Politik | Ausland
17.03.2018

Gift-Affäre: Auge um Auge, Diplomat um Diplomat

Nach Großbritannien weist auch Russland 23 Diplomaten aus. Die gegenseitigen verbalen Angriffe werden unterdessen immer rüder.

Der Gegenschlag des Kremls war erwartbar, angekündigt, einen Tag vor der sonntägigen Präsidentschaftswahl in Russland erfolgte er: Moskau wird dieselbe Zahl an britischen Diplomaten ausweisen (sie haben eine Woche Zeit dafür) wie London russische – jeweils 23. Doch damit nicht genug. Das britische Generalkonsulat in St. Petersburg, der Geburtsstadt von Präsident Wladimir Putin, muss seinen Betrieb ebenso einstellen wie das Kulturinstitut British Council in Moskau. Zudem wurde am Samstag der britische Botschafter erneut ins russische Außenamt zitiert.

Skripal und Tochter in kritischem Zustand

Damit geht das Hauen und Stechen zwischen den beiden Atommächten in eine neue Runde. Ausgelöst wurde es durch den Gift-Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal, 66, und dessen Tochter Yulia, 33. Die beiden waren am 4. März auf einer Parkbank in Salisbury nahe London ohne Bewusstsein aufgefunden worden. Seither liegen sie in einem Spital in kritischem Zustand.

Die britische Regierung unter Premierministerin Theresa May macht Russland für die Attacke verantwortlich. Ihr Außenminister Boris Johnson Putin persönlich, was zu wütenden Protesten im Kreml geführt hat. Als Indiz für diese These gilt in London die Tatsache, dass bei dem Mordversuch das Nervengas Nowitschok verwendet wurde, das zwischen 1970 und 1980 in der damaligen Sowjetunion entwickelt worden war. May an Moskau: Wir werden nie eine Bedrohung durch Russland dulden.

"Primitive Propaganda"

Der russische Außenminister Sergej Lawrow, der alle Anschuldigungen von sich weist, konterte: Die westliche Propaganda "wird immer primitiver und unverschämter". Und der Vertreter des Kremls bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, Alexander Schulgin, dreht den Spieß überhaupt um. Großbritannien sowie die USA seien an dem Anschlag beteiligt. Denn westliche Geheimdienste hätten in den 90er-Jahren russische Chemiker angeworben und seien so an die Substanz gelangt.

Dem widerspricht ein Bericht der britischen Zeitung The Daily Telegraph. Demnach sei das Gift im Koffer von Yulia Skripal bei deren Aufenthalt in Moskau deponiert worden. Bei ihrer Rückkehr sei es freigesetzt worden, als sie ihren Vater besucht habe.

Königreich will Todesfälle neu aufrollen

Die Affäre, in der sich die USA, Frankreich und Deutschland sowie die NATO hinter Großbritannien stellen, könnte sich noch weiter verschärfen. Der Grund: Laut britischer Polizei wurde der russische Geschäftsmann Nikolai Gluschkow, 68, zu Beginn dieser Woche in London ermordet. Dieser war unter anderem Vize-Chef der russischen Fluglinie Aeroflot. 2004 war er in seiner Heimat zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt worden. 2010 erhielt er im Königreich Asyl und arbeitete unter anderem für den Kreml-Kritiker Boris Beresowski. Dieser starb 2013 unter nie geklärten Umständen.

Ein Zusammenhang zwischen dem Morden an Gluschkow und der Attacke auf Skripal konnte bisher aber nicht hergestellt werden. Dennoch will Großbritannien jetzt 14 Todesfälle von Russen neu aufrollen. Zudem kontaktierte die britische Polizei Exil-Russen und mahnte sie zur Vorsicht.