Politik | Ausland
23.05.2017

Folgen des Brexits: Finanzplatz London hat Angst vor Milliarden-Verlusten

Die EU ist startklar für die Brexit- Gespräche, auch in London rüstet man sich. Doch die Sorge, den Rosenkrieg zu verlieren, wächst.

Keine Zeit zu verlieren! Bei keinem ihrer Auftritte in diesen Wahlkampftagen vergisst die britische Premierministerin Theresa May auf ihre zentrale Botschaft. Wenn die Parlamentswahl am 8. Juni einmal geschlagen ist, will sie – die programmierte Siegerin – umgehend mit den Verhandlungen mit der EU beginnen: Mit einer klaren Mehrheit im Parlament und einem klaren Auftrag: "Ein sauberer Brexit, kein halbherziges Verbleiben in der EU".

Doch während die Premierministerin trotzige Entschlossenheit demonstriert, wächst hinter der diplomatischen Kulisse die Sorge vor den Folgen des EU-Ausstiegs. "Das ist ein ungleiches Spiel", gesteht ein britischer Regierungsberater in Sachen Brexit gegenüber dem KURIER ein, "natürlich werden die Konsequenzen eines harten Ausstiegs viel schlimmer für uns sein als für die EU."

Der harte Ausstieg könnte die wichtigste Säule der britischen Wirtschaft besonders hart treffen: den internationalen Finanzplatz London. "Keine Frage, dass wir einen Brexit mit den geringsten Änderungen und Störungen bevorzugen würden", erfährt man von dem Berater, "aber das ist aus politischen Gründen wohl schwer möglich."

Etwa 700.000 Menschen arbeiten in London in der Banken- und Versicherungsbranche. Sie erwirtschaften nicht nur zehn Prozent der britischen Wirtschaftsleistung, sie erledigen auch den Großteil der Geld- und Aktiengeschäfte für Europas wichtigste Unternehmen.

Während sich die konservative May-Regierung offiziell noch davon überzeugt gibt, dass sich daran nicht allzu viel ändern werde, sind die Insider in der Londoner City längst nüchterner. Wichtige Geschäftsgrundlagen wie die "Passporting Rights", also das Recht, in London Aktien und Finanzprodukte für die gesamte EU zu handeln, würden sicher verloren gehen.

"Tor zur Finanzwelt"

Dass damit auch Jobs in der britischen Hauptstadt verschwinden würden, ist ein offenes Geheimnis. Vor allem US-Großbanken, die London noch als Tor zur EU betrachten, würden früher oder später ihre europäischen Niederlassungen zumindest teilweise auf den Kontinent übersiedeln. Vor allem Paris und Frankfurt buhlen als Finanzplätze derzeit um die Londoner Niederlassungen. Doch diese Konkurrenten, so warnt man von London aus, sollten sich nicht allzu große Hoffnungen machen: Wenn London an Bedeutung verlöre, würden davon vor allem Finanzplätze wie New York profitieren. Die EU-Finanzgeschäfte würden verstreut – und damit nur teurer, argumentieren die Briten.

Ein zentraler Finanzplatz wie London, so betont man, sei ein Riesenvorteil für die EU-Wirtschaft, "wir sind das Tor Europas zur Finanzwelt. London ist nicht nur für Großbritannien enorm wichtig, sondern für ganz Europa".