Politik | Ausland
21.12.2017

Heinz Fischer ist stets in heikler Mission unterwegs

Ex-Bundespräsident hilft, österreichische Archive von Moskau nach Wien zurückzuholen.

Rastlos ist der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer außenpolitisch aktiv – und das weltweit: Am Beginn dieser Woche hat er in New York António Guterres, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, getroffen. Davor kam er in Graz mit dem linken bolivianischen Präsidenten Evo Morales zusammen. Und anlässlich des OSZE-Gipfels vor knapp zwei Wochen hatte er ein privates Frühstück mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. Bei diesem Tête-à-Tête ging es um ein spezielles österreichisches Anliegen: die Rückgabe von alten Beständen, die in einem Moskauer Sonderarchiv lagern. "Die Frage der Rückgabe österreichischer Archivmaterialien wurde beim Gespräch mit Außenminister Lawrow angesprochen", bestätigte Fischer. Seine langjährigen politischen Kontakte und Erfahrungen nützt das ehemalige Staatsoberhaupt wo immer es kann, um vermittelnd zu wirken. Konkret geht es um Archive der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) und der Freimaurer, die im Zusammenhang mit der gewaltsamen Ausbreitung des Dritten Reiches von den Nazis geplündert und nach Berlin gebracht wurden. Bei der Befreiung Berlins durch die Rote Armee wurden die Unterlagen nicht zerstört, sondern nach Moskau gebracht.

EU-Sanktionen gegenüber Russland

"Jahrzehntelang nach Kriegsende galten diese Archivarien als verloren, bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein Fenster aufging, man von der Rettung der Archivarien erfuhr und eine Reihe von Ländern, unter anderem Frankreich, Norwegen oder die Benelux-Staaten ihre Materialien zurück bekamen", weiß Wolfgang Maderthaner, der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs. "Lediglich die Bundesrepublik Deutschland, Ungarn und Österreich waren nicht in diesem Paket enthalten, weil sie als kriegsführende Staaten gegen die Sowjetunion galten und gelten", fügt der Historiker hinzu. Dennoch: So streng nahmen es die russischen Institutionen nicht, Österreich wurde in den 1990er Jahren zu Verhandlungen eingeladen. Nach langen und mühsamen Sitzungen, die unter der Ägide des Außenministeriums vom Staatsarchiv geführt wurden, kam es zur ersten Rückgabe von "staatlichem" Archivmaterial, etwa der "Vaterländischen Front". Noch immer lagern in Russland das Archiv der IKG, der Freimaurer, der Pan-Europa-Bewegung, Adelsdokumente und höchstwahrscheinlich auch Teile des sozialdemokratischen Parteiarchivs. Der Vizepräsident des European Jewish Congress, Ariel Muzicant (er war viele Jahre IKG-Präsident), verhandelte in Moskau und hatte Einblick in die IKG-Unterlagen, betont, dass es jetzt nur auf die politische Entscheidung Russlands bzw. des Präsidenten Wladimir Putin ankomme. "Die Sanktionen der EU gegenüber Russland machen die Situation nicht leicht. Wir hoffen aber, dass Putin anerkennt, dass der jüdischen Bevölkerung ihre historischen Unterlagen von den Nazis geraubt worden waren", betont Muzicant gegenüber dem KURIER. Über das Archiv der Freimaurer wird noch nicht verhandelt, auch der Eigentumsnachweis fehlt noch.