Politik | Ausland
16.09.2017

Festnahme nach Anschlag in Londoner U-Bahn

Laut Scotland Yard gab es eine "bedeutende Festnahme" in Zusammenhang mit dem Anschlag in der Londoner U-Bahn, bei dem 29 Menschen verletzt wurden.

Nach dem Bombenanschlag in der Londoner U-Bahn mit 30 Verletzten hat die Polizei einen 18-jährigen Terrorverdächtigen gefasst. Die "bedeutende Festnahme" sei am Samstag in der Früh im Hafenviertel der südenglischen Stadt Dover erfolgt, teilte die Polizei mit. Dover liegt am Ärmelkanal, von dort starten Fähren und Züge nach Frankreich.

Am Freitag-Nachmittag meldete die Polizei noch Hausdurchsungen in der südenglischen Stadt Sunbury. Dort seien aus Sicherheitsgründen umliegende Häuser geräumt worden

Der festgenommene 18-Jährige sei in einer örtlichen Polizeiwache und werde "zu gegebener Zeit" in eine Polizeiwache im Süden Londons verlegt, hieß es weiter. Aus ermittlungstaktischen Gründen wollte die Polizei vorerst keine weiteren Angaben zu dem Verdächtigen machen.

"Auch wenn wir über den erzielten Erfolg erfreut sind, dauert diese Ermittlung an und der Bedrohungsgrad bleibt bei 'kritisch'", erklärten die Ermittler und deuteten weitere Einsätze gegen Verdächtige an. Die Festnahme von Samstag früh werde "zu mehr Aktivitäten unserer Beamten führen".

Höchste Terrorwarnstufe

Nach dem Anschlag hat die britische Regierung die Sicherheitsvorkehrungen im Land verschärft. Soldaten wurden zur Bewachung wichtiger Einrichtungen eingesetzt, Militärpatrouillen sorgten für zusätzlichen Schutz. In Großbritannien gilt inzwischen die höchste Terrorwarnstufe. Das sagte Premierministerin Theresa May am Freitagabend im BBC-Fernsehen.

Die Warnstufe fünf bedeutet, dass die britischen Behörden einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag für möglich halten. Bei der Explosion einer selbst gebauten Bombe in einer voll besetzten U-Bahn nahe der oberirdischen Haltestelle Parsons Green waren mindestens 29 Menschen verletzt worden. Die Haltestelle wurde am frühen Samstagmorgen wieder für den Betrieb freigegeben.

Die Polizei fahndete mit Hochdruck nach dem Täter oder den Tätern. Es werde "Jagd auf Verdächtige" gemacht, sagte Scotland Yards Anti- Terror-Chef Mark Rowley. "Unsere Ermittlungen schreiten mit großer Geschwindigkeit voran." Einzelheiten zu den Verdächtigen oder der Bombe wollte Rowley aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen.

Nach einem Bericht des Guardian wurden bereits Video-Aufzeichnungen aus Überwachungskameras ausgewertet, auf denen zu sehen ist, wie der Bombenleger mit dem Sprengsatz in die U-Bahn einsteigt.

Lauter Knall und "Feuerwand"

Augenzeugen sprachen von einem lauten Knall und einer "Feuerwand", die sich in dem Waggon ausgebreitet habe. Die Detonation ereignete sich gegen 08.20 Uhr, mitten im morgendlichen Berufsverkehr. Scotland Yard zufolge wurde die Explosion nahe der oberirdischen Haltestelle Parsons Green durch eine selbstgebaute Bombe verursacht.

Die IS-Terrormiliz reklamierte den Anschlag für sich. Ein Kämpfer des Islamischen Staates habe die Tat ausgeführt, meldete das IS-Sprachrohr Amak am Freitagabend im Internet.

Premierministerin Theresa May berief den nationalen Krisenstab ein. Außenminister Boris Johnson rief die Briten auf, Ruhe zu bewahren. Großbritannien war in diesem Jahr bereits mehrfach Ziel terroristischer Angriffe mit insgesamt 36 Todesopfern.

Spekulationen

In sozialen Medien kursierten Bilder und Videos von einem weißen Kübel in einer Supermarktsackerl, der in dem Waggon eine kleine Explosion ausgelöst haben soll. Aus dem Kübel hingen Drähte. Nach BBC-Informationen wurde der Sprengsatz ferngezündet. Die Polizei bestätigte die Echtheit der Bilder zunächst nicht.

Die konservative Regierungschefin May erklärte: "Meine Gedanken sind bei denen, die in Parsons Green verletzt wurden und den Einsatzkräften, die - wieder einmal - rasch und mutig auf einen mutmaßlichen Terroranschlag reagieren." Bürgermeister Sadiq Khan verurteilte die Bluttat. "Unsere Stadt verurteilt die widerwärtigen Individuen, die mit Terror versuchen, uns zu schaden und unsere Lebensweise zu zerstören", schrieb er.

