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Bethlehems Bürgermeisterin: "Stadt kann der Schöpfer des Friedens in Palästina sein - und für die Welt"

Auch sie ist in Bethlehem geboren, auch sie glaubt an Frieden. Christin Vera Baboun war Bürgermeisterin der Geburtsstadt Jesu.

von Axel Halbhuber

12/23/2018, 09:09 AM

Sie ist Christin, sie ist Wissenschaftlerin und vor allem eine Frau. Vera Baboun entspricht nicht der europäischen Vorstellung eines Bürgermeisters im Nahen Osten. 2012 wurde sie als erste Frau gewählt.

In ihrer Amtszeit wurde sie zur Lichtfigur für arabische Frauen und viele Palästinenser. Weil sie die Stadt, die als Symbol des Friedens gilt, zur „Stadt mit einer Botschaft“ machte. Weil sie ihre fünf Kinder immer von Hass fernhalten wollte, nachdem ihr Mann als politischer Aktivist im Gefängnis saß und 2007 verstarb. Weil sie Bethlehem (dem sie eine Liebeserklärung als Buch auf Französisch widmete: „Pour l’amour de Bethléem“) trotz der politischen Eskalation der vergangenen 15 Jahre noch immer für den Ort hält, der „Frieden für die ganze Welt“ sein kann.

KURIER: Bethlehem als Symbol des Friedens – ist das nicht paradox im Nahen Osten?

Vera Baboun: Ich sehe Bethlehem anders. Es ist nicht nur eine Stadt, Bethlehem hat eine Botschaft und Werte. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, wurde mit diesen Werten aufgezogen. Für mich ist Bethlehem der Besuch der Geburtskirche an einem normalen Sonntag. Wie es heuer drei Millionen Pilger taten. Gott sei Dank bleiben mittlerweile einige auch über Nacht, unsere 60 Hotels haben 98 Prozent Auslastung.

Wie ist die aktuelle Lage in Bethlehem nach den jüngsten Unruhen im Westjordanland?

Die Unruhen waren in Ramallah, hier ist es ruhig. Aber egal wo etwas passiert, es betrifft immer das ganze Westjordanland. Im Jahr 2002 hat sich alles geändert. Nach Oslo (Anm.: 1993 wurde in Oslo 1993 ein Abkommen zur Lösung des Konflikts unterzeichnet, mit der Absicht der Selbstverwaltung Palästinas) hatten wir alle Hoffnung. Aber seit Israel mit dem Bau begann (ab 2002 errichtete Israel die 759 Kilometer lange Sperranlage zum Westjordanland), haben wir eine neue Art der Besatzung mit Mauer und Checkpoints. Als Bürgermeisterin sagte ich: Der Friede Bethlehems ist okkupiert und es ist ein universeller Friede. Unsere Stadt ist eingeengt zwischen Mauer und jüdischen Siedlungen.

Sind diese Siedlungen aktuell das größte Problem für Sie?

Definitiv. Es gibt 19 Siedlungen im Bezirk Bethlehem, über 70 Prozent der Fläche sind C-Gebiet, in denen Israel alles kontrolliert. Hier werden Siedlungen gebaut, hier ist die Infrastruktur, die wir für das Wachstum brauchen würden, Wasser bis Strom. Es leben 700.000 Siedler, immer oben auf den Hügeln, sie nutzen die Ressourcen und folgen ihren Regeln. Um ein Staat zu sein, braucht man Land, solange Israel in Palästina Siedlungen baut, können wir kein Land errichten.

Die Siedlungspolitik entmutigt viele Palästinenser, besonders junge Eltern erzählen: „Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne das, aber seit ich Kinder habe, denke ich ans Weggehen – denn das ist nicht die Zukunft, die ich für meine Kinder will.“

Eltern suchen immer eine bessere Zukunft für ihre Kinder, das ist das menschliche Streben nach Entwicklung. Diese Entwicklung suchen wir Palästinenser auch. Wir sind eine gebildete Nation, und wenn du deine Kinder bildest, willst du ihnen die Welt zu Füßen legen und sie in die Welt entlassen. Aber dazu braucht man Chancen, zum Beispiel Jobs: Wir haben in Bethlehem 27 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Fahrt nach Ramallah (politisches und wirtschaftliches Zentrum) dauert eineinhalb Stunden wegen der Checkpoints. Aber nur acht Prozent haben eine Genehmigung, in Israel oder Jerusalem (jenseits der Mauer) zu arbeiten. Wir sind in der Mitte und isoliert. In Gaza und Westjordanland leben 4,9 Millionen Palästinenser, mit jenen in der Diaspora und den Flüchtlingen sind wir 11,5 Millionen. Wer weggehen kann, geht weg. Die Chancen sind woanders besser und um das zu ändern, brauchen wir mehr als nur „keine Unruhen“. Wir verdienen eine Zukunft, Wachstum und Entwicklung. Und echten Frieden.

