Religionsvertreter demonstrieren gegen Trump, der vor allem Evangelikale hofiert

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USA
10/16/2016

Im gottlosen Dilemma

Die religiösen Wähler verzweifeln an Trump, Clinton aber können sie aus Prinzip nicht wählen.

von Konrad Kramar

Eigentlich ist die Liebe zu den Mitmenschen Pastor Johns Thema für diesen Sonntag, doch bevor er sich der widmet, muss der wortgewaltige Prediger erst seinen Zorn über einen dieser Mitmenschen loswerden. "Eine nationale Schande" sei dieser Kandidat, donnert der Evangelikale von der riesigen Bühne herab, "es ist demütigend, sich mit Politikern wie diesen abfinden zu müssen."

Der Name Donald Trump kommt ihm zwar nicht über die Lippen, doch die mehr als tausend Gläubigen, die sich in der riesigen Calvary Church versammelt haben, wissen nur zu gut, um wen es ihrem Pastor John geht. Denn schließlich geht man auch hier in Charlotte, einer Stadt im tiefreligiösen Bundesstaat North Carolina, in diesen Tagen mit schweren politischen Sorgen in den Gottesdienst. "Ich versuche immer noch mit all seinen Untaten zurechtzukommen", erzählt Ron vor dem Kirchenportal über seinen mühsamen Umgang mit Trumps sexistischen Prahlereien: "Am liebsten wäre mir ja, wenn er freiwillig zurücktritt."

Loswerden würden ihn gerne viele in dieser für Amerikas evangelikale Christen so wichtigen Kirche. Hier hat schon Billy Graham, einst wichtigste Stimme der Evangelikalen, gepredigt, dessen Vater William war einer der Gründerväter der Gemeinde. Graham selbst, heute 97, spricht nicht mehr öffentlich. Die Wahlempfehlung, die Trump wie so viele republikanische Kandidaten vor ihm gerne gehabt hätte, hat der Prediger laut seinem Sprecher verweigert.

Nicht verteidigen, aber

Sein Sohn Franklin aber, ebenfalls bekannter Prediger, hat erst kürzlich deutlich gemacht, wie es ihm und wohl den meisten tiefreligiösen Wählern mit dem Kandidaten, seinem Lebenswandel und seinen Bemerkungen geht: "Trumps gottlose Bemerkungen kann man nicht verteidigen … aber die gottlose Politik von Obama und Clinton kann man auch nicht verteidigen."

Das genau ist der Konflikt, den hier in der Calvary Church, aber wohl in jeder evangelikalen Gemeinde des Landes, die Gläubigen in diesen Tagen austragen. Wie er zuletzt ausgeht, wird für die Präsidentenwahl im November, vor allem aber für Trump entscheidend sein.

Immer noch sind die USA ein tiefreligiöses Land, für mehr als die Hälfte aller Menschen hier spielt Religion nach eigener Aussage "eine große Rolle". In Bundesstaaten wie North Carolina sind mehr als ein Drittel der Wähler evangelikale Christen, also Mitglieder von Gemeinden, in denen die Bibel wörtlich und viel wichtiger genommen wird als jedes bürgerliche Gesetz.

Für diese Gläubigen ist etwa die Ablehnung von Abtreibung oder Homosexualität eine politische Grundfrage, die wichtiger ist als Budgets oder Gesundheitsprogramme. Sie alle wählen traditionell fast geschlossen die Republikaner, und ohne sie kann kein Kandidat dieser Partei Präsident werden.

Prediger hofiert

Entsprechend rückhaltlos hat sich der ehemalige New Yorker Playboy, der jede Menge außerehelicher Affären und Scheidungen hinter sich hat, den Evangelikalen angedient. Trump hofierte deren wichtigste Prediger und betonte – anders als noch vor einigen Jahren –, wie entschlossen er für das Verbot von Abtreibung und Homosexuellen-Ehe eintreten werde. Diese, ohnehin von einem oft fanatischen Hass auf Hillary und Bill Clinton angetrieben, ließen sich nur zu gerne auf den Milliardär ein. Bei seiner Kür auf dem Parteitag der Republikaner im Juni gab es quasi höhere Weihen von prominenten Predigern wie Jerry Falwell. Trump, erklärte der großzügig, habe sein Leben im Geiste von Jesus gelebt.

Dass dem wohl nicht ganz so war, ist vielen der Evangelikalen mit dem jüngsten Skandal erst so richtig klar geworden. Während ihre Führungsfiguren in der Öffentlichkeit darüber streiten, ob man nun Trump weiterhin wählen oder endgültig verstoßen müsse, herrscht in den Gemeinden Katzenjammer. "Es fällt mir schwer zu glauben, dass Trump wirklich christliche Werte verteidigen wird", meint Bennett, ein College-Student, der die Gemeinde der Calvary Church seine "geistige Heimat" nennt. Wie auch sein Freund John engagiert sich Bennett für alles vom Messdienst bis Mission, und schon deshalb "sind für mich religiöse Fragen auch bei der Wahl das wichtigste".

Nicht infrage

Dass sie sich einen anderen Kandidaten wünschen würden, verschweigen beide nicht. Doch Hillary Clinton, die käme "ganz einfach nicht infrage". Nicht nur persönlich lehnt man die Demokratin, die offen für das Recht auf Abtreibung eintritt, ab, sondern auch aus ganz strategischen Gründen. Denn die für die strenggläubigen Christen wesentlichen Entscheidungen werden nicht im Weißen Haus gefällt, sondern landen in den USA immer vor dem Höchstgericht. Und dort wird der nächste Präsident aller Voraussicht nach mehrere Posten zu besetzen haben. "Wenn dort die Liberalen eine Mehrheit bekommen, dann werden sie vor nichts zurückschrecken", warnt Charlie, ein älterer und ziemlich resoluter Pensionist, beim Kirchenkaffee vor den tatsächlichen Gefahren einer Präsidentin Hillary.

Ohnehin sei man als gläubiger Christ in diesem Amerika ständig bedrängt, "wir brauchen Politiker, die für die wichtigen Dinge kämpfen. Das zählt doch mehr als dieser Unsinn, den Trump irgendwann einmal gesagt hat."

Auch wenn die meisten hier nach der Messe anfangs gerne betonen, dass sie mit all diesen Dingen in Washington lieber nicht allzu viel zu tun haben wollten, für ihre Anliegen wollen gerade die Evangelikalen kämpfen. Sie vertraue lieber auf Gott als auf den Präsidenten, versichert Martha mehrfach, aber wenn es um die Wahl gehe, dann sei die Sache – bei allem Ärger – klar: "Alles besser als Hillary".

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