Politik | Ausland
10.01.2013

Guter Humor und böse Untergriffe

Echte und falsche Irokesen sowie (knochen)trockene Politiker wollen in die Prager Burg.

Die heutige Präsidentenwahl ist auch eine Parade origineller Charaktere, weit weg von der ungeliebten Parteipolitik. Passt ihm erstaunlich gut, der rosa Irokesenhaarschnitt, mit dem sich Karl Schwarzenberg auf Postern und Ansteckern präsentiert. Immerhin hat ihm den David Cerny aufgesetzt. Der berühmt-berüchtigte Allround-Künstler und Provokateur ist nur einer von unzähligen Persönlichkeiten aus der tschechischen Kulturszene, die sich bei dieser Präsidentschaftswahl für den 75-Jährigen stark gemacht haben.

Der „Herr Fürst“, wie man Tschechiens Außenminister hier nicht ohne liebevolle Ironie gerne nennt, ist bei dieser Wahl der erklärte Favorit der Studenten und Intellektuellen, egal ob sie nun links oder rechts sind. Denn bei dieser ersten Volkswahl des Staatspräsidenten – bisher entschied über den ersten Mann im Staat immer das Parlament – geht es viel mehr um Persönlichkeiten als um die in Tschechien ohnehin völlig in Misskredit geratene Parteipolitik.

Auf einem Platz in der Prager Altstadt feierten Mittwochabend 4000 vor allem junge Leute den knorrigen Adeligen. Der kam inmitten eines mehrstündigen Showprogramms mit fast allen tschechischen Popgrößen selbst gerade einmal fünf Minuten auf die Bühne. Wie gewohnt entschuldigte er sich zuerst für sein unverständliches Genuschel – längst sein Markenzeichen –, um dann ein paar beiläufige Bemerkungen über die Wahl zu machen.

„Er ist einfach cool“

Doch schon das reichte für ungebremste Begeisterung. „Er ist einfach cool“, schwärmt eine Studentin bei ihrem Glühwein:„Der muss einfach nicht mehr lügen – wie die anderen Politiker.“

Doch eine Volkswahl wird auch bei unseren Nachbarn nicht in der bürgerlichen Altstadt entschieden, sondern draußen auf dem weiten Land. Und dort ist einer haushoher Favorit, der ähnlich wie Schwarzenberg den bärbeißigen Opa gibt, der all die alltäglichen Niederungen der Politik längst hinter sich gebracht hat: Milos Zeman, ehemals sozialdemokratischer Premier, der mit seiner Partei längst lautstark abgerechnet hat.

Hochprozentiges

Jahrelang saß er dann auf seinem Landsitz in Südmähren, gab in Büchern und gelegentlich fürs Fernsehen öffentliche Bosheiten über die Prager Politik zum Besten und soll sich sonst ziemlich intensiv den hochprozentigen Wässerchen aus dem Kurort Karlsbad gewidmet haben.

Jetzt aber ist er wieder da, gesundheitlich einigermaßen in Schuss und mit umso mehr schwergewichtigem Humor, über sich selbst genauso wie über seine Gegner und die Politik. Er werde sich die Herren Minister schon ganz genau anschauen, die er als künftiger Präsident anzugeloben habe. „Trottel, egal ob links oder rechts“, hätten bei ihm keine Chance, machte er sich schon im Wahlkampf stark, „denn die sind wirklich gefährlich“.

Starke Töne, von unverwechselbaren Querdenkern, die hören viele Tschechen gerne von den Herren, die hoch oben auf der Prager Burg einziehen. Nicht umsonst ist Vaclav Havel samt schlecht sitzenden Anzügen und seinen Frauengeschichten dort oben zur Legende geworden. Sein Nachfolger, Vaclav Klaus, hat ganz Europa mit seinem Grabenkrieg gegen die EU vor den Kopf gestoßen – die Tschechen schimpften über ihn und mochten ihn deshalb nur umso lieber.

Umso erstaunlicher, dass einer der Favoriten für diese Wahl das genaue Gegenmodell dazu darstellt: Jan Fischer, Statistik-Experte und knochentrockener Bürokrat.

