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Politik Ausland
12/12/2019

Großbritannien: Ein Land, tief gespalten, sucht sich selbst

Zwischen Wut, Stolz und Sturheit. Arm und Reich, Nord und Süd, weltoffener Brite und eigenbrötlerischer Engländer: Großbritannien ist eine Insel voll tiefer Klüfte. Der Brexit und gerade diese Parlamentswahl legen sie unbarmherzig offen.

von Konrad Kramar

Wer durch das kleine südenglische Städtchen Slough fährt, kann mit einem einzigen Blick aus dem Fenster des Autobusses zwischen zwei Welten pendeln. Hinter den Häuserzeilen tauchen die gotischen Türmchen von Schloss Windsor auf, zwischen den Häuserzeilen aber reihen sich Ein-Pfund-Shops an die Trödler-Läden von Hilfsorganisationen wie der Heilsarmee. Wer in der dortigen Hauptstraße nach Essbarem sucht, muss sich mit Tiefkühlkost von "Iceland" zufriedengeben. Das örtliche Pub, erklären verärgerte Anrainer auf Anfrage, sei zuerst an eine Restaurantkette verkauft und dann rasch zugesperrt worden.

Oft und oft bin ich durch Slough gefahren. Ob ich nun Gast bei einer königlichen Parade aus Anlass eines der unzähligen Thronjubiläen von Königin Elizabeth war oder ein Kronprinz heiratete. Auf dem Weg vom Flughafen kam man an Slough nicht vorbei, und wenn man danach durch die geschmückten mittelalterlichen Gassen von Windsor in Richtung Schloss spazierte, hatte man den Anblick dieses anderen Großbritannien noch im Kopf.

Im Kopf: "Cool Britannia"

Großbritannien im Kopf, das ist für uns Mitteleuropäer meistens voll von royalem Pomp, viktorianischen Palästen und Landhäusern und sehr viel "Cool Britannia", gebaut aus Popmusik, waghalsiger moderner Architektur und noch waghalsigerer Mode, die man sogar im globalisierten Heute noch begeistert in überfüllte Koffer stopft, um zu Hause damit Eindruck zu schinden.

Doch zu jedem Gesicht, das uns Großbritannien zeigt, gibt es auch das genaue Gegenteil. Die Drastik, mit der diese Gegensätze tatsächlich direkt nebeneinander existieren, überfordert gerade uns Mitteleuropäer mit unserer Liebe zu Mittelklasse und Mittelmaß.

Selbst in London muss man nur ein paar Stationen mit der U-Bahn fahren, um aus den Glastürmen des 21. Jahrhunderts direkt in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts zurückzureisen. Die endlosen Reihen von Reihenhäusern, an denen heute noch der Ruß einer längst zugrunde gegangenen Industrie klebt, prägen die Vorstädte. Drinnen in den Häusern findet man die zugigen Schiebefenster, hinter denen man schon vor vielen Jahren als Teenager gefroren hat, liegt muffiger Spannteppich in den Vor- und manchmal auch noch Badezimmern, müht sich ein Elektro-Radiator mit der feuchten Winterkälte ab.

In die Zukunft vernarrt

Je weiter man sich nach Nordengland vorwagt, in die alten Industriemetropolen zwischen Manchester und Liverpool, desto länger dauert die Reise durch diese Vorstädte und desto tiefer wird die Armut, die sich dort festgesetzt hat.

Vieles an Großbritannien ist bis zur Lächerlichkeit in die Zukunft vernarrt. Wo sonst findet man ein Pub, das stolz Werbung dafür macht, dass man Bier und Burger jetzt auch per App bestellen kann? Wo probiert man jede Neuerung gleich aus, um festzustellen, dass sie nicht funktioniert?

Zugleich aber steckt dieses Land so sehr in seiner Vergangenheit fest, dass man als Reporter immer wieder an den Spruch eines US-Außenministers in den 1960ern erinnert wird: "Großbritannien hat ein Weltreich verloren und bis heute keine neue Rolle für sich gefunden."

Tief in der Vergangenheit

Die Suche nach dieser neuen Rolle wurde und wird in Großbritannien mit oft beängstigender Härte betrieben. Als die Greißler-Tochter Margaret Thatcher in den 1980ern beschloss, aus Großbritannien eine Nation der Händler und Dienstleister zu machen, wrackte sie die bis dahin übermächtige britische Industrie mit einer Konsequenz ab, die ganze Landstriche veröden ließ. Die es bis heute so geblieben sind.

In Englands Norden, wo diese Industrie über mehr als ein Jahrhundert atemberaubenden Reichtum geschaffen hat, prägen Fabriksruinen und stillgelegte Eisenbahnstrecken bis heute noch viele Gegenden. Und weil die sicheren Arbeitsplätze, die damals verloren gingen, bis heute nicht zurückgekehrt sind, winden sich die Schlangen vor den Essensausgaben und Sozialmärkten jeden Morgen um die Häuserecken.

Billigläden und Pfandleiher

Ein paar Jahre später versuchte die Labour-Regierung unter Tony Blair, zumindest den Innenstädten neues Leben einzuhauchen. Um ihnen eine neue Identität zu geben, baute man Kulturzentren und Bibliotheken, förderte die Ansiedlung gigantischer Shoppingcenter. Auch von diesem Umbruch sind vielerorts nur die Ruinen geblieben. In die Shopping Center von Birmingham oder Bradford zogen bald die Billigläden, dann die Pfandleiher und schließlich die Immobilienmakler mit ihren "Lokal zu vermieten"-Schildern ein. Die Schilder hängen bis heute.

All diese Fehlschläge, die Frustration der Menschen, das Gefühl von ihren Politikern immer zu wenig beachtet oder missverstanden zu sein: Daraus braute sich 2016 das "Ja" zum EU-Austritt zusammen, das nicht nur die EU vor den Kopf stieß, sondern auch die Regierenden in London.

Die Hochburgen des Brexit sind genau in diesen alten Industrierevieren im Norden Englands verortet – und die Stimmen dort kamen zum Großteil aus der Arbeiterklasse.

Dort oben im Norden sitzt die Wut auf London ohnehin seit Langem tief. Der arrogante Londoner, der ständig in Phrasen redet, keine

Geduld für nichts hat und Sushi statt einer anständigen Steak and Kidney Pie isst und sich dabei noch vor zu vielen Kohlehydraten fürchtet, ist ständiges Thema für Witze nördlich von Birmingham.

Londoner, so beweisen Umfragen, sind gerade einmal bei 15 Prozent der Bewohner der nördlichen Provinz Yorkshire beliebt. Die Kluft zwischen Nord und Süd ist durch die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertieft worden – und der Brexit droht, diese Kluft endgültig unüberwindlich zu machen.

Bisher waren Nationalismus und Separatismus in Großbritannien vor allem den Schotten überlassen. Heute aber entdeckt sich auch England von Neuem. Diese Wiederentdeckung kann einen netten Anstrich haben: "Konservativismus mit kleinem c" nennt man diese nostalgischen Gefühle für das England der kleinen Landstraßen, der Dorfgasthäuser und grünen Wiesen. Doch es gibt sie auch – wie alles in Großbritannien – mit einer hässlichen Miene. Wo heute wieder die englische St. Georgs-Flagge geschwenkt wird, findet sich auch Ausländerfeindlichkeit bis hin zum blanken Rassismus und eine tiefe Verachtung für Europa. Es ist das England, wo viele Besucher lieber nicht hinschauen. Aber wer wirklich nach Windsor will, muss eben auch durch Slough durch.

Very amused: Was die Briten ausmacht

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