© APA/AFP/Moscow transport department/HANDOUT

Politik Ausland
01/08/2021

Gleichberechtigung auf russisch: Wieso Frauen noch immer 100 Berufe untersagt sind

In Moskau dürfen Frauen nach 46 Jahren U-Bahnen lenken. Von 100 anderen Berufen bleiben sie ausgeschlossen - das hat mit der schwachen Geburtenrate zu tun.

von Evelyn Peternel

Auf dem Ticket steht: „Du kannst sein, was du willst!“, daneben ist vor grellpinkem Hintergrund eine Barbie abgebildet. Als Ärztin, als Bauarbeiterin, und auch als U-Bahn-Fahrerin in High Heels.

Das ist Gleichberechtigung auf Russisch: Die Moskauer Metro hat zum Jahreswechsel eine Sonderedition der normalerweise blauen Öffi-Tickets aufgelegt. Denn seit diesem Tag dürfen auch Frauen die U-Bahn-Züge der Metropole fahren. Seit 1974 war ihnen das per Gesetz verboten, ebenso wie 455 weitere Berufe.

Taucherin? Geht nicht

Dass nun zwölf Frauen die bisher ausschließlich männliche Mannschaft der Metro ergänzen, wird in Russland als Sieg der Emanzipation gefeiert. Allein, dieser Sieg hat einen leichten Beigeschmack – nebst der Tatsache, dass rosarote Barbie-Tickets und Stöckelschuhe bei Mädchen vielleicht nicht die richtigen Assoziationen in puncto Gleichberechtigung wecken. Denn von der Verbotsliste aus der Sowjetzeit, gegen die in den vergangenen Jahren Gerichtsverfahren angestrengt wurden und die auch Gewerkschaften als nicht mehr zeitgemäß einstuften, wurden längst nicht alle Berufe gestrichen.

100 Tätigkeiten bleiben den Russinnen auch 2021 verwehrt. Zwar dürfen Russinnen jetzt Lkw lenken, Kapitäninnen sein und Holz fällen – Baggerfahrerin, Taucherin oder Feuerwehrfrau dürfen sie aber nicht werden. Auch die Arbeit in der chemischen Industrie, an Hochöfen und in Kohleminen bleibt ihnen untersagt.

Die Gründe für die Beibehaltung dieser 100 Jobs sind, so oppositionelle Medien und NGOs, wohl dieselben wie vor 46 Jahren. Damals wurde die Liste eingeführt, weil die Geburtenrate stagnierte. Das Motto hieß: Frauen sollen keine schwere körperliche Arbeit leisten, das beeinflusse ihre Fertilität negativ. Das überrascht, denn Emanzipation wurde in der UdSSR großgeschrieben. Jede Arbeitskraft wurde benötigt, um den Arbeiter- und Bauernstaat am Laufen zu halten, Kindererziehung war freilich dennoch Frauensache.

Heute ist die Lage in puncto Geburten noch dramatischer als damals. Die Rate liegt bei 1,76 Kindern pro Frau, in den Siebzigern lag der Wert noch bei 2. Nicht umsonst beschwört Präsident Wladimir Putin, der selbst gern oberkörperfrei ein spezielles Männerbild propagiert, bei jeder Gelegenheit, dass die wichtigste Rolle von Frauen jene der Mutter ist und dass Mann und Frau danach trachten sollten, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Sein klassisch-konservatives Familienbild wurde kürzlich auch in der Verfassung verankert. Mit vielen finanziellen Anreizen für potenzielle Eltern versucht der Staat, die Bevölkerung nicht schrumpfen zu lassen – ein Zuwachs durch „Gastarbejtery“ aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, wie Russland ihn in den 1990ern erlebt hat, ist sozial eher nicht erwünscht. Damals führten die Migrationsbewegungen zu massiven Spannungen.

Nur: Ob die Beibehaltung von 100 verbotenen Berufen etwas an der Tatsache ändert, dass Russland langsam die Russen ausgehen, bleibt dennoch eher fraglich.

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