Straße von Hormus: "Allein die Möglichkeit eines Angriffs ist ein Risiko"
Unmittelbar nach Kriegsbeginn erklärte der Iran die Straße von Hormus für gesperrt. Seither ist die Meerenge ins Zentrum des Konflikts gerückt. Der KURIER fragte beim österreichischen Marine-Experten Jeremy Stöhs vom Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) nach, wie so eine Blockade funktioniert – und wie sie sich lösen ließe.
KURIER: Die Straße von Hormus ist zum zentralen Schauplatz dieses Krieges geworden, seit der Iran sie für gesperrt erklärt hat. Wie schließt man eine Meerenge in der Praxis?
Jeremy Stöhs: Der wesentliche Faktor ist nicht, dass jedes Schiff, das durchfährt, tatsächlich beschossen wird. Es reicht schon, dass die Möglichkeit eines Angriffs besteht. Schiffe sind im Regelfall versichert – und sobald Versicherer ein Risiko sehen, erhöhen sie ihre Preise, sodass die Durchfahrt des Gebiets für Reedereien meist nicht mehr lukrativ ist.
Zudem liegt es in der Verantwortung des Kapitäns, ob er seine Besatzung einem solchen Risiko aussetzt. Trotzdem sehen wir, dass einige Schiffe das Gebiet weiterhin befahren.
Marine-Experte Jeremy Stöhs.
Der Österreicher Jeremy Stöhs forscht seit 2016 am Austrian Center for Intelligence, Propaganda, and Security Studies (ACIPSS) sowie Kieler Institut für Sicherheitspolitik (ISPK) in den Abteilungen für Maritime Strategie und Sicherheit sowie Terrorismus- und Radikalisierungsforschung.
Es fahren weiter Schiffe durch die gesperrte Straße von Hormus?
Ja, einige Öl- und LNG-Tanker passieren sie weiterhin. Aber das sind nur zwischen fünf und zehn Schiffe pro Tag – vor Ausbruch des Krieges waren es mehr als einhundert. Die meisten davon sind iranische Schiffe, aber auch indische Tanker haben den Persischen Golf zuletzt verlassen, weil die Regierung einen Deal mit dem Iran ausgehandelt hat.
Interessanterweise beobachten wir auch griechische Tanker, die offenbar ein anderes Risikokalkül als andere europäische Staaten haben. Wir können aber nur Schiffe mit aktivem Transponder beobachten. Einige Schiffe schalten ihre Transponder ab, um zumindest ein wenig an Sicherheit zu gewinnen.
Mit Radaranlagen oder anderen militärischen Systemen sind sie natürlich weiterhin erkennbar – aber die USA und Israel führen täglich massive Luftschläge gegen die iranische Armee und Marine durch. Die Fähigkeiten des Iran, diese Tanker mit Anti-Schiff-Flugkörpern zu gefährden, sind also sicherlich dezimiert worden.
Donald Trump will Tanker von Marineverbänden eskortieren lassen. Halten Sie das für sinnvoll?
Solche Geleitschutz-Operationen sind unglaublich komplex. Es gibt da auch unterschiedliche Zugänge: Als etwa die Huthi-Rebellen vor ein paar Jahren vom Jemen aus Schiffe im Roten Meer angegriffen haben, haben europäische Staaten ihre Frachter eng von Marineverbänden eskortieren lassen. Die Amerikaner und Briten haben dagegen Schiffe begleitet und gleichzeitig Huthi-Stellungen auf dem Festland angegriffen. Das war erfolgreich, aber extrem ressourcenintensiv.
Meine Einschätzung ist, dass selbst die USA mit ihren acht Zerstörern gerade nicht die Fähigkeiten vor Ort haben, solche Eskorten über eine längere Zeit durchzuführen. Geschweige denn, dann in weiterer Folge Minen zu entschärfen, sollte der Iran irgendwann Minen einsetzen.
Genau deshalb hat Trump europäische NATO-Partner um Hilfe gebeten - stimmt es, dass sie bessere Minenräumungsfähigkeiten besitzen?
