Politik | Ausland
02.12.2018

"Gelbwesten": Frankreichs Flächenbrand?

Katerstimmung nach landesweiten Gewaltexzessen und verzweifelte Suche nach einer Lösung

Es war ein unfreundlicher Empfang, der Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gleich nach Rückkehr vom G-20-Gipfel in Buenos Aires in Paris bereitet wurde. Sonntag Früh besuchte er die Orte der schlimmsten Zusammenstöße der Nacht zuvor – und wurde ausgebuht. Danach beriet Macron mit Premier Édouard Philippe und Innenminister Christophe Castaner die Lage. Und dass die ernst ist, verdeutlicht die Wortwahl vor dem Treffen. Alle Optionen lägen auf dem Tisch, hieß es. Auch die Verhängung des Ausnahmezustandes.

Nach dem Treffen hüllte man sich in Schweigen. Angeblich soll Macron seinen Innenminister angewiesen haben, eine Strategie auszuarbeiten, um den kleinen mobilen Gruppen der Bewegung der „Gelbwesten“ Herr zu werden. Und während schwere Straftaten ermittelt werden sollen, will Macron anscheinend mit Opposition und „Gelbwesten“ verhandeln. Wobei sich Letzteres bisher als schwierig erwiesen hat, nachdem sich die Bewegung schon nicht einmal auf genaue Forderungen einigen konnte – geschweige denn auf einen Verhandler.

Das hindert sie aber nicht daran, aktiv zu sein. Teile der „ Gelbwesten“ setzten ihre Aktionen am Sonntag fort. Es kam zu Blockaden und auch Zusammenstößen. Bei Narbonne in Südwestfrankreich wurde eine Autobahn-Mautstelle niedergebrannt.

136.000 Beteiligte

In der Nacht zuvor hatte die französische Polizei stellenweise in Paris und anderen Städten komplett die Kontrolle verloren. Schlägertrupps der „Gelbwesten“ und Trittbrettfahrer legten Brände, plünderten Geschäfte, errichteten Barrikaden und griffen aus Hinterhalten Polizisten mit Äxten, Steinschleutern und Eisenstangen an.

Und während alle Augen auf Paris gerichtet waren, zeigte sich erst am Sonntag das ganze Ausmaß der Nacht: So hatte es in der ansonsten als besonders ruhig geltenden Stadt Bordeaux schwere Zusammenstöße gegeben. Anhänger der „Gelbwesten“ hatten versucht, das Rathaus zu stürmen. In der Stadt Puy-en-Velay in Mittelfrankreich war die Präfektur (das wichtigste Amtsgebäude) angezündet worden. In Marseille hatte es stundenlange Straßenschlachten und Plünderungen gegeben. Ebenso in der verarmten Ex-Industrie-Stadt Saint Etienne, wo zudem Weihnachtsmarkt-Stände brannten. In Dijon, inmitten der Wein-Region Burgund, hatten sich 6000 Demonstranten versammelt, Barrikaden errichtet und die städtische Weihnachts-Dekoration zerstört. In Nantes in Westfrankreich war die Landebahn des Flughafens von „Gelbewesten“ gestürmt und besetzt worden. Ausschreitungen wurden auch aus Toulouse sowie zahlreichen Kleinstädten Südwest-Frankreichs gemeldet. Vereinzelt waren Gendarmerie-Posten angegriffen oder Steuerämter und Parteilokale der Bewegung von Präsident Macron zugemauert worden.

In Summe sollen an den Aktionen 136.000 Personen beteiligt gewesen sein.

Schwerste Krawalle seit Jahrzehnten