Politik | Ausland
03.04.2018

Französische Streikwelle beginnt: Ein Drittel blieb Dienst fern

Bei den Lokführern streiken 77 Prozent. Der Konflikt gilt als wichtige Kraftprobe für Präsident Emmanuel Macron.

Unzuverlässig und überschuldet: Die französische Staatsbahn SNCF gilt als Sanierungsfall. Präsident Emmanuel Macron drängt auf eine Bahnreform nach deutschem Vorbild, stößt aber auf den massiven Widerstand der Gewerkschaften. Sie läuteten am Dienstag dreimonatige Streiks gegen die Pläne ein. Sn jeweils zwei Tagen innerhalb von fünf Tagen soll es zu Arbeitsniederlegungen kommen. Insgesamt sind so 36 Streiktage geplant.

Zum Auftakt der Streikwelle gegen die Bahnreform hat ein Drittel der Beschäftigten des staatlichen Zugbetreibers SNCF die Arbeit niedergelegt. Wie das Unternehmen mitteilte, blieben am Dienstagvormittag 33,9 Prozent der Mitarbeiter dem Dienst fern. Allerdings lag die Quote in wichtigen Bereichen, die für die Abwicklung des Zugverkehrs nötig sind, deutlich höher.

So hatten sich 77 Prozent der Lokführer zum Streik gemeldet. Deshalb sollten nach den Ankündigungen der SNCF am Dienstag nur 12 Prozent der TGV-Fernzüge fahren. Der Konflikt gilt als wichtige Kraftprobe für Präsident Emmanuel Macron.

Insgesamt lag die Beteiligung an dem Streik leicht niedriger als bei einem vorherigen Protesttag am 22. März, als 35,4 Prozent der Mitarbeiter streikten. Beim notwendigen Personal für den Zugverkehr stieg die Streikquote dagegen von 36 auf 48 Prozent. Damals hatte nur ein Teil der Gewerkschaften zum Streik aufgerufen, diesmal ist die Aktion der Auftakt einer koordinierten Protestwelle: Die Gewerkschaften wollen immer im Wechsel zwei Tage streiken und drei Tage arbeiten, es sind 36 Streiktage bis Ende Juni angedroht.

Die französische Regierung will das hoch verschuldete Staatsunternehmen SNCF auf die Öffnung des Bahnverkehrs für den Wettbewerb vorbereiten. Für besonders viel Kritik bei den Gewerkschaften sorgt, dass für Neueinstellungen der vorteilhafte Eisenbahner-Status wegfallen soll.

Streik trifft Berufspendler und Deutschland

Der Streik hat Berufspendler besonders in den Metropolen, aber auch Fernverbindungen mit Deutschland getroffen. In der Region Paris sei nur einer von vier Nahverkehrszügen gefahren, teilte SNCF am Dienstag mit. Busse waren - wie die Bahnhöfe auch - nach den Osterfeiertagen völlig überfüllt.

An der zentralen Station Gare du Nord stürzten Wartende auf die Gleise und mussten wieder auf die Bahnsteige geholfen werden. Von den Hochgeschwindigkeitszügen TGV fährt nur einer von acht. Die Hälfte der Beschäftigten sind laut SNCF im Ausstand. Anlass der Proteste sind Pläne, den Verkehr wie von der EU gefordert für ausländische Anbieter zu öffnen. Zudem soll die hoch verschuldete SNCF saniert werden. Der Streik gilt daher als erste Machtprobe zwischen Gewerkschaften und Präsident Emmanuel Macron.

Die Gewerkschaften fürchten, die Öffnung des Marktes und die Sanierung würden letztlich auf eine Privatisierung hinauslaufen. "Wir verteidigen den öffentlichen Dienst Frankreichs, nicht nur die Bahnarbeiter", sagte Emmanuel Grondein, Chef von Sud Rail, einer von vier Gewerkschaften hinter dem Streik. Verkehrsministerin Elisabeth Borne forderte die Arbeitnehmervertreter zu Verhandlungen auf. Sie versuchten offensichtlich, den Streik als politisches Instrument zu nutzen. "Die Regierung wird nicht zurückweichen", kündigte sie an.

Der Ausstand wird auch am Mittwoch fortgesetzt. Dies wirkt sich bei den Fernzügen auf Nachbarländer wie Spanien, Italien, Schweiz und Deutschland aus. Hier sind die Verbindungen Frankfurt-Paris, München-Stuttgart-Paris und Frankfurt-Marseille betroffen, wo nur etwa ein Drittel der Züge fährt. Ein Viertel der Eurostar-Verbindungen zwischen London, Brüssel und Paris fallen ebenfalls aus.

SNCF fährt seit Jahren hohe Verluste ein und hat einen Schuldenberg von 47 Mrd. Euro angehäuft. Zum Vergleich: Die Schulden der Deutschen Bahn werden heuer mit 20 Mrd. Euro wohl einen Rekordstand erreichen. Auch hier reichen die Erlöse nicht aus, um Investitionen zu bezahlen. In Deutschland ist der Markt gerade im Regionalverkehr allerdings seit Jahren geöffnet. Konkurrenten - auch aus Frankreich - haben hier einen Anteil von etwa einem Drittel.