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Politik Ausland
02/23/2020

Abwanderung: Putin gehen die Russen aus

Immer mehr junge Menschen wollen das Land verlassen. Das wird zum Problem für den Präsidenten.

von Evelyn Peternel

Sergej Lebedew wird gerne Ausnahmeschriftsteller genannt. Oft sogar in einem Atemzug mit den Großen der russischen Literatur.

Eines hat der 38-Jährige mit einigen von ihnen gemein: Er liebt seine Heimat, er schreibt über sie. Aber lebt nicht dort.

„Es ist ein Leben unter ständigem Druck“, sagte er dem KURIER, als er vor einiger Zeit von Russland nach Berlin emigrierte. „Big Brother“ habe begonnen, ihn zu überwachen, erzählte er; die Zeitung, für die er schrieb, wurde verboten. Später wurde er bei der Ausreise aus Russland stundenlang von der Polizei festgehalten.

Der Grund? Seine Literatur ist politisch, er schreibt über die Stalin-Zeit, über Gulags. Und er ist ein offener Kritiker Wladimir Putins.

Mehr als die Hälfte will weg

Was Lebedew erlebt, macht auch vielen anderen Angst. Und auch sie wollen raus. Seit im Sommer die Proteste der Opposition gewaltsam niedergeschlagen wurden, steigt die Zahl der Emigrationswilligen unaufhörlich. Zuletzt wollten 53 Prozent der 18- bis 24-Jährigen das Land verlassen, wie Lewada, das einzige wirklich unabhängige Meinungsforschungsinstitut Russlands, jetzt eruiert hat. Die Auslandsrussen sind mittlerweile die drittgrößte Exil-Community weltweit, mindestens 4,5 Millionen haben seit dem Zerfall der Sowjetunion das Land verlassen.

Das wird zunehmend zum Problem für das Riesenreich – und für Putin selbst. „In den letzten ein, zwei Jahren hat sich einiges verschoben. Die Unzufriedenheit damit, wohin sich das Land entwickelt, steigt“, sagt Felix Krawatzek vom Berliner Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien.

Was die Jungen frustriert, ist einerseits die schlechte Wirtschaftslage. „Außerhalb des Öl- und Gassektors gibt es wenige attraktive und gut bezahlte Jobs“, sagt er. Und auf eine Staatskarriere, vor einigen Jahren hoch im Kurs, „haben viele junge Leute keine Lust. Die Bezahlung ist schlecht, es herrscht Korruption, die Jobvergabe ist intransparent“.

Die Intelligenzija flieht

Noch stärker wiegt aber die Unzufriedenheit mit Putins Politik. „Das Vertrauen in den Präsidenten hat stark abgenommen“, sagt Krawatzek. 2014, in der Hochphase nach dem Krim-Coup, lagen die Zustimmungswerte für ihn bei 88 Prozent. Jetzt sind sie auf 68 Prozent abgesackt. Ein niedriger Wert für einen autoritär regierten Staat.

40 Prozent jener, die das Land verlassen haben, sind wegen des aktuellen politischen Klimas gegangen, hat der Thinktank Atlantic Council eruiert; ein Drittel ist emigriert, weil politische Rechte und Freiheiten fehlen. Problematisch ist das, weil sie der Wirtschaft fehlen: Beinahe 90 Prozent der Emigranten haben einen höheren Bildungsabschluss – es ist also die Intelligenzija, die geht. Zudem animieren die Emigranten die Daheimgebliebenen zum Nachkommen. „Wer Freunde oder Familie im Ausland hat, über transnationale Netzwerke verfügt, will eher weg.“

All das droht Putin auf die Füße zu fallen. Denn zur Abwanderungsproblematik kommt ein generelles demografisches Problem: Die Zahl der Todesfälle übersteigt die der Geburten, die Geburtenrate stagniert. In hämischen Kommentaren ist bereits von „Geburtenstreik“ die Rede.

Allein, gehandelt wird deshalb nicht. „In den Staatsmedien wird der Emigrationswunsch der Jungen durchaus diskutiert. Aber man hat kein Rezept dagegen gefunden“, sagt Krawatzek. „Das Regime setzt dem Ganzen nur patriotische Bildungsprogramme entgegen.“ Ansehen kann man sich das etwa am

9. Mai, am Tag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland: Da wird mit viel Pomp die eigene Geschichte gefeiert werden – Stalin-Huldigungen inklusive.

Dass das die Jungen hält, glaubt Krawatzek nicht; eher im Gegenteil. Auch die Exilanten schreckt man damit eher ab, schließlich sind die ja gerade wegen der rückwärtsgewandten Politik Putins gegangen.

Kein Heimkehr-Wunsch

Wobei: Die meisten von ihnen wollen ohnehin nicht zurück. 90 Prozent schließen das aus, selbst wenn sich die politische Lage verbessert. Sie schicken, anders als andere Emigranten, auch kaum Geld in die Heimat, sagt Krawatzek. „Sie haben quasi Schluss mir ihr gemacht.“

Sergej Lebedew ist wohl einer von ihnen. Er lebt in Berlin – und bleibt vorerst mal.