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Politik Ausland
12/02/2020

Geheime Akten: Wie China den Corona-Ausbruch kleinrechnete

Geschönte Zahlen, 23 Tage, bis ein Testergebnis vorliegt: Chinas Behörden haben am Anfang der Pandemie massiv versagt, belegen Whistleblower-Dokumente. Das widerspricht der offiziellen Erzählweise komplett.

von Evelyn Peternel

2.478 neue Corona-Fälle hat es offiziell am 10. Februar 2020 in China gegeben. Es war der Tag, an dem der chinesische Präsident Xi Jinping erstmals nach tagelanger Absenz aufgetaucht war: Er bedankte sich damals per Video bei allen Helfern in Wuhan, dem Epizentrum der Pandemie – und bei den Behörden für ihr schnelles Eingreifen.

Nur: Dieser Dank hatte mit der Realität offenbar wenig zu tun. Denn in jetzt veröffentlichten, internen Dokumenten sieht die Lage ganz anders aus. Die Zahl der Infektionen an diesem Tag war mehr als doppelt so hoch, wie aus einem Report mit dem Vermerk „internes Dokument, bitte vertraulich behandeln“ hervorgeht, der dem US-Sender CNN zugespielt wurde.

Veröffentlicht wurde die echte Zahl allerdings nie. Weder damals noch später, als die chinesische Führung den Ausbruch angeblich penibel aufarbeitete.

Behördenversagen

„Man hat versucht, die Schwere des Ausbruchs herunterzuspielen“, urteilt CNN nach der Befragung mehrerer Experteüber das 117-Seiten-Dokument des Hubei Provincial Center for Disease Control and Prevention, das dem Sender von einem Whistleblower der Behörde zugespielt worden sei. Den chinesischen Offiziellen sei jede Möglichkeit gegeben worden, ein Bild nach ihren Vorstellungen zu zeichnen, so Andrew Mertha, Direktor des China-Studienprogramms der John Hopkins University.

Das ist ein Vorwurf, der nicht neu ist; allein: In diesem Maße belegt wurde er noch nie.

Allerdings, so konstatiert CNN, sei in den Unterlagen nirgends ein Hinweis auf bewusste Verschleierung zu finden – zumindest zu Beginn der Pandemie. Vielmehr habe es sich um Behördenversagen gehandelt: An mehreren kritischen Punkten der Pandemieentwicklung seien klare Fehltritte sichtbar – das ergebe in Summe ein Bild von institutionellem Versagen.

23 Tage bis zur Diagnose

Das hat China freilich immer anders dargestellt. Schon am 10. Februar, eben jenem Tag, an dem es eigentlich doppelt so viele Fälle gab wie offiziell kommuniziert, lobte Präsident Xi sich selbst dafür, wie gut China die Pandemie im Griff habe, wie rasch alle Stellen reagiert hätten. Auch jetzt ist dies das offizielle Narrativ Pekings.

Allein, von rasch kann keine Rede sein. Noch im März – als das Virus schon längst auf beinahe allen Erdteilen grassierte und China sich rühmte, die Zahlen eingedämmt zu haben   – brauchten die Behörden im Schnitt 23,3 Tage (!), um eine Corona-Infektion per Test nachzuweisen.

Und auch ein anderer Faktor wurde damals verschwiegen: Im Dezember – also just zu jener Zeit, als das Coronavirus erstmals auftauchte – wurden in Wuhan und zwei angrenzenden Städten eine enorme Zahl an Grippefällen registriert; 20 Mal so viele wie im Jahr zuvor. Zwar gibt es in den inoffiziellen Dokumenten keinen direkten Hinweis darauf, dass dies möglicherweise schon Corona-Fälle waren – nach außen kommuniziert wurde der seltsame Grippeausbruch allerdings nie.

Ablenkungsmanöver

Dass China just vor einigen Tagen versucht hat, den Ursprungsort des Virus in Italien oder Indien zu verorten, mag Zufall sein – oder ein Ablenkungsmanöver. Chinas Führung wollte den Whistleblower-Bericht jedenfalls nicht kommentieren. Ihr mag bewusst sein, dass er belegt, was auch Experten untermauern: Pekings Verhalten hatte „Auswirkungen auf die ganze Welt“, sagt Yanzhong Huang, Gesundheitsexperte beim Council on Foreign Relations. „Es ist klar, dass Fehler passiert sind. Aber nicht nur Fehler, wie sie einen im Umgang mit einem neuen Virus einfach unterlaufen, sondern auch behördliche und politisch motivierte Fehltritte.“

Allein, aufhalten können hätte man die Pandemie wohl mit mehr Transparenz auch nicht, sagt Huang – dafür sei das Behördenversagen zu massiv gewesen.

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