Die U-Bahn-Haltestelle wurde weiträumig abgesperrt. Im Fernsehen war ein großes Aufgebot an Rettungskräften und bewaffneter Polizei zu sehen. Die Feuerwehr teilte mit, sie sei mit 50 Mann im Einsatz. Die Menschen wurden aufgerufen, die Umgebung zu meiden. Der Zugverkehr wurde teilweise unterbrochen.

Augenzeugen berichteten von panikartigen Zuständen. Die Menschen seien aus der U-Bahn-Station nach unten auf die Straße gerannt. "Wir liefen die Treppen runter, und es hat sich angefühlt, als würden wir um unser Leben laufen", sagte ein Mann namens Luke dem Sender BBC5. Eine Frau namens Emma schilderte: "Nach einer Weile stapelten sich die Menschen übereinander, weil einige beim Laufen hingefallen waren."

Trump sorgt für Ärger

US-Präsident Donald Trump hat mit einem Kommentar zu dem mutmaßlichen U-Bahn-Anschlag in London den Unmut der britischen Sicherheitsbehörden hervorgerufen. Trump schrieb am Freitag im Kurzbotschaftendienst Twitter, die mutmaßlichen Attentäter seien im Vorfeld "im Visier von Scotland Yard" gewesen. Es sei notwendig, "proaktiv" gegen die Extremisten vorzugehen, fügte er hinzu.

https://twitter.com/realDonaldTrump/status/908642277987356673
Donald J. Trump (@realDonaldTrump

Die Londoner Polizei bezeichnete den Kommentar des US-Präsidenten als "nicht hilfreiche Spekulation". Nick Timothy, der frühere Stabschef von Premierministerin Theresa May, zeigte sich überzeugt, dass Trump nicht wisse, wovon er rede. Ob die Anmerkung des US-Präsidenten zutreffe oder nicht - sie sei "so wenig hilfreich" vom Präsidenten eines Landes, mit dem Großbritannien in der Geheimdienstarbeit kooperiere, schrieb Timothy auf Twitter.

Im März war ein Attentäter auf der Londoner Westminster-Brücke mit einem Auto gezielt in Fußgänger gerast, bevor er einen Polizisten auf dem Gelände des Parlaments niederstach. Fünf Menschen starben. Bei einem Bombenattentat auf die Besucher eines Konzerts in Manchester im Mai starben 22 Menschen. Acht Menschen verloren ihre Leben bei einem Angriff auf das Londoner Ausgehviertel Borough Market und die London-Bridge. Ein Mann kam bei einem Angriff auf Moschee-Besucher Ende Juni in London ums Leben.

Trump: "Härter gegen Terroristen vorgehen"

In einem zweiten Tweet schrieb US-Präsident Donald Trump, das Internet sei das wichtigste Rekrutierungswerkzeug der Terroristen: Dieses müsse "abgeschnitten und besser genutzt" werden. Bei den Terroristen handle es sich um kranke und verrückte Leute, die die Polizei von Scotland Yard bereits im Auge gehabt habe. "Müssen proaktiv sein!", schrieb Trump.

Der Präsident des Europaparlaments, Antonio Tajani, drückte den Opfern sein Mitgefühl aus. "Terrorismus kennt keine Grenzen und wird besiegt, indem man zusammenarbeitet", erklärte Tajani am Freitag auf Twitter.

Die deutsche Bundesregierung hat sich nach dem mutmaßlichen Anschlag in der Londoner U-Bahn "in großer Sorge" gezeigt. "Wir bangen mit unseren britischen Partnern, mit den Familien und Angehörigen derjenigen, die da offenbar verletzt worden sind", sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, am Freitag in Berlin.

"In dieser schwierigen Situation stehen wir an der Seite unserer britischen Freunde", hieß es weiter.

19. Juni 2017: Ein Mann rast mit einem Lieferwagen in eine Menschenansammlung in der Nähe eines muslimischen Gebetshauses in London. Ein Mensch stirbt, weitere werden verletzt. Der mutmaßliche Täter soll aus Hass gegen Muslime gehandelt haben.

3. Juni 2017: Drei Männer attackieren im Zentrum Londons Passanten erst mit einem Lieferwagen und dann mit langen Messern. Acht Menschen werden getötet, Dutzende verletzt. Die Terroristen werden von Polizisten erschossen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamiert den Anschlag für sich.

22. Mai 2017: Bei einem Bombenanschlag nach einem Popkonzert von Teenie-Star Ariana Grande in Manchester reißt ein Selbstmordattentäter 22 Menschen mit in den Tod, darunter auch Kinder. Der IS gibt an, hinter dem Anschlag zu stehen.

22. März 2017: Ein Attentäter steuert ein Auto absichtlich in Fußgänger auf einer Brücke im Zentrum Londons und ersticht anschließend einen Polizisten. Von den Opfern auf der Brücke sterben vier an den Folgen ihrer Verletzungen. Sicherheitskräfte erschießen den Täter. Der IS reklamiert die Tat für sich.

7. Juli 2005: Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.