Politik | Ausland
23.04.2017

Warum Linker Melenchon den Favoriten Macron übertrumpfen könnte

Die persönliche Wahlprognose des Kurier-Korrespondenten nach letzten Eindrücken vor Pariser Wahllokalen.

In meiner Wohngegend sammelten sich Tagsüber vor den Schulen, die als Wahllokale dienen, riesige Warteschlangen. Zumindest hier, in den sozial durchmischten und kulturell besonders rührigen Multi-Kulti-Bezirken des Pariser Nordostens, wird die Wahlbeteiligung besonders massiv ausfallen. Und ich wage jetzt, wenige Stunden vor Abschluss des ersten Durchgangs der französischen Präsidentenwahlen, eine Prognose – nicht zuletzt auf Grund der vielen Gespräche, die ich heute mit Leuten im Umkreis der Wahllokale beziehungsweise schon in den Tagen zuvor in meinem weiteren Bekannten-Milieu führte.

Ich halte es für möglich, dass der Linkstribun Jean-Luc Melenchon in die Stichwahl gelangt und dabei den ursprünglichen Umfrage-Favoriten, den liberalen Zentrumskandidaten Emmanuel Macron, eliminiert.

Frankreich-Wahl: Die Positionen der Kandidaten

Keine Begeisterung für Umfrage-Favoriten Macron

Ich habe in den letzten Tagen buchstäblich niemanden getroffen, der so etwas wie Begeisterung für den parteilosen Pragmatiker Emmanuel Macron zeigte. Die wenigen, die sich als Wähler von Macron deklarierten, waren meistens ältere Semester, und auch bei ihnen überwog ein gewisse Abgeklärtheit und Resignation: sie würden für Macron stimmen, nicht weil sie von seiner Persönlichkeit und seinen Vorschlägen überzeugt wären, sondern weil er das geringste Übel darstelle, im Vergleich mit dem sehr konservativen und skandalbelasteten Francois Fillon auf der einen Seite und dem für sie zu radikalen Linkstribun Melenchon auf der andere Seite. Vor allem aber betrachten sie Macron, eben wegen seiner Favoritenposition bei den Umfragen für die Stichwahl, als den sichersten Bezwinger der Nationalistin Marine Le Pen im Abschlussduell, das am 7. Mai stattfinden wird.

Ganz anders ist die Stimmung bei den Leuten, die sich für den Linken Melenchon entschieden haben. Sie betrachten ihre Stimmabgabe nicht als einen taktischen Schachzug und eine notgedrungene Entscheidung, um „schlimmeres“, sprich Le Pen, zu verhindern. Diese Art der Wahlentscheidung, die sie „Vote utile“ (nützliche Stimmabgabe) nennen, ist ihnen inzwischen verhasst. Sie wollen nicht GEGEN, sondern FÜR ein Programm und einen Politiker stimmen. Und sie sind vom sozialökologischen und radikal-demokratischen Umbau, den Melenchon in seiner Kampagne bewarb, überzeugt.

Melenchons mit viel Wortwitz vorgetragenen Kampfansagen an Super-Reiche und alteingesessene Entscheidungsträger – er spricht von einer „Kaste“, die Frankreich beherrschen würde – trifft haarscharf die Stimmungslage eines großen Teils der jüngeren französischen Generationen, die oft unter Anstellungs- und Arbeitsbedingungen leiden, die in dieser unsicheren und brutalen Form ihren Eltern noch unbekannt waren. Ein junger Mann vor einem Wahllokal, sagte mir soeben: „Ich bin Krankenpfleger. Ich bin aus der Provinz nach Paris gezogen, weil ich hier auf mehr Jobchancen hoffte. Ich wusste, dass die Lebenshaltungskosten hier höher sind, aber es hieß, man würde in der Hauptstadt auch mehr verdienen, etwa durch Prämien. Aber das stimmt nicht: über die Hälfte meines Gehalts geht in die Miete für meine 16 Quadratmeter-Wohnung. Vom Rest meines Gehalts kann ich kaum leben. Melenchon hat recht, wenn er sagt, dass die Einkommensschere zu extrem wird.“

Jungwähler fliegen auf Melenchon

Diese Melenchon-Wähler bilden eindeutig die Mehrheit der Personen, die ich in den letzten Tagen und auch noch heute befragte oder reden hörte – bei den jüngeren unter ihnen stieß ich fast nur mehr auf Melenchon-Wähler.

Diesen Eindruck bestätigten auch die Trenduntersuchungen der letzten Wochen: demnach klettere die Zustimmung für Melenchon bei den 18 bis 24 jährigen Wählern innerhalb eines Monats von 12 auf 44 Prozent. Bei den 25 bis 34 Jährigen wuchs sein Anteil von 14 auf 27 Prozent.

Damit könnte sich eine Analyse des Soziologen Vincent Tiberj bewahrheiten, der seit langem bezüglich Frankreich betont: unter den Jungwählern, die sich sicher an Wahlen beteiligen, verfügt zwar der rechte „Front National“ von Le Pen über eine relative Mehrheit. Wenn man aber die Jugend als Gesamtes untersucht (inklusive der Teile, die sich nicht sicher sind, ob sie zur Wahl gehen und für wen sie stimmen würden), ergibt sich ein anderes Bild: demnach stünde „jede nachrückende Generation weiter links“. Dem wortgewaltigen und witzig auftretenden Melenchon scheint es einstweilen gelungen zu sein, diese Mehrheit teilweise in seinen Bann zu ziehen.

Melenchon saugt Sozialisten Hamon die Wähler ab

Das letzte, vielleicht wichtigste Argument, weshalb ich Melenchon unter den beiden Siegern des ersten Durchgangs heute Abend vermute, ist arithmetischer Natur:

Bei Umfragen hielt Melenchon zuletzt zwischen 18,5 und 20 Prozent, manchmal auch darüber. Aber es ist schwer vorstellbar, dass die rund sieben Prozent Wähler, die sich in den vorhergehenden Umfragen noch zum SP-Kandidaten, dem Linkssozialisten Benoit Hamon, bekannten, nicht jetzt, in der Wahlzelle, zu einem beträchtlichen Teil zu Melenchon hinüber wechseln werden.

Hamon vertritt ein ähnliches Programm wie Melenchon, er ist aber in den Wahlprognosen eben hoffnungslos abgeschlagen. Auch prominente Unterstützer von Hamon, wie etwa der weltberühmte Wirtschaftsforscher Thomas Piketty, haben daraus bereits die Konsequenzen gezogen und ihren Übertritt zu Melenchon angedeutet. Bei jüngeren Hamon-Wählern ist das durchwegs der Fall.

Gewinnt Melenchon zu seinen bisherigen rund 19 bis 20 Prozent noch etwa die Hälfte der sieben Prozent Wähler dazu, die sich ursprünglich zum Linkssozialisten Hamon bekannt haben, würde er heute Abend mit rund 23 Prozent Aussichten auf Platz zwei haben und damit die Qualifikation für die Stichwahl erringen.