© EPA/Massimo Percossi

Reportage
12/14/2019

Großdemo in Rom: Was Salvini mit "Sardinen" und Nutella verbindet

Neuerlich rief die junge Bewegung der "Sardinen" zum Protest gegen den rechten Politiker. Zehntausende Menschen kamen.

von Irene Mayer-Kilani

„Ich erwarte mir etwas Grandioses“, erklärte "Sardinen“-Mitgründer Mattia Santori am Samstag. Sein Wunsch erfüllte sich. Zehntausende Menschen strömten bei Sonnenschein auf die Piazza San Giovanni in Rom. In den vergangenen Wochen waren bereits zehntausende Menschen in Bologna, Modena, Mailand und Venedig auf die Straße gegangen.

Der Protest der „Sardinen“ richtet sich gegen einen grassierenden Nationalismus mit Hass und Fremdenfeindlichkeit, der zunehmend um sich greift. Und den vor allem der ultrarechte, ehemalige Innenminister und Lega Chef-Matteo Salvini forcierte.

Immer wieder wird an diesem Samstag das Partisanenlied „Bella Ciao“ angestimmt. „Sardinen“-Transparente in allen Formen und Farben schmücken die dicht gefüllte Piazza.

Auch Politaktivist Massimo Marnetto ist auf dem traditionellen Platz der Linken dabei. Er hat seine eigene Definition von den „Sardinen“: „Sie sind eine ,Diebstahlsicherung‘ zum Schutz der Demokratie. Wenn sich jemand mit bösen Absichten unserer Verfassung nähert, um sie zu manipulieren, dann steigt die Zivilgesellschaft auf die Barrikaden.“ Es sei die Pflicht aller Bürger, antifaschistische Werte zu verteidigen.

Demo auch in Wien

Nicht nur in Rom, sondern auch in Brüssel, Paris und Wien versammelten sich am Samstag Demonstranten, um ihre Ablehnung gegenüber Populismus und Rassismus auszudrücken. Die "Sardinen"-Bewegung hatte in sozialen Medien zum "Global Sardine Day" aufgerufen.

Der Sprecher der Sardinen, der 32- jährige Wirtschaftsabsolvent aus Bologna, Mattia Santori, ist derzeit omnipräsent im italienischen TV. In einer schlaflosen Nacht kam ihm die Idee, dass es doch möglich sein müsste, Menschen wie „Sardinen geschlichtet“ auf Plätze in Italien zu bringen – gegen die Hasstiraden und den Rechtsruck des ehemaligen Innenministers Matteo Salvini.

Die Sardinen fordern von der Politik einen zivilen Umgang und moderate Töne gegenüber der Bevölkerung.  „Die Politiker haben eine Generation vor sich, die sehr wohl zwischen Lügen und Wahrheit unterscheiden kann", gibt sich Santori kämpferisch. Gemeinsam mit drei Freunden rief er die Bewegung vor einem Monat ins Leben.

"Der Slogan 'Die Italiener zuerst' wird das Problem der Einwanderung ebenso wenig  lösen, wie die Slogans über den Euro nicht die wirtschaftlichen Probleme lösen", so Santori. Man müsse den Menschen erklären, dass es dafür komplexere Lösungen braucht.

Santori arbeitet als Energieberater und Sportlehrer in Bologna. Die Sardinen wollen – vorerst - keine Partei gründen.  Ihr Anspruch, mehr Menschen als der ultrarechte Lega-Chef Salvini mobilisieren zu können, ist ihnen jedenfalls bereits im ganzen Land gelungen.  

 

Ringelreihen

Zurück nach Rom: Demo-Teilnehmer Massimo Marnetto erinnert an ähnliche Bewegungen in der Vergangenheit – etwa die „Girotondi“ (Ringelreihen)- Bewegung, der sich viele Intellektuelle und Künstler wie Filmregisseur Nanni Moretti anschlossen. Die Ringelreihen wurden gegen die Übermacht des damaligen Premiers Berlusconi bei Justiz und Medien getanzt.

Diesmal ist der Feind nicht der amtierende Regierungschef, sondern Lega-Mann Salvini. Premier Giuseppe Conte bekundete der Bewegung ausdrücklich seine Sympathie. Der Chef der Linksdemokraten (PD) Luca Zingaretti dankte auf Twitter dafür, dass „sie mit ihrer Veranstaltung Rom schöner machen.“

Papst Franziskus, Greta und die „Sardinen“ zählen für die Verlegerin Ginevra Bompiani zu ihren Vorbildern. Seit Salvini in der Regierung war, sei immer ungenierter in der Öffentlichkeit gegen Ausländer, aber auch gegen Juden, Homosexuelle und Frauen gehetzt worden. „Davon wollen wir uns endlich wieder befreien“, sagt Bompiani.

Nutella-Boykott

Zuletzt wurde Salvinis Nationalismus immer absurder. Kürzlich rief er zu einem Nutella-Boykott auf, da die Nüsse für die Schokocreme nicht aus Italien, sondern aus der Türkei stammten.

Jeder vierte Italiener ist laut Umfragen an den Sardinen interessiert. Doch die haben vorerst nicht die Absicht, zu einer Partei zu werden. Auch wenn am Sonntag ein Treffen der Aktivisten verschiedener Städte geplant ist, um eine Struktur und eine Strategie zu bestimmen.

Berlusconis Lebensgefährtin als Fan

Die Fangemeinde der „Sardinen“ zieht sich quer durch alle Bevölkerungsschichten und politischen Lager. Als Anhängerin outete sich auch Berlusconis Lebengefährtin Francesca Pascale. „Wir sind offen für alle, die sich gegen rechte Rhetorik wehren“, meinten die „Sardinen“.

Tatsache sei aber, dass gerade die Forza Italia (Berlusconis rechtskonservative Partei) mit „dem Hauptprotagonisten“ (Salvini) verbündet sei. Doch: „Wenn Francesca Pascale mit einer schön bunt bemalten Sardine auftaucht, drücken wir ein Auge zu.“

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