Politik | Ausland
05.05.2017

Nordkorea: Zwischen Smartphones und Mangelernährung

Nordkorea-Experte Rüdiger Frank über neuen Wohlstand gegen Armut und Not unter Kim Jong Un.

Raketentests Nordkoreas, hektische Aktivitäten auf einem Gelände für Atomtests, Aufmarsch der US-Flotte in der Region: Kein Tag vergeht, an dem sich nicht die Spirale der Eskalation in dieser Krise weiterdreht. Selbst China erhöht nun den Druck auf die Führung in Pjöngjang, fordert ein Einlenken im Atomstreit. Dort reagiert man mit überraschend offener Kritik an der bisherigen Schutzmacht: Peking verschärfe die Krise, reiße "die Säulen der Beziehungen ein".

Was aber geht im Schatten dieser Krise tatsächlich in dem abgeschotteten Staat vor sich? Wie leben die 25 Millionen Menschen unter der Diktatur von Kim Jong Un, und was stimmt an den jüngsten Berichten über wirtschaftliche Reformen? Der KURIER sprach mit demNordkorea-Experten Rüdiger Frankvon der Universität Wien, der kürzlich von einer seiner zahlreichen Reise in das Land zurückgekehrt ist.

KURIER: Wie hat sich die wirtschaftliche Lage Nordkoreas unter Kim Jong Un verändert? Welche entscheidenden Maßnahmen hat er getroffen?

Rüdiger Frank: Die wichtigste Maßnahme ist, dass er die unter seinem Vater begonnenen Reformen unangetastet gelassen hat. Kim ist vorsichtig; er weiß, dass eine Reform schnell außer Kontrolle geraten kann. Aber unter seiner Herrschaft ist der neue Mittelstand weiter gewachsen, es gibt neue Geschäftsfelder wie Autowäsche oder Fahrradtaxis, es gibt miteinander konkurrierende Taxiunternehmen, und die Bauern dürfen einen größeren Anteil ihrer Ernte selbst vermarkten. Das ist noch nicht die Welt, aber eindeutig eine positive Richtung.

Wie ist ihr Eindruck vom Alltag der Bevölkerung, in der Hauptstadt und auf dem Land, gibt es ausreichend Lebensmittel und zu welchen Preisen?

Die nordkoreanische Gesellschaft driftet immer weiter auseinander. Wer Geld hat, dem geht es zunehmend gut, das sieht man vor allem in der Hauptstadt. Wer keines hat, der hat zu kämpfen, gerade in entlegenen Gebieten auf dem Land. Hunger gibt es zwar keinen mehr, aber Mangelernährung. Vor allem Fett und Protein fehlen. Anders als früher, wo Knappheit allgegenwärtig war, sieht man jetzt überall Lebensmittel im Angebot, sogar Äpfel und Orangen mitten im Februar bei meiner letzten Reise. Doch viele Menschen können sich so einen Luxus nicht leisten, während andere mit Smartphones telefonieren und mit E-Bikes herumfahren. Diese sichtbare Ungleichheit in den Griff zu bekommen, ist eine der größten Herausforderungen für Kim Jong-un.

Woher stammen die Waren, die gehandelt werden, und wie sind sie ins Land gelangt?

Viele Produkte werden aus oder über China importiert oder im Land in Joint Ventures produziert, die ebenfalls mit chinesischer Beteiligung entstanden sind. China hat auf diesem Wege seit vielen Jahren den Wandel in Nordkorea weit mehr vorangebracht als der gesamte Westen mit seinen Sanktionen und Drohungen. Es ist daher ziemlich unfair, Peking vorzuwerfen, sie würden nicht genug für die Lösung des Problems Nordkorea tun. Das Gegenteil ist der Fall.

Wie übt die Regierung Kontrolle über diese neue Marktwirtschaft aus, wie groß ist die Präsenz der Sicherheitskräfte im Alltag auf den Straßen?

Die offizielle Linie ist, dass man die Marktwirtschaft sozusagen zähmt und für die Zwecke des Sozialismus nutzt. Doch das ist reine Kosmetik, um den Schein zu wahren. Es gibt ein paar illegale Händler, die sieht man im Straßenbild durchaus. Doch das meiste passiert offiziell und mit Lizenz. Der Staat verdient hieran per Gebühr, die man bei uns Gewerbesteuer nennen würde. Sicherheitskräfte gehören überall zum Alltag, wir reden ja noch immer über Nordkorea.

Wie ist ihr Eindruck von der Stimmung der Bevölkerung, gibt es Ängste vor Krieg, oder Hoffnung auf eine Besserung der Lebensumstände?

Ich erlebe in Nordkorea den Wunsch nach Wohlstand und Frieden. Deutlich vorsichtiger erkennt man auch das Sehnen nach mehr Information und Freiheit. Das Ganze ist immer sehr patriotisch eingefärbt. Deutlich erkennbar ist auch der Fokus auf das private Glück und die Zukunft der Kinder. Die Menschen haben Träume, Ziele und Ambitionen. Krieg passt da überhaupt nicht ins Konzept. Die Drohgebärden des Westens durch die alljährlichen Militärmanöver, Flugzeugträger und die Ankündigung der "Lösung" des Problems Nordkorea sind hier nicht hilfreich. Sie ermöglichen es der Führung, die Menschen in einer Art Belagerungsstimmung zu halten.