Ja, Europäer haben hier große Expertise, weil sich in den Randmeeren Europas weiterhin viele Altlasten aus beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg befinden. Diese Kräfte sind aber weitestgehend in Europa gebunden - und selbst, wenn man sie in den Nahen Osten verbringen würde: Keine Minenräumungseinheit kann sich in einem hochintensiven Szenario, wie wir das gerade im Persischen Golf vorfinden, selbst verteidigen.
Sie müssten also erst recht wieder von Marineschiffen begleitet werden, damit sie den Weg für weitere Marineschiffe freiräumen, die wiederum Frachter begleiten. Und das alles in einer Meerenge, die an der engsten Stelle nur zwei Meilen breit ist. Ich verstehe deshalb die Zurückhaltung der europäischen Staaten.
Selbst wenn all diese Kräfte mobilisiert würden, wäre damit noch lange kein Normalzustand in der Straße von Hormus sichergestellt, oder?
Letztlich hängt das davon ab, wie sehr es den USA und Israel gelingt, mit ihren Angriffen die Fähigkeiten des Iran zu degradieren, Schiffe angreifen zu können. Aktuell sehen wir weiterhin weitreichende iranische Drohnenangriffe, die bis nach Zypern reichen. Der Persische Golf ist ein kleiner Raum mit einer langen Küstenlinie und einem Hinterland, von dem aus bis ins Meer gefeuert werden kann.
Dass noch immer keine Mine gesichtet wurde, zeigt allerdings, dass die USA und Israel über exzellente Aufklärungsfähigkeiten verfügen. Wenn es zu keiner weiteren Eskalation kommt, wäre es möglich, dass die Straße von Hormus in ein paar Wochen wieder in größerem Volumen befahrbar ist.
Trotzdem: Im Roten Meer sind heute immer noch nicht wieder so viele Schiffe unterwegs wie vor den Huthi-Angriffen 2024. Stören Konflikte etablierte Schiffsrouten nicht langfristig?
Die Disruption des maritimen Raums ist global definitiv gegeben. Gerade steuert ein beschädigter Öltanker im Mittelmeer auf Malta zu, in der Ostsee werden Pipelines beschädigt, in der Nordsee Kabel angezapft, das Schwarze Meer ist aufgrund von Seeminen in Teilen ein geschlossenes Meer geworden. Das alles sind Entwicklungen, die wir vor 15 Jahren noch nicht vorhersehen konnten.
Öltanker durchqueren das Rote Meer zwar nach wie vor, aber ja, die meisten Containerschiffe fahren heute rund um Afrika nach Asien. Das wirkt sich natürlich auf die Preise aus. Ich denke, die Schifffahrt wird sich immer anpassen, auch wenn dieser Krieg sicherlich zu neuen Disruptionen führt.
Sind denn alle Meerengen so verwundbar wie die Straße von Hormus?
Das ist ein Grundprinzip der Geopolitik: Unser Leben orientiert sich anhand der geografischen Gegebenheiten. Es gibt nun mal ein paar solche Nadelöhre, die unsere Weltwirtschaft beeinflussen: Den Panama-Kanal, den dänischen Öresund, den British Channel, die Straße von Gibraltar, den Suezkanal, die Straße von Malakka, das Bab-al-Mandab beim Roten Meer und die Straße von Hormus.
Dass die Briten bis heute Gibraltar kontrollieren und die USA so erpicht darauf sind, ihren Einfluss auf den Panamakanal zu behalten, ist ja kein Zufall. Kontrolliert ein Staat eine solche Meerenge, hat er auch die Möglichkeit, den Warenhandel zu kontrollieren.
Neu ist aber, dass nicht-staatliche Akteure heutzutage mehr Möglichkeiten haben, von Land oder Luft militärisch auf See zu wirken. Professionelle Streitkräfte rüsten zwar auch auf, sind aber im relativen Vergleich heute schlechter aufgestellt als noch vor 15 oder 20 Jahren.
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