Als die konservative Regierung 2009 mitten während Tschechiens EU-Vorsitz mit Getöse platzte, rettete er die Situation und führte als Premier ein Kabinett aus Experten und Beamten. Die Tschechen, Korruptionsskandalen und Machtkämpfen mehr als überdrüssig, begeisterten sich für den soliden, ruhigen Staatsbeamten.

Wenig Charisma

Doch diese Begeisterung, die Fischer als Präsidentschaftskandidaten anfangs bei allen Umfragen in Führung brachte, hat deutlich nachgelassen. Das hat mit Fischers mangelndem Charisma zu tun, das ihn bei allen Wahlkampf-Debatten schlicht alt und langweilig aussehen ließ, aber auch mit einem hässlichen roten Fleck in seiner Vergangenheit.

Braver Staatsdiener, wie er eben war, machte Fischer auch unter der kommunistischen Diktatur Karriere und blieb der Partei auch noch treu, als die Revolution 1989 das Land schon umgekrempelt hatte. Das musste sich der 62-Jährige den ganzen Wahlkampf über vorwerfen lassen. In ganzseitigen Inseraten in den Tageszeitungen wurde in riesigen roten Lettern seine Mitgliedschaft bei den Kommunisten angeführt. Und gleich darunter zeigte sich der tschechische Humor von seiner ganz bösen Seite: „Fischer – immer auf der sicheren Seite.“

Von zu gefährlichen Piercings bei Gewitter

Viele Prager können sich noch an den von Kopf bis Fuß tätowierten und mit Piercings gespickten Mann erinnern, der im Sommer vor einer U-Bahn-Station um Unterstützungserklärungen warb. Ein bisschen furchterregend, aber charmant erklärte der „Eingeborene“, wie man ihn bald nannte, seine Idee von einem Präsidenten, der mit Politik im eigentlichen Sinn nichts, aber auch gar nichts zu tun haben sollte.

Die tschechischen Medien wurden auf den 53-Jährigen aufmerksam und rasch wurde klar, dass der „Wilde“ studierter Jurist und Opernkomponist mit einer Professur an der Prager Kunsthochschule war. Die 50.000 notwendigen Unterstützer hatte Vladimir Franz rasch zusammen. Seine Fans in Online-Foren wurden immer mehr. Man sammelte Geld, für ein paar Auftritte und Broschüren und für eine bescheidene, aber sehr erfolgreiche Wahlkampagne.

Statt wie die anderen Kandidaten von Auftritt zu Auftritt zu hetzen, lancierte Franz seine Botschaften und schrägen Kommentare übers Internet. Vor allem junge, gebildete Tschechen klickten begeistert seine Gedanken an über den Untergang der westlichen Zivilisation oder darüber, dass ein Präsident laut Wahrheiten aussprechen müsse. Auch über sich selbst: Franz spricht offen über seine früheren Kontakte zu rechtsradikalen Skinhead-Bands, die ihn künstlerisch – auch durch ihre Wahnideen – fasziniert hätten oder darüber, dass er bei den letzten Parlamentswahlen mangels attraktivem Angebot keine Stimme abgegeben habe.

In den Umfragen konnte der Künstler sogar Karl Schwarzenberg überholen und lag mit fast zwölf Prozent an dritter Stelle. Bei TV-Auftritten gab er sich zuletzt weit familienfreundlicher und weniger Furcht einflößend. Er trug dunkle Anzüge und Krawatte und hatte Piercings aus Mund und Nase entfernt. Die seien ja „einfach viel zu gefährlich bei Gewitter“.

Falls es, wie erwartet, für die Stichwahl nicht reicht, kann Franz gelassener denn je zu seiner Kunst zurückkehren. Erst am Donnerstag hatte seine Operninszenierung von „Der Krieg mit den Molchen“ am Nationaltheater in Prag Premiere. Um die Generalprobe am Dienstag rechtzeitig zu erwischen, sprang er übrigens mitten in einer TV-Debatte mit anderen Kandidaten auf und verabschiedete sich. Bis zur Präsidentschaft habe er eh noch Zeit.