Politik | Ausland
19.06.2017

Martin Schulz: In der Gottkanzler-Klemme

Was haben Macron, Corbyn und Sanders, was Schulz fehlt? Eine Analyse.

Am Emotionalen mangelt es ihm nicht, so viel ist klar. "Eine Liebesheirat" sei seine Ehe, 32 Jahre halte sie schon, sagt Martin Schulz im Gorki-Theater; das Publikum ist gerührt. Als er dann penibel aufzählt, wann er seine Frau kennenlernte, wann man zusammenzog, wird geklatscht: Hier, beim Gespräch der Zeitschrift Brigitte, ist Schulz ein Held.

Verkehrte Welt

Im Regelfall sieht die Realität des SPD-Chefs jedoch deutlich anders aus. Seine Ideen finden sich kaum mehr in den deutschen Medien, die Zeitung Welt orakelt sogar, er werde sich bald nach Brüssel verabschieden. 23 Prozent geben ihm die Umfragen, zehn weniger als vor drei Monaten.

Schulz’ Welt scheint verkehrt: Während in Großbritannien der als "Zausel" abgetane Jeremy Corbyn der Labour -Partei neues Leben einhaucht, in Frankreich Ex-Sozialdemokrat Emmanuel Macron das Land umkrempelt und in den USA Sozialist Bernie Sanders zum linken Popstar avanciert, dümpelt Schulz vor sich hin. Ist Deutschland so anders? Oder was fehlt Schulz , was die drei anderen haben?

Die klare Linie fehlt

Die Antwort darauf ist so einfach wie kompliziert. Freilich, da sind Strategiefehler im Wahlkampf, dazu Schulz’ ungelenke Reaktion auf Niederlagen, die neben der emotionslosen Angela Merkel fast kindlich wirken. Gewichtiger ist aber Anderes. Während Corbyn, Sanders und Macron sehr eigenständige Linien vertreten, kann man Schulz kaum festlegen – das macht ihn angreifbar: Der Brite, als "Betonsozialist" verschrien, lässt den von Tony Blair demontierten "Old Labour"-Spirit aufleben; er steht wie Bernie Sanders für einen starken Wohlfahrtsstaat, der sich von Finanz und Wirtschaft nichts diktieren lässt. Emmanuel Macron dagegen agiert im "New Labour"-Stil Blairs und Schröders: Er gibt den Reformer, ist links wie rechts, marktfreundlich, und will sich auch um die kleinen Leute kümmern.

Martin Schulz will von allem ein bisschen sein – und ist so aber nichts davon. So hart, wie er mit der Agenda 2010 ins Gericht ging, so freundlich war er später zur Wirtschaft; er will es Schröder-Hassern und der Wirtschaft Recht machen. Diese Linie hat für Angela Merkel funktioniert, bei Schulz kommt sie nicht gut an.

Klar, man könnte einwerfen, Schulz’ Thema Gerechtigkeit ziehe im florierenden Deutschland nicht. Das kann so aber nicht stimmen: Laut jüngster Umfrage sind 52 Prozent der Deutschen für ein bedingungsloses Grundeinkommen; dort, wo es Europas größten Niedriglohnsektor gibt, ist Gerechtigkeit offenbar ebenso gefragt wie anderswo.

Problematisch ist für Schulz nur die Glaubwürdigkeit seiner Ideen – schließlich besetzt die SPD Wirtschafts- und Arbeitsministerium, hätte so vieles schon lange angehen können. Die Frage, warum man etwa nicht längst die Renten gesichert habe, wurde ihm darum auch bei der Präsentation seines neuen Konzepts gestellt. Die Antwort darauf ist immer die gleiche: Der Koalitionspartner wolle nicht.

Auch hier haben Corbyn und Co. Schulz etwas voraus. Die SPD ist auf einen Partner angewiesen; durchregieren, wie es in den USA, Frankreich oder Großbritannien der Regelfall ist, funktioniert nicht. Radikale Versprechen bleiben so oft nur Wahlkampfgetöse.

Schulz kann sich darum weder als Regierender noch als Reformer von außen geben. Ihm fehlt, obwohl er nie in der Bundespolitik war, die Aura des Außenseiters. Dass ihm dazu auch die Unterstützung von der Straße abgeht, die Corbyn, Sanders und Macron so beflügeln, macht das Ganze noch schwieriger: Alle drei wurden durch eine breite, junge Bewegung nach oben gehievt, die von außerhalb kam – Sanders kam so auf Augenhöhe mit Clinton, Corbyn schaffte mit den kleinen Leuten den Kampf gegen die Parteielite; und Macron ist ohnehin Sinnbild des Eliten-Zerstörers.

Und Schulz? Ist seit 1999, länger als jeder andere, im SPD-Bundesvorstand; dass er nicht zum Establishment gehört, ist schwer zu glauben. Auch darum mutete der Hype um ihn so hausgemacht an: Zwar dachten sich Fans von außen Wortspiele wie "Gottkanzler" aus, doch die Partei inhalierte diese sofort – und stilisierte ihren neuen 100-Prozent-Chef als Heilsbringer. Rebellentum geht allerdings anders, und da helfen auch Emotionen nichts. Als Schulz beim Brigitte-Talk sagt, "ich bin ein Streetfighter", wird nur milde gelächelt.