemeinsam weiterzumachen. Schon damals hatte die tschechische Seite drei Varianten des einseitigen Austritts aus der Tschechoslowakei vorbereitet. Wir hatten keine einzige in der Tasche. Aber wir wären ja kurzsichtig gewesen, wenn wir die Anzeichen der Trennung nicht erkannt hätten. Die Zusammenarbeit hat ja nicht mehr funktioniert.

Zuerst plante man ja eine Föderation beider Staaten. Woran scheiterte die?
Die Grundfragen waren, wie sollte dieser Staat aussehen, und wie sollte die politische Führung sein – und weder auf die eine noch auf die andere Frage hat man eine Antwort gefunden. Es gab Theorien, aber keine praktischen Lösungen. In Prag war klar, dass man für die Slowaken nicht bezahlen würde. Zu Jahresbeginn 1993 sollten alle Gelder gestoppt werden. Das war ihr Modell der Föderation, und wenn wir das nicht wollten, dann eben die Teilung. Wir konnten die tschechischen Vorschläge einfach nicht annehmen. Die Slowakei hätte in dieser Föderation keine Basis mehr zum Überleben gehabt.

Warum ging es der slowakischen Hälfte damals so schlecht?
Es gab soziale Gründe. Die Tschechen hatten damals praktisch keine Arbeitslosigkeit. Bei uns gab es dagegen 400.000 Arbeitslose. Die Tschechen waren ja in der Tschechoslowakei immer die Reicheren, die Slowaken immer die Ärmeren gewesen. Die Entscheidung Vaclav Havels, die slowakische Waffenindustrie zu stoppen, führte dazu, dass die wirtschaftliche Stärke der Slowakei noch weiter sank. 80 Prozent unseres Exports gingen damals in ehemalige sozialistische Staaten,aber die hatten kein Geld mehr, um zu bezahlen.

vladimir meciar… Foto: Konrad Kramar „Harter Gegner“: Meciar erinnert sich im KURIER an Klaus

Wie waren die Verhandlungen mit Vaclav Klaus?
Wir zwei saßen lange unter einem Baum im Garten der Villa Tugendhat in Brünn und erörterten alle Fragen, oft ohne die Delegationen. Er war hart bei den Verhandlungen, aber fair, und mit dieser Härte musste man zurechtkommen. Er war mein wichtigster Gesprächspartner. Man musste eben genauso hart sein wie er. Denn wenn er merkte, dass man schwächer war, verlor er den Respekt. Wir haben uns immer unser Wort gegeben und es gehalten. Dafür brauchten wir keine Vereinbarungen. Nur so sind all die Probleme ruhig gelöst worden. Nach diesen Gesprächen beurteile ich Klaus als den wichtigsten Politiker der modernen tschechischen Geschichte, Klaus hat die Richtung der tschechischen Politik bestimmt, nicht Vaclav Havel.

Gab es die Befürchtung, dass das Ganze nicht friedlich ausgehen könnte?
Das war unsere erste Frage. Wie können wir das so in Ruhe lösen, dass wir keine UN-Blauhelme brauchen? Schließlich waren die in Europa damals schon im Einsatz (in Ex-Jugoslawien, Anm.). Wir konnten nie ausschließen, dass diese Angelegenheit auch militärisch gelöst würde. Zu unserem Glück aber war der Verteidigungsminister in Prag Slowake, und alle seine Luftwaffengeneräle waren Slowaken.

Wie verlief der Start des neuen Staates?
Vom 1. Jänner 1993 an gingen alle politischen Kompetenzen auf meine Regierung über. In zehn Monaten haben wir dann einen eigenen Staat auf die Beine gestellt: Währung in sechs Wochen, Armee in zwei Monaten. Wir haben sehr hart gearbeitet. Wir hatten ja keine Experten für Institutionen, alle Einrichtungen waren in Prag.

Und wirtschaftlich?
Es gab ja große Zweifel, ob wir wirtschaftlich überhaupt überleben würden. Ein Minister aus Prag hat mir damals gesagt: In drei Monaten seid ihr auf den Knien und dann kriecht ihr nach Prag und bittet, dass wir euch zurücknehmen. Eine internationale Kommission hat festgestellt, dass wir in drei Jahren zugrunde gehen würden. Wir waren im ersten halben Jahr nicht anerkannt weder von der Weltbank noch von anderen internationalen Institutionen. Niemand wollte mit uns verhandeln. Keine einzige Bank in der Slowakei war im Ausland anerkannt. Wir haben uns an die Japaner gewandt, weil von Westeuropa keine Hilfe kam. Und zugleich hat Havel von Prag aus die Opposition gegen mich unterstützt.

Wie war das damals für Sie persönlich?
Ich wusste, dass das ein großes Risiko war, es gab ja einfach nichts. Wenn es nicht geklappt hätte, was wäre dann aus mir geworden. Ich habe damals nicht geschlafen und bin nie nach Hause gegangen. Wir in der Slowakei hatten ja nie einen demokratischen Staat. Daher war die Frage, ob wir in der Slowakei die Fehler der Vergangenheit wiederholen und einen faschistischen Staat entwickeln (wie in der Zeit des Nationalsozialismus, Anm.) würden.

        I hr Resümee 20 Jahre danach?         
Vaclav Klaus und ich haben 28 Verträge über die Beziehung der beiden Staaten vorbereitet. Die sind bis jetzt gültig. Auch durch diese Verträge sind die Beziehungen zwischen Tschechen und der Slowaken besser als je zuvor.

(KURIER) Erstellt am
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