Obwohl die Lage so ist, leben hier verschiedene Religionen überraschend ruhig zusammen.

Es war meine Aufgabe, alle Bürger zu unterstützen. Unsere Beziehung zueinander ist ein Zeichen für die Welt, wie Zusammenleben funktionieren kann. Bethlehem ist eine internationale Stadt mit Botschaft und eine Stimme für den Frieden, der Freiheit und Gerechtigkeit braucht.

Wohin vor allem Bildung führt, betonen sie als Uni-Lektorin oft.

Bildung ist ein Menschenrecht, für uns ist sie Pflicht, hier können 95,6 Prozent lesen und schreiben. Sie ist Zukunft und Teil unseres Widerstandes. Aber das führt zum Problem, dass ausgebildete junge Männer und Frauen in Palästina keine Jobs finden. Es sind übrigens 65 Prozent der Studierenden weiblich.

Viele sehen in Ihnen auch eine feministische Figur ...

... ich bin keine Feministin. Ich bin nur eine Gender-Forscherin, die an gleiche Rechte für Männer und Frauen glaubt. Solange Frauen die nicht haben, bestärke ich sie, zum Beispiel politisch aktiv zu werden. Frauen streben nach sozialem Frieden, was zu persönlichem Frieden führt. Wir schenken Leben, daher schauen wir auf andere, bevor wir auf uns schauen.

Yassir Arafat verordnete, dass die wichtigsten Städte im Westjordanland Christen als Bürgermeister haben, damit sie nicht vertrieben werden. Trotzdem: Eine weibliche, christliche Bürgermeisterin in Bethlehem überrascht Europäer. Wir sehen den Nahen Osten als männlich, schroff, unfeministisch und nicht christlich.

Im persönlichen Leben sind die Menschen hier sehr religiös. Im zivilen Leben folgen wir den gleichen Regeln und dazu gehört das Verständnis für Frauenrechte. Die Frauen Palästinas waren sehr aktiv im Widerstand. Ich selbst bin die Frau eines Aktivisten. Die Frau eines Mannes, der seinen Job wegen der Besatzung verloren hat. Die Frau eines Märtyrers. Ich weiß nicht, was mich zu dem gemacht hat, was ich bin, vielleicht die Umstände, mein Glaube, Erziehung und Bildung. Bestimmt hat mich geformt, meine Kinder im Widerstand groß zuziehen. Irgendwann führte ich plötzlich diese Stadt des Friedens. Mein Bild im Rathaus, neben lauter männlichen Bürgermeistern, dieses Bild ist mein Sieg. Also unterstütze ich Frauen.

Sie erzählten einmal von der Verhaftung Ihres Ehemanns, als und Sie die israelischen Soldaten baten, leise zu sein, damit die Kinder nicht aufwachen und das mitansehen. Die Menschen hier haben viel durchgemacht und wirken dennoch ruhig, so wie Sie.

Vielleicht versteht die Welt deswegen unseren Schmerz nicht wirklich. Aber in dem Moment wollte ich nicht, dass meine Kinder die Soldaten sehen – denn das führt zu Angst, dann zu Ärger und zu Hass. Ich wollte immer, dass meine Kinder normale Menschlichkeit leben können.

Wie weit ist Bethlehem vom Frieden entfernt?

Politischer Friede ist sehr weit weg. Besonders seit Donald Trumps Erklärung zu Jerusalem als Hauptstadt Israels. Aber wissen Sie: Bethlehem kann der Schöpfer des Friedens für Palästina sein – und für die Welt.

Ein Hinweis fürs Weiterempfehlen: Dieses Interview gibt es hier auch in englischer Übersetzung.

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