© APA/AFP/SILVIO AVILA

Politik Ausland
03/29/2021

In Brasilien explodieren die Corona-Zahlen: „Erwarten Sie das Schlimmste“

Bis zu 100.000 Neuinfektionen täglich lassen das Gesundheitssystem kollabieren. Zuletzt wurden an einem Tag 3.600 Tote registriert.

Aus Rio de Janeiro Tobias Käufer

Osterruhe in Brasiliens Glitzermetropole Rio de Janeiro: Für zehn Tage hat die Stadt des Karnevals und des Sambas wieder alle Lebensgeister aus den Clubs, Restaurants und vom Strand verbannt. Diese Maßnahmen sollen helfen, die nächste und bisher schlimmste Pandemie-Welle zu brechen, denn fast jeder Tag endet derzeit mit neuen Hiobsbotschaften. 3.600 Tote an einem Tag und rund 100.000 Neuinfektionen. Mehr als 18.000 Tote in einer Woche sorgen für Schichtbetriebe an den Friedhöfen.

Und es könnte noch schlimmer kommen. Ethel Maciel von der Universität UFES im Bundesstaat Espirito Santo sagt: „Leider ist die Gefahr real, dass sich durch die vielen Neuinfektionen neue Mutationen bilden.“ In diesem Zusammenhang kritisiert die Wissenschafterin, dass viel zu wenig sequenziert werde. „Wir müssen wissen, was passiert, mit welcher Variante die Menschen infiziert sind.

Zumeist handelt es sich um die brasilianische Mutante, die offenbar weit gefährlicher und aggressiver ist. Eine Erfahrung, die Krankenschwester Polyena Silveira mehrfach selbst erlebt hatte: „Dieses Virus ist viel stärker als das, das wir vor einem Jahr hatten.“ Silveira wurde in diesen Tagen bekannt, weil ein Foto von ihr durch die brasilianischen Medien ging. Es zeigt die Krankenschwester in einer Erstaufnahmestation in Teresina im nordöstlichen Bundesstaat Piaui auf dem Boden sitzend. Neben ihr ein sterbender Patient, dem niemand mehr helfen kann, weil alle Betten belegt sind.

Ähnlich die Situation in den großen Ballungsräumen São Paulo und Rio de Janeiro: Auch dort stehen die Kliniken vor dem Kollaps, es fehlt an allem. Und dabei kommt der große Schwung an Patienten, erkrankt in der jüngsten Welle, erst noch.

"Viel ansteckender"

Einer, der das alles vorhergesagt hat, ist Manaus’ Bürgermeister David Almeida, weil die Amazonas-Stadt schon länger Erfahrung mit der dritten Welle hat. Die Mutation stammt mutmaßlich aus der Region. „Erwarten Sie das Schlimmste, erwarten Sie etwas, das Sie noch nie gesehen haben“, hatte Almeida schon vor gut zwei Wochen gesagt. „Ein Patient, der früher zehn Tage lang im Spital war, bleibt jetzt 30 Tage. Die Variante ist viel ansteckender, viel stärker. Die Patienten bleiben viel länger auf der Intensivstation und brauchen die gesamte Aufmerksamkeit des Personals.“

Zu wenig Impfstoff

Todesfälle

Insgesamt sind in Brasilien bis jetzt mehr als 312.000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben – der zweithöchste Wert nach den USA. Zuletzt wurden 3.600 Todesfälle an nur einem Tag registriert.

Infektionen

Mehr als 12,5 der 210 Millionen Brasilianer haben sich bisher mit dem
Coronavirus infiziert. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Impfungen

6,5 Prozent der Bevölkerung haben mindestens eine Schutzimpfung erhalten.

Zugleich ist das Impfmanagement schlecht. Nur im Bundesstaat Amazonas zeigen sich Erfolge: Dort wurden bereits 14,5 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft, was einen positiven Effekt auf die Neuinfektionen hatte. In allen übrigen Landesteilen liegt dieser Wert deutlich darunter. Mit ein Grund dafür: Brasilia hat wie Brüssel bei der Impfstoffbesorgung zu lange gezögert, obwohl das Land sogar Schauplatz zahlreicher Testreihen war. Nun hat die Yale-Wissenschaftlerin Akiko Iwasaki via BBC Brasil einen Hilferuf an US-Präsident Joe Biden abgesetzt: Er möge Impfdosen des Typs Biontech/Pfizer oder Moderna zur Verfügung stellen.

Für die gesamte Misere wird nun Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro mehr und mehr verantwortlich gemacht, seine Umfragewerte weisen steil nach unten. Vertreter der Indigenen werfen Bolsonaro, der die potenziell tödliche Covid-19-Erkrankung anfänglich „Grippchen“ nannte, sogar gezielten Völkermord vor. In der Not scheint Brasiliens Staatschef, der sich kommendes Jahr der Wiederwahl stellen will, seinen Kurs ändern zu wollen. Er berief eine Krisenkommission ein. Das war ein Vorschlag von Ex-Präsident Lula da Silva, der seit der Annullierung eines umstrittenen Korruptionsurteils gegen ihn wieder auf der politischen Bühne zurück ist. Lula brachte auch einen

G-20-Impfgipfel ins Spiel. Die reichen Industrieländer müssten die armen Länder des Südens unterstützen.

Wissenschafter mahnen

Das ist eine Forderung, die auch aus der Wissenschaft kommt. Begründung: Weil nur gleichzeitig durchgeimpfte Bevölkerungen weltweit das Risiko minimieren würden, dass weitere gefährliche Mutationen entstehen, dürften die reichsten Länder nicht nur an sich denken.

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