Politik | Ausland
25.10.2018

Immer mehr tödliche Fehden zwischen Jugend-Cliquen im Pariser Großraum

Seit Jahresbeginn wurden 10 Jugendliche erstochen oder erschlagen. „Mütter-Komitees“ versuchen die Gewalt zu stoppen.

Es ist wie eine Epidemie, wir sind überfordert“, verzweifelt ein Pariser Polizei-Kommissar. Eben erst wurden zwei 17-Jährige – in einer Nacht und an zwei verschiedenen Orten im Großraum Paris – getötet. Der eine wurde erstochen, der andere mit Holzknüppeln erschlagen.

Seit Jahresbeginn starben 10 Burschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren bei 159 von der Polizei gezählten Zusammenstößen zwischen verfeindeten Cliquen. Manchmal handelt es sich um Konflikte zwischen Drogendealern, meistens aber geht es um Gefühlausbrüche von Pubertierenden: als Auslöser genügen ein vermeintlich frecher Blick, eine Rempelei, Eifersucht, unergründliche Rivalitäten zwischen Gemeindebau-Höfen, ein provokantes Geschreibsel in digitalen Netzwerken.

Meuten-Effekt

Weil sich die Cliquen (meistens handelt es sich nicht um organisierte Banden sondern um lose Gruppenbildung) oft auch per Netz ihre gefährlichen Stelldicheins geben, hat die Polizei manchmal die Chance durch Großaufgebote den Zusammenstößen zuvorzukommen. Das Netz sorgt aber auch für mehr Randale: „Wer dort quasi öffentlich herausgefordert wird, muss sich dem Fight stellen. Andernfalls droht der Verlust der Ehre. Dann kommt der

Meuten-Effekt zum Tragen, bei dem sich ansonsten unauffällige Halbwüchsige zu Irrsinnstaten hinreißen lassen“, konstatiert ein Jugendbetreuer: „Derartige Fehden gab es zwar schon immer, sie nahmen sogar eine Zeitlang ab. Jetzt häufen sie sich aber wieder, und es werden auch immer öfter tödliche Waffen eingesetzt.

Die Pariser SP-Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat einen „Präventions-Gipfel“ organisiert. „Mütter-Komitees gegen Gewalt“ streifen vorbeugend und vermittelnd durch ihre Wohngegenden. Eine dieser Mütter, Aischa Nadiri, aus dem Vorort Saint Denis, appellierte in der Zeitung „Le Parisien“: ihr Komitee könne einzelne Raufhändel verhindern, aber angesichts „kollektiver Gewaltausbrüche und dem Einsatz von Schusswaffen“ müsse ihnen der Staat dringend zu Hilfe kommen. „Die Lösung müssen wir gemeinsam finden, die Eltern, die gewählten Mandatare, die Minister. Helft uns unsere Kinder zu retten! Der Staat muss die nötigen Mittel einsetzen. Wir fordern schon lange mehr Mediatoren und ausgebildete Fachleute, die mit den Heranwachsenden umgehen können. Und für die älteren unter ihnen, die untätig herumhängen, muss man Ausbildungsplätze finden.“   

Gefährdete Schulen

Aischa Nadiri hat auch die chronischen Gefahren an den Schulen in den sozialen Krisen-Vierteln im Visier: „Eine meiner Töchter besucht ein Gymnasium, in dem der Unterricht zuletzt mehrmals eingestellt werden musste, weil Jugendliche von außen eindrangen, weil es zu Schlägereien kam, weil Steine durch die Fenster geschleudert wurden.“

In die selbe Kerbe, also die der Gewalt vor und in Brennpunkt-Schulen, schlagen auch neuerdings viele Lehrerinnen und Lehrer, die sich von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen fühlen. Per Twitter (unter dem Hashtag „#PasDeVague.“ – sinngemäß: Nur kein Aufsehen) berichten sie, wie die Schulbehörden bedrohliche und sogar tätliche Vorfälle immer wieder vertuschen. „Fräulein, Sie müssen sich abhärten und dürfen das nicht überbewerten. Denken sie an den Ruf unserer Schule“, erklärte etwa ein Schuldirektor einer Lehrerin, die sich über die gegen sie gerichteten Todesdrohungen eines Schülers beschwerte. Diese Lehrer-Proteste auf Twitter ebben nicht ab und sind inzwischen zu einem vordringlichen Polit-Thema in Frankreich geworden.