© REUTERS/Stephen Lam

Politik Ausland
01/04/2022

Ex-US-Milliardärin Elizabeth Holmes wegen Betrugs verurteilt

Mit ihrem Unternehmen "Theranos" wollte die 37-Jährige die US-Medizin revolutionieren, nun droht ihr eine lange Haft. Das Urteil ist ein Sinnbild für die Mentalität im Silicon Valley.

von Dirk Hautkapp

Ihr kühnes Versprechen, mit ultra-günstigen Bluttests (ein paar Tropfen nach einem kleinen Pikser in den Finger) das überteuerte US-Gesundheitssystem zu reformieren, machte die blonde Unternehmerin zum Star auf den Titeln der Wirtschaftsmagazine wie in den obersten Etagen von Politik und Geldadel.

Nachdem das Wall Street Journal 2015 aber erste Zweifel an Elizabeth Holmes säte, die quasi über Nacht 900 Millionen Dollar Wagnis-Kapital für ihr „Start-up“ eintreiben konnte, begann der Stern der heute 37-jährigen Jungmutter zu sinken, jetzt ist er endgültig verglüht: Die Geschworenen-Jury eines Gerichts in San José sprach Holmes in vier von elf Anklagepunkten, die jeweils mit bis zu 20 Jahren Haft belegt werden können, schuldig.

Karrierestart mit 19

In den besagten Fällen ging es fast durchgängig um Investoren-Betrug. Beim Vorwurf, Holmes habe auch Patienten direkt hintergangen, erkannte die Jury in vier Fällen auf „nicht schuldig“. Bei drei weiteren Anklagepunkten konnte keine Einstimmigkeit erzielt werden. Wann Richter Edward Davila das Strafmaß verkünden wird, ist noch offen. Für Holmes ist das Urteil, gegen das ihre Anwälte Berufung einlegen wollen, Schlusspunkt einer schillernden Odyssee.

Mit 19 Jahren gründete sie als Chemie-Studienabbrecherin in Stanford ihre Firma, 2015 war „Theranos“ mit knapp neun Milliarden Dollar bewertet. Das Time Magazin wählte Holmes zu einem der 100 mächtigsten Menschen der Welt. Der damalige Präsident Barack Obama lobte sie als „Botschafterin für globalen Gründergeist“. Und als ideales Vorbild für junge Mädchen, die in der Wissenschaft landen wollen.

Holmes war umjubelte Gastrednerin beim World Economic Forum im schweizerischen Davos. Ihr Ruf ging so weit, dass sich Prominente wie der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger und Ex-Verteidigungsminister James Mattis bereitwillig in den Verwaltungsrat von „Theranos“ wählen ließen. Zu den Investoren, die Millionensummen gaben, gehörten Großunternehmer wie Medien-Mogul Rupert Murdoch und Larry Ellison (Oracle). Sie alle ließen sich blenden von einer jungen Frau, die angeblich aus Angst vor Spritzen die Blut-Diagnostik revolutionieren wollte.

Heute geht die Geschäftswelt zu Holmes auf Distanz, Hollywood nicht. Dort wird gerade ein Film über den tief gefallenen Star produziert. Titel: „Bad Blood“, Hauptrolle: Jennifer Lawrence.

Im Prozess stellte sich heraus, dass Holmes seit 2013 wusste, dass ihre Erfindung ein Rohrkrepierer war. So wurde das Gros der Tests, die das 2018 pleite gegangene Unternehmen bis dahin für Krankheiten (von Herpes über Aids bis Diabetes) anbot, mithilfe von traditionellen Maschinen erledigt, die „Theranos“ bei Technologie-Anbietern bezog. Zudem waren etliche Tests fehlerhaft. Sehr früh entzog die Apothekenkette Walgreens Holmes das Vertrauen und nahm die dort für zehn Dollar angebotenen Bluttests aus dem Sortiment. Ein Paukenschlag, weitere sollten folgen.

"Kaltschnäuzig"

Vor Gericht zeichneten die Anwälte von Holmes das Bild einer Frau, die ihr Bestes gegeben habe, aber gescheitert sei. Die Hauptschuld wiesen sie neben den Wissenschaftern in der Produktion dem damaligen Vize-Chef Ramesh „Sunny“ Balwani zu, der Holmes sexuell missbraucht haben soll. Ihm wird voraussichtlich im Sommer der Prozess gemacht.

Die Staatsanwaltschaft hielt dem entgegen, dass Holmes die haarsträubenden Unzulänglichkeiten ihrer Technologie vollkommen bewusst gewesen seien: „Sie hat sich dafür entschieden, unehrlich zu sein“, sagte Ankläger Jeff Schenk, „das war nicht nur kaltschnäuzig, das war kriminell